Ich war heute im Rahmen meines Studiums auf einer Exkursion im Bregenzerwald beim Stausee Bolgenach.
Da diese Region extrem niederschlagsreich ist und das umliegende Gebirge vor allem aus weichen Gesteinen besteht, hat sich der Stausee seit seiner Eröffnung in den 1970er Jahren zunehmend mit Sediment aufgefüllt, das von den Zubringerflüssen eingetragen wird. Dadurch hat sich das nutzbare Volumen des Stausees von ursprünglich 8.5 Mio. m^3 auf ca. 6 Mio. m^3 verringert. Dadurch konnte immer weniger Strom produziert werden. Dies versuchte man bereits mit Saugbaggern und Sedimentfängen zu bekämpfen, alles erfolglos. Nun soll ein neues Projekt Abhilfe schaffen. Ein 30*27 m grosser schwimmender Bagger schaufelt bis zu 300 t/h Sedimente aus dem Stausee und sortiert sie der Grösse nach. Diejenigen die kleiner als 2mm sind, was aufgrund der Geologie mit dem weichen Gestein über 90% sind, werden ins Triebwasser gebracht, das bedeutet, dass sie zusammen mit dem Wasser, das zur Stromerzeugung genutzt wird, zu den Turbinen geführt werden. Alle grösseren Sedimente jedoch, und hier wird's für euch interessant, werden auf schwimmende Pontons geladen, welche dann mit einer SEILBAHN (!) über den Staudamm hinaus an den Fuss des Staudamms gebracht und dort wieder in den Fluss Bolgenach geleitet. Die "Seilbahn" besteht dabei eigentlich nur aus einem Schwerlasthaken der mittels Seilen bewegt werden kann. Dieses System ist meines Wissens weltweit einzigartig! Es sollte (in der Theorie) gleich mehrere Vorteile bringen:
- Die Sedimente, die durch den Stausee aufgehalten werden, werden zurück in die Bolgenach gebracht, wodurch der natürliche Geschiebehaushalt wiederhergestellt wird und die Lebensräume von Fischen und anderen Flussbewohnern erheblich aufgewertet werden.
- Dank der Seilbahn kann auf unzählige LKW-Fahrten und damit auf Lärm und CO2-Emissionen verzichtet werden.
- Da die Seilbahn mehrere Tonnen Sediment bergabwärts bewegt und leer bergauf fahrt, wird mit der Bremsenergie sogar noch Strom erzeugt! Es entsteht das erste "Sedimentkraftwerk" der Welt.
Natürlich ist so ein Bauvorhaben nicht ohne. Eine nicht abschliessende Liste der Schwierigkeiten:
- Die Seilbahn hat eine Stütze auf der Dammkrone. Dies wurde so noch nie gemacht, da dort der Kern, der stabilste Teil des Damms, ist, der als unantastbar gilt. Mit Mikropfählen war es jedoch möglich, die Stütze auf dem Damm zu fundieren. Alleine fürs Engineering dieser Seilbahnstütze wurden 600'000 Euro ausgegeben, weil so viele unterschiedliche Varianten geprüft werden mussten.
- Da ein solcher Bagger industriell nicht produziert wird, wurde er eigens von der Bauherrin und Kraftwerksbetreiberin, die Vorarlberger Kraftwerke (VKW), entworfen.
- Das ganze Projekt kostet ca. 20 Mio. Euro, davon 6 Mio. alleine für die Seilbahn. Laut VKW rentiert sich diese Ausgabe jedoch im Verhältnis zu dem entgangenen Gewinn, der durch weniger Stromproduktion entstanden wäre.
Weitere Infos zum Projekt gibt es hier: https://www.youtube.com/watch?v=gjYUDqZDAwg