Dass das Stilfserjoch für mich eine ganz spezielles nahezu unerschöpfliches Menu darstellt, ist manchen vielleicht nicht ganz unbekannt geblieben, auch wenn ich das nicht mehr in Foren dokumentiere.
Dennoch, das unednliche Menu, es liefert stets neue Gustostückerl vom Chef de Cuisine. Es genügen offene Augen, ein wenig Neigung für das vermeintlich Nutzlose, ein wenig Wanderlust, ein wenig Technologieaffinität.
So tischt sich das Menu stets aufs neue auf, diese Zaubereien der Artefakte aus Landschaftsästhetik, Geographie, Kulturgeschichte, Zeitgeist, Gletscherhistorie, Inftrastrutkurtechnik, Tourismusausprägungen, Lost Places ... Das schöne ist also: Das Entdecken hört nicht auf.
Somit entstand ein kleines GIS (Gegraphic Information System), welches zu einem zusammenhängeneden Gesamtverständnis der vielen Gerichte beitragen möge.
21 Serien an Luftbildern 1946 - 2018, Daten aus 6 Topographischen Instituten, 2 Höhenmodelle, Postkarten, Abendknobeleien und Ortsbegehungen seit 2005:
Eine bunt zusammengewürfeltes Dessert, vielleicht auch für eure Wissensbegierde
Vor ein paar Jahren hieß es doch mal, dass es am Livrio einen Stangenschlepper gegeben haben soll .. was ist egtl. daraus geworden (im Sinne von, existiert/wo genau, nicht existiert)?
Bild 3 / gestrichelte Linie: Gestrichelt weil Existenz/Lage unsicher?
Starli, den Stangenschlepper System Poma gab es tatsaechlich, allerdings mit Dreibeinmasten. Hersteller war ein italienischer Lizenznehmer, glaube (ohne Belege zu haben) dass dies Teletrasporti Aosta war. Wenn ich nicht irre, waren die Stangenlifte in Bormio ebeso von TTA (obwohl die anders aussahen?).
Betreiber vom Naglerpoma war damals die Skischule Thöni, jedenfalls wurde der Lift Nagler-Thöni genannt, oder aauch "Grande Nagler", gebaut um 1967.
Er lief bis er vom Dopplemayr T-Bar Lift ersetzt wurde, also wesentlich laenger als der steile Leitner Tellerlift vom Pirovano.
Weisst du wann genau der Doppelmay Nagler (Portalstuetzen, Vierkantstahl, Feuerverzinkt) gebaut wurde?
In den 3D Renderings sind Skilifte dick, Handlifte (manovie) dünn eingetragen. Im zweiten Bild ist der Nagler-Thöni der linkeste der Skilifte auf den Nagler.
In Rendering drei gilt ditto...fuer den Handlift Richtung Geisterspitze auf den sich deine zweite Frage evtl. bezieht...
Zuletzt geändert von Kris am 14.10.2019 - 21:10, insgesamt 2-mal geändert.
Merci für diese hochinteressante Dokumentation.
Da zeigen sich viele Lifte, deren Existenz mir bis Dato gänzlich unbekannt war.
Hochinteressant ebenso die Gletscherentwicklung.
Was mich interessiert (weil ich auch im Engadin oft vor der Frage stehe) ist die Unterscheidung Firn-Restschnee-Gletscher in den historischen Dokumenten. Können dabei Zeitzeugen am besten helfen?
“Wir sind gewohnt, daß die Menschen verhöhnen, was sie nicht versteh'n, Dass sie vor dem Guten und Schönen, das ihnen oft beschwerlich ist, murren.“ [Johann Wolfgang von Goethe]
3303 hat geschrieben: 14.10.2019 - 18:54
Merci für diese hochinteressante Dokumentation.
Da zeigen sich viele Lifte, deren Existenz mir bis Dato gänzlich unbekannt war.
Die Teller-Skilifte sind doch recht bekannt alle, allerdings fehlen oft die genauem Betriesbjahre...
Schwieriger ist es, die ehemals zahlreichen Handlifte nachzufuehren.
Waeren diese Manovie nicht durch unterschiedliche Eigentuemer betrieben worden, so kam man damals theoretisch per 4-5 Sektionen Handlift von westl. unterhalb der Passhoehe (Naehe Auslauf Chilometro Lanciato) mit nur wenigen Gehpassagen fast durchgaengig via Scorluzzo zum Trincerone und weiter auf die Naglerspitze,.
Auch auf die Geisterspitze fuerte ehemals eine extrem steile Manovia bis knapp 50 Hoehenmeter an den Gipfel heran (vgl.. Rendering 3).
3303 hat geschrieben: 14.10.2019 - 18:54
Hochinteressant ebenso die Gletscherentwicklung.
Was mich interessiert (weil ich auch im Engadin oft vor der Frage stehe) ist die Unterscheidung Firn-Restschnee-Gletscher in den historischen Dokumenten. Können dabei Zeitzeugen am besten helfen?
In Luftaufnahmen der Schneelandschaft kann man den Komtrast spreizen und das Bild stark abdunkeln. Damit setzen sich weite plane Flächen ganz gut von irregulärer schroffer scheebeckter Landschaft ab. Erstere ordne ich Gletscherfäche zu, auch wenn das manchmal ein vabanque Spiel ist, denn Beweis ist das keiner. Dann braucht es alte datierte Fotos zum Abgleich. Bspw. sah die Livrio Anhoehe 1975 noch fast rundum vergletschert aus, bin mir nicht aber so sicher ob das tatsaechlich auch so wardamals...
Anderseits kann man ja stets jeden Ort mit aktuellen Luftbildern vergleichen: Wenn heute tiefe Senken zu sehen sind, und es in alten Bilder dort schön glattgestrichen aussieht, so ist das doch eher ein Ferner. Auch setzten damalige Handlifte idealerweise plane Geländeformen voraus, da es weder Niederhalter noch brauchbare Hochhalter gab.
Ich kanns anhand meiner Bilder auch nur ungefähr eingrenzen:
2002 könnte der Nagler-SL zu Saisonbeginn wohl noch gefahren sein:
2006 war nix mehr:
Bei meinem Besuch 2002 stand der Campo Scuola - SL noch, ob er in Betrieb war, weiß ich nicht mehr.
2001 waren beide noch in Betrieb, ebenso der SL Stelvio, das kann ich anhand meiner Fotos sehen, hier vom Ausstieg Nagler zu Stelvio & Campo Scuola:
Für mich war das so ein bisschen das letzte gute Jahr am Stelvio, ob ich 2003/2004/2005 dort war und irgendwelche Fotos hab, müsste ich daheim nachschauen.
starli hat geschrieben: 09.06.2020 - 12:55
Für mich war das so ein bisschen das letzte gute Jahr am Stelvio, ob ich 2003/2004/2005 dort war und irgendwelche Fotos hab, müsste ich daheim nachschauen.
2003 war ich am Stelvio, 2004+2005 dann nicht:
Di 08.08.1995
Sa 12.08.1995
Mo 14.08.1995
So 18.07.1999
Di 15.08.2000
Mi 15.08.2001
Sa 25.08.2001
Fr 16.08.2002
Sa 23.08.2003
Sa 03.06.2006
So 10.06.2007
Sa 14.07.2007
Sa 14.06.2008
So 24.08.2008
So 06.06.2010
Sa 07.08.2010
So 07.09.2014
Wow, schon 6 Jahre nicht mehr am Stelvio gewesen?! (Gleiches gilt interessanterweise auch für Les 2 Alpes)
Die Bilder von 2003 hab ich doch schon online. SL Campo Scuola stand noch mit Gehänge (war im August aber natürlich nicht mehr in Betrieb), der SL Stelvio wurde gerade abgebaut.
Am Nagler gab es damals noch Pistenraupenspuren, Bügel waren auch noch montiert:
Hallo Kris, zunächst möchte ich mich für die historischen Beiträge bedanken. Im Jahr 2007 habe ich das erste mal den Stelvio Gletscher mit meinem Vater besucht (zu diesem Zeitpunkt war ich 11 Jahre alt). Natürlich habe ich bis heute nicht das Interesse verloren und darüberhinaus die Veränderung der Landschaft im Auge behalten.
Daher möchte ich Fragen ob noch weitere tolle Aufnahmen (im besten Fall mit Datum) hiervon existieren?
Ach und im Grunde geht das Dankeschön auch an Starli und Trinc. Ich bin überaus begeistert, dass es tatsächlich noch eine Gruppe gibt, die sich dafür interessiert und eine wirklich starke Historie erstellt hat!
Da ich jetzt kein anderes Thema speziell zum Stilfserjoch gefunden habe und es nur dieses von Kris mit den GIS-Animationen gab, habe ich das mal umbenannt. Warum? Mal wieder sind mir beim Durchstöbern ein paar alte Bilder von der Passhöhe in die Hand gefalllen. Meine Eltern waren damals mit dem Motorrad oben auf dem Pass. Dementsprechend sind sie auch nicht Ski gefahren, denn so verrückt wie ich waren, sind und werden sie nicht .
Die Bilder sind irgendwann im Sommer 1989 enstanden. Den genauen Zeitpunkt finden wir derzeit leider nicht mehr. Jedenfalls gab es aber noch Restschneefelder bis zur und auf der Passhöhe. Sind diesmal nicht viele Bilder, aber ich hoffe Ihr findet die trotzdem gut .
Hier sieht man den einen Gletscher von der Ostrampe aus. Das ist der Madatschferner - Vedretta del Madaccio in italienisch.
U_033_007_klein.jpg (790.01 KiB) 11113 mal betrachtet
Passhöhe mit Blick zur Dreisprachenspitze.
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Talstation der 1978 erbauten Pendelbahn von Hölzl mit ein paar Skifahrern drauf.
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Skischulen an der Passhöhe.
U_033_012_klein.jpg (807.26 KiB) 11113 mal betrachtet
Blick von der Westrampe zurück zur Passhöhe. Links der Pendelbahn mit den massiven Betonstützen sieht man noch den Vorgänger der Pendelbahn.
U_033_013_klein.jpg (721.52 KiB) 11113 mal betrachtet
Zuletzt geändert von maba04 am 20.07.2020 - 11:49, insgesamt 1-mal geändert.
Grund:Benennung des Madatschferners dank noisis Hinweis ergänzt.
Tolle Fotos!
Vor allem der Nagler-Lift im August ist natürlich genial.
Auch der Pistenverlauf zurück zur Trincerone ist sehr interessant. Wie weit unten man dort von der Piste zur Trincerone fahren konnte verdeutlicht den Gletscherstand von damals im Vergleich zu heute. Heute muss man ja komplett oben über das aufgeschüttete Schneeband queren um zurück zu den Häusern zu kommen.
starli hat geschrieben: 17.07.2020 - 12:23
Ich werd meine August 1995 Fotos sicherlich schon mal irgendwann irgendwo gepostet haben, aber sei's drum ..
Einige sicher in der sehr empfehlenswerten Retrospektive: http://www.sommerschi.com/forum/sommers ... t2794.html
Die könnte übrigens mal wieder ein Upgrade vertragen
Wobei mir auf den ersten Blick einige unbekannt vorkommen.
Da mein Bildhoster seine Verzeichnisstruktur geändert hat, werden die Bilder in meinen Berichten z.T. nicht mehr angezeigt. Auf konkreten Wunsch stelle ich sie wieder her.
GIFWilli59 hat geschrieben: 18.07.2020 - 18:38
Interessant, dass da die Pisten noch ganz passabel aussehen, während der Gletscher nebendran schon ausgeapert ist.
Ich würd eher denken, dass da damals noch kein Gletscher ausgeapert ist, sondern lediglich sehr alter Altschnee (oder echter Firn) ..
Der gegen Berg etwas nordwärts (im Bild nach links) verschwenkte Payer Lift scheint jetzt in Betrieb gegangen zu sein (12.9.2021), wie dieses Videostill von Capitani beweist.
Vom alten Lift sind am Berg noch der Container für den Dieselgenerator und das Liftwärterhäußchen erhalten. Mich würde nicht wundern, wenn der Dieselgeneartor nach wie vor in Betrieb ist, und mühsam per Helikopter betankt werden muß...
Ebenso ist der letzte hohe Portalmast noch vorhanden und bei genauem Hinsehen im Bild erkennbar.
Während die alte Lifttrasse zunächst flach, und dann gegen Ende überaus steil verlief, ist die eher durchgängige geringere Steigung des neuen Trassés wohl günstiger. Auch dürfte die Abbügelstelle neu etwa 15 Meter höher liegen, als zuletzt die Alte. 15 Meter sind am Stelvio schon viel ...
Die freigewordene Fläche rechts des Trassés erlaubt es wohl, eine weitere Trainingspiste zu erschließen...
Schaut mal bei "alagna freeride & sommerschi.com" in der Rubrik Sommerschi. Dort den Post: Stilfser Joch: Historische Dokumentation. Ich habe vor Kurzem dort zu den 70er Jahren einige Erinnerungen notiert. Vielleicht ist das von Interesse...
Bildsequenz: 10 Jahre Webcamblick vom Ortlerhaus zur Geisterspitze.
Jeweils am 22.Juli um 19 Uhr. Falls die Sicht eingeschränkt war, dann rekursiv Tage zurück, bis Sicht i.O.
Einschätzung über den weiteren Verlauf des Gletscher-Haushaltsjahrs 2023:
Der zunächst schneearme Winter 2022/23 wurde im Frühjahr durch überdurchschnittliche Schneefälle wieder gut ausgeglichen, bzw. ging gar mit mehr Schnee in den Sommer, als im subjektive Durchschnitt der Jahre zuvor.
Der jedoch besonders warme Juni und insbes. Juli haben diese "Bonusauflage" bereits weggeschmolzen. Somit liegt jetzt fast wieder jene Fläche Blankeis frei, mit der im September 2022 die Wintersaison begann. Da 2022 die saisonale Gleichgewichtslinie des Ebenfernders erstmals quasi bis zum Bergschrund an der Geisterspitze hinauf wanderte, liegt dieser Bereich heuer ohne langjährigen Firnschild dem warmen Sommer ausgeliefert und frei.
Somit kann als Educated Guess erwartet werden, dass der Eisschwund in dieser Sommersaison 2023 im 10 Jährigen Vergleich unmittelbar hinter jenem des Vorjahres 2022 liegen wird. Somit wäre heuer das zweitstärkste Abtauen während der letzten 10 Jahre zu erwarten, sofern sich der Sommer "wie gehabt" fortsetzt.
Letztes Jahr tauten auf Höhenkote vom Trincerone in etwa drei Meter Eishöhe weg. Üblich waren eher 1 bis 1,5 Meter. Heuer sagt die Glaskugel etwa 2 Meter Höhenverlust voraus...