Die einst verbreiteten Bügelskilifte der Firma Oehler in Aarau mit ihren filigranen T-Masten sind selten geworden: Im Freiburgischen La Chia fährt noch einer, in Hemberg in der Ostschweiz steht noch einer (mit Betonung auf “steht” leider), in La Cierne bei Châtel-St-Denis – und der eine der beiden Oehler in Bennau SZ hat es gar ins hier im Forum einst kontrovers diskutierte Seilbahninventar geschafft.
Auch wenn der Bennauer Lift wohl der am nächsten am Originalzustand erhaltene ist, so halte ich den Skilift Heiligkreuz-First in Hasle LU (trotz der relativ modernen Habegger-Hydrogehänge) für den schönsten – wegen seiner Geschichte und seiner Steilheit.
Es ist eigentlich ein kleines Wunder, dass der Oehler-Lift im Entlebuch noch läuft: Vor 13 Jahren geriet die Betreibergesellschaft in Nachlassstundung. Seither wird die Anlage mittwochs und am Wochenende (während Schulferien täglich) weiter betrieben. Den Weiler Heiligkreuz erreicht man über eine kleine Strasse (teils als Pilgerweg mit Heiligenbildern am Rande der Strasse) vom Entlebucher Talboden aus ab Schüpfheim oder Hasle.
Dabei hatte alles so gut angefangen: Heiligkreuz-First gehörte zu den ersten Skigebieten des Landes. Bereits ab 1938 zog eine sogenannte Funi-Schlitten-Anlage Skifahrerinnen und Skifahrer von 1200 auf 1500 Meter. Diese Idee hatte man im Rahmen einer kleinen Industriespiobage in der Ostschweiz geklaut.
Auf der Website des leider verstorbenen Toggenburgers Jörg Walker, einem der grossen Funi-Spezialisten der Schweiz und Forumsmitglied, ist nachzulesen:
Schon 1946 wurde die Schlittenanlage durch einen Oehler-Gurtenskilift nach dem System Hefti ersetzt, der – je nach Quelle – anno 1968 oder 1970 dem heutigen Bügellift wich. In der Literatur ist stets von 1968 die Rede, bei Jörg Walker von 1970.François Meienberg schrieb über diese Funi: “In Heiligkreuz im Entlebuch setzte Franz Röösli 1938 die erste Bahn für Skifahrer der Innerschweiz in Betrieb. Die einfache Anlage, ein Hornschlitten, der von einem Zugseil den Hang hochgezogen und an der Bergstation First von den Gästen gewendet werden musste, hatte Erfolg. Zumindest bei den Skifahrern. Weniger bei den Behörden aus Bern, welche die Konzession verweigerten. Franz Röösli machte sich deshalb mit Freunden im Frühjahr 1938 auf die Suche nach bereits bewilligten Anlagen. Im Toggenburg kopierten sie, in einer Form der Werkspionage, den Funi-Schlitten von Wildhaus und bauten die Anlage in Heiligkreuz/LU nach.
«Hänsel» und «Gretel» hießen die beiden Schlitten für je 21 Personen, welche die Skifahrer nun mühelos von Heiligkreuz (1127 m) auf die Firsthöhe (1430 m) brachten. Im oberen Teil betrug die Steigung immerhin 72 Prozent.” Der Erfolg war gross, sogar aus Bern und Luzern kamen die Skisportler mit speziellen Sportzügen nach Schüpfheim und ließen sich mit den Schlitten von Heiligkreuz zum First hinauffahren. (Fotoquelle: jwalker.ch)
Anhand der samstags entdeckten Tagebuchnotizen an der Wand des Bergstations-Wärterhäuschens schien zuerst sogar 1971 möglich zu sein. Das Liftteam hat es sich zur Tradition gemacht, mit Bleistift persönliche Notizen zur Lage am Berg an die Holzwände zu kritzeln; eine für uns Liftnostalgiker unschätzbare und coole Archivwand! Für den 15. Dezember 1971 steht deutlich:
Mit dem “neuen Skilift” ist allerdings vermutlich der inzwischen stillgelegte WSO-Kurzlift “First Süd” beim Berghaus gemeint…
… der laut den meisten Quellen 1971 eröffnet wurde. Hier sind noch ein paar Recherchen nötig – die freundlichen und auskunftsfreudigen Liftmänner haben uns eingeladen, im Sommer einmal ihre Fotoalben durchforsten zu kommen. Mehr Dokus dieser Wandtagebücher gibt es auf skiliftfotos.ch.
Einige der Originalgurten aus Holz und Leder sind übrigens noch im Berghaus First zu besichtigen – ebenso das Metallteil, an das die Gurten zur Talfahrt gehängt wurden:
Am Schliessbügel des Gurtes ist der Hersteller “Firmann Bulle” zu erkennen – ein mir bislang unbekanntes Detail aus der Geschichte der Gurtenlifte:
Wie bei Skiliftfreunden per Mail in Erfahrung zu bringen war, gibt es die “Ateliers Firmann” in Bulle heute noch (u.a. stellt oder stellte sie auch Kuhglocken her). Einige der anderen Oehler-Gurtenlifte in der Schweiz trugen das gleiche Emblem.
Im Prinzip spielte sich hier im Luzernischen also eine ähnliche Geschichte ab wie beim “Heimspiel” von Beda Hefti in La Berra (FR): pioniermässig früh in den Skisport einsteigen, dem Gurtenlift einen Bügellift folgen lassen, um dann später das dicke Geschäft den “Industrieskigebieten” in den Alpen überlassen zu müssen.
Heute kümmert sich ein engagiertes Team um die Anlage, sogar der wohl über dem Pensionsalter stehende Sohn des Skigebiets-Gründers reicht mit einer Zigi im Mund lässig die Habegger-Bügel.
Alle Anwesenden erzählten am letzten Samstag gerne aus vergangenen Zeiten und fachsimpelten mit den angereisten begeisterten Liftnostalgikern über robuste Lifttechnik von früher und Hydropümpli (das Aufsteck-Teil auf den Bügel-Einzugsapparaten, das die Verzögerung bei der Anfahrt bewirkt). Passt eine BSG77-Pumpe von Borer auf einen Habegger HA75? – In Grindelwald funktioniert das jedenfalls, wie wir bei einem von Hanspeter bei der Bergstation offerierten Kaffischnaps erörterten.
Der Oehler-Lift befindet sich dank der guten Pflege in einem tadellosen Zustand. Die Töne, welche die Rollenbaterien bei der Gehänge-Überfahrt von sich geben, lassen das Herz jedes Seilbahnfreundes höher schlagen.
Heiligkreuz ist seit dem Mittelalter als Wallfahrtsort bekannt – manchmal begegnen sich Religion und Skisport am Rande der Piste auf interessante Art und Weise:
Vom First aus reicht der Blick vom Gibloux (siehe ATVs Bericht)und dem Dent de Vaulion weit im Südwesten (Bericht vom selben Team wie heuer in Heiligkreuz im Einsatz war hier) über Ulmizberg und Bantiger bis weit ins Mittelland, das Napfgebiet, den gesamten Jura, den Schwarzwald bis ins Zürcher Oberland und zum Säntis – mit Glück erspäht man hinter den Ausläufern des Pilatus und dem Schimbrig zudem den Gross Spannort und den Titlis, und nach der Schafmatt kommen gegen Südosten hin auch schon die Berner Alpen.
Im Entlebucher Talboden surrt übrigens in Schüpfheim bei guter Schneelage auch ein Habegger-Lift, der für den Katzen- UND Liftfreund am Samstag ein ganz spezielles Bild bot:
Diese Anlage hat Pilatus gut dokumentiert.
Zurück nach Heiligkreuz: Leider war am Sonntag vermutlich Saisonschluss. Ich kann das kleine, feine Skigebiet mit seiner familiären Atmosphäre jedoch nur wärmstens für die nächsten Winter empfehlen. Für die Kleinsten steht im Flachstück bei der Talstation ein kleiner Babylift, und geübte Skifahrer können am First sehr schöne Pisten geniessen. Mehr zum geplanten Funi-Revival hier.
Mehr Bilder dieses Tages auf skiliftfotos.ch.
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- Besuchsdatum: Samstag, 9.3.2013
- Anfahrt: Mit Mobility aus Bern, ca. 50 Minuten pro Weg
- Wetter: Bewölkt, teilweise sonnig
- Temperatur: Mild, 5-10 Grad
- Schnee: Sulz/Nass, 20-90cm - einige grüne Flecken, aber problemos zu fahren
- Haupt- und Ponylift offen, von oben nur die blaue Piste präpariert, Rest "auf eigene Verantwortung"
- Kaum Andrang, einige Schulkinder aus der Gegend, wenige Familien mit Kindern
- Positiv zu bemerken: Äusserst freundliche und auskunftsfreudige Liftmänner - vielen Dank! (Website des Liftes)
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Das Video des Tages:
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