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66 Tote bei Hotel-Brand in Skigebiet in der Türkei

Wirklich tragisch :(

Hab mir dann gleich mal auf Google Maps ein paar Fotos vom Hotel angeschaut (vor dem Brand). Keine Notausgänge, keine Fluchtstiege, keine Rauchmelder ersichtlich. Und das in einem 12-stöckigen Gebäude kilometerweit von der nächsten Feuerwehr entfernt.
 
Mr400Liter hat leider Recht.
Google Fotos hier, Homepage-Galerie hier.
Das Gebäude hat(te) einen großen Haupt-Ein-/Ausgang auf der Bergseite und einen großen Ein-/Ausgang im Tiefgeschoss auf der Talseite. Ansonsten keinerlei Nebenein-/ausgänge (z.B. für Personal oder Lieferanten), die Fluchtwege hätten sein können - stattdessen ausschließlich Fenster. Es gibt keine Feuertreppen außen am Gebäude. Das Laienauge findet auf den vielen Fotos von Zimmern, Gemeinschaftsräumen, Restaurants, Fluren usw. keine runden, hellen Dosen im Deckenbereich, die als Brandschutztechnik bzw. -sensoren interpretiert werden könnten, nur Leuchten und Lautsprecher. Von einer Sprinkleranlage ganz zu schweigen. Auf den Innenfotos sieht man keinen einzigen Feuerlöscher oder auch nur ein Hinweisschild darauf. Dafür Holz, Holz, viel Holz und noch mehr Holz. Und ein paar Kaminfeuer.
Da werden sich viele (Mit)verantwortliche die Frage stellen lassen müssen, wie dieses Gebäude irgendwelche Brandschutzprüfungen bestehen konnte und eine Lizenz für den Hotelbetrieb bekam. Für mich persönlich ohne Bakschisch nicht vorstellbar.
 
CrystalMountain schrieb:
- zur geographischen Orientierung:
Es handelt sich um das Skigebiet Kartalkaya Kayak Merkezi im Koroglu-Gebirge, ca. 20km südöstlich der Stadt Bolu:
(ca. 300km östlich von Istanbul / ca. 100km nordwestlich von Ankara)

https://www.openstreetmap.org/node/4409569752#map=7/40.672/32.102
https://www.skiresort.de/skigebiet/kartalkaya/

- weiterer Bericht:
https://www.tagesschau.de/ausland/asien/tuerkei-hotel-brand-102.html
https://openskimap.org/#12.09/40.58773/31.80739
 
Was mich bei dem ganzen schon sehr stark verwundert, ist die sehr starke Brandausbreitung. Im ganzen Hotel sind auf den Bildern Flammen zu erkennen. Holz ist nicht das schlechteste Mittel im Brandschutz. Viel gefährlicher ist hier eine Dämmung aus EPS (Styropor). Dies ist hier zumindest jedoch auf den Bildern nicht wirklich ersichtlich. Probiert man mal selber ein Holzbalken insbesondere mit größeren Querschnittsmaßen zu entzünden, wird man schnell merken, dass dies alles andere als leicht ist. Man erkennt auf den Bildern, dass ein Großteil des Bodens mit einem Teppich ausgekleidet ist. Ich tippe eher mal darauf, dass dies eins der Hauptursachen für die emense Brandausbreitung war.
Höchstwahrscheinlich ist , dass es sich um ein sehr lange unbemerktes Feuer gehandelt haben muss ~10 min, wenn es nicht vorsätzlich gelegt wurde. Durch intakte Rauchmelder hätte diese Katastrophe auf jeden Fall vermieden werden können.
Was natürlich auch dazu beigetragen haben wird, sind die vermutlich nicht so gut aufgestellten Feuerwehren. In Bayern beispielsweise ist die maximale gesetzlich erlaubte Ersteintreffzeit für das erste Feuerwehrauto 12 Minuten. In der Regel wird diese deutlich unterboten, insbesondere wenn so ein Stichwort alarmiert werden würde. Da kann man innerhalb von 10 Minuten bei einem Großteil der Hotels, die nicht komplett abgelegen legen mit wirklich schlagkräftigen Kräften rechnen.
 
carvster| schrieb:
In Bayern beispielsweise ist die maximale gesetzlich erlaubte Ersteintreffzeit für das erste Feuerwehrauto 12 Minuten.
Kurz OT zur Korrektur (geregelt in Nr. 1.2 VollzBekBayFwG): Die Hilfsfrist in Bayern beträgt 10 Minuten und beginnt mit Eingang der Meldung bei der alarmauslösenden Stelle. Für die Ausrücke- und Anfahrtszeit ab Abschluss der Alarmierung werden 8,5 Minuten zu Grunde gelegt. Dies wurde vor nicht allzu langer Zeit geändert, vorher liefen die 10 Minuten erst ab Abschluss der Alarmierung, nicht schon ab Meldungseingang bei der ILS.
 
GIFWilli59 schrieb:
Vielleicht gibt es in Der Türkei gar keine Brandschutzvorschriften, so wie wir sie kennen?
Ich finde mit wenig Suchaufwand z.B. das hier:
Türkische Regierungssite zu Brandschutz für Gebäude
Türkische Stiftung für Brandschutz und Bildung
Brandschutzvorschriften sollte es also geben. Die Seiten lassen sich mit Google Translate schnell übersetzen.
Als (m.W. immer noch) EU-Beitrittskandidat muss die Türkei teilweise EU-Vorschriften mitbefolgen, so weit ich weiß.
 
Ja, das ist natürlich ein gewaltiges Problem. Wenn die unteren Stockwerke mit den beiden Ausgängen recht schnell zumindest verraucht, wenn nicht direkt durch Flammen blockiert waren, dann hat das Feuer natürlich Zeit gehabt sich auszubreiten und die Leute kamen nicht mehr raus.

Es gibt bei uns aber sicher auch Gebäude bei denen das ähnlich lange gedauert hätte. Es gibt ja z.B. Hotels die gar keine richtige Zufahrtsstraße haben und zumindest im Winter nicht mit Fahrzeugen erreichbar sind. Aber da gibt's halt trotzdem bessere Brandschutzmaßnahmen.
 
Offenbar wurde in der Türkei seitens des Obersten Rats für Radio und Fernsehen (RTÜK) ein Veröffentlichungsverbot zum Hotelbrand in Kartalkaya erlassen.

Die berichterstattende Internetseite bianet.org scheint eine unabhängige Organisation türkischer Journalisten zu sein. (Ich kenne mich weder zu politischen Themen rund um die Türkei aus noch kann ich den Wahrheitsgehalt der hier verlinkten Artikel beurteilen.)

Bianet reportet zum Brandschutz des betroffenen Hotels in Kartalkaya. Zitate:

Der Koordinierungsausschuss der Provinz Bolu des Verbands der Kammern türkischer Ingenieure und Architekten (TMMOB) gab in einer Erklärung zum Brand bekannt, dass obligatorische Sicherheitsmaßnahmen wie die automatische Sprinkleranlage , die die Ausbreitung des Feuers im Hotel verhindert und löscht, fehlen.

Die Hotelkapazität des Grand Kartal Hotels im Skizentrum Kartalkaya bietet Platz für 237 Personen, ohne Mitarbeiter; Es ist bekanntermaßen 26 Jahre alt und verfügt über 161 Zimmer und 350 Betten. Gemäß der Verordnung über den Brandschutz von Gebäuden fällt das Hotel in die Klasse „vorhandene Tausender“ und unterliegt den Bestimmungen von Teil 10 der Verordnung (Artikel 138 bis 167). In Absatz (d) von Artikel 165 bezüglich der Notwendigkeit von Sprinkleranlagen in bestehenden Gebäuden; „d) In Hotels, Herbergen und Pensionen, in denen die Anzahl der Betten in einem Gebäude mit mehr als zwei Etagen 200 übersteigt.“ Mit anderen Worten: In der bestehenden Gebäudeklasse von 350 Betten muss das Hotel über eine automatische Sprinkleranlage verfügen, die die Ausbreitung des Feuers verhindert und die Ausbreitung des Feuers löscht, wenn es ausbricht. Auf den Fotos auf der Website des Hotels ist zu erkennen, dass die automatische Sprinkleranlage, die 2008 installiert werden sollte, nicht installiert war. Aufgrund des Fehlens dieses Systems breitete sich das Feuer schnell aus und es gab Todesopfer. Darüber hinaus ist nicht bekannt, ob die in Teil 10 der aktuellen Verordnung festgelegten Schranksysteme, Erkennungs- und Warnsysteme, Fluchtwege und Merkmale eingehalten werden. Angesichts der Aussagen unserer Bürger, die den Brand überlebt haben, wird jedoch davon ausgegangen, dass die Erkennungs- und Warnsysteme nicht funktionierten und Fluchtwege nicht erkannt werden konnten.

Mich persönlich interessiert der ganze Vorgang, weil wir als bergaffine Menschen ab und zu in ähnlich abgelegenen Berghotels oder auf Hütten übernachten und ich bei der Nächtigung in solchen Gebäuden, die manchmal aus viel Holz gebaut sind, schon oft ans Thema Brandschutz denken musste.
 
In Hütten bin ich ja auch sehr oft. Von einer Feuerwehr braucht man dort auch nach ner Stunde nicht zu träumen...
Aber dafür gibt es Feuerlöscher, Rettungstreppen (und sei es nur eine Strickleiter am Fenster innen befestigt...) und ähnliches, zusammen mit meist unübersehbaren Hinweisen. Selbst fluoreszierende Markierungen habe ich schon gesehen.
Das alles auf SAC Hütten bezogen, in AT bin ich selten. In Frankreich letztes Jahr gab es in einer AV-ähnlichen Herberge auch eine Rettungstreppe, aber war nicht so präsent gekennzeichnet (und wurde als Balkon genutzt ;) )

Insgesamt habe ich da eigentlich immer ein noch ganz gutes Gefühl...
 
Sowas ist immer außerordendlich tragisch, mein tiefstes Mitgefühl an alle Betroffenen!
Aber in einer Berghütte sieht das doch per se ganz anders aus, klar, Holz brennt gut aber man kommt doch raus. Da müssen sich keine hunderte Menschen über eine Feuerleiter quetschen, man springt notfalls aus dem nächsten Fenster. Das Wichtigste ist dass man nicht im Schlaf durch Brandgase erstickt, batteriebetriebene Rauchmelder sollte es doch mittlerweile überall geben (müssen).
 
Nach dem Erdbeben vom letzten Jahr, wo reihenweise moderne Gebäude zusammengefallen sind, ist doch recht offensichtlich, dass, selbst wenn es gewisse Richtlinien gibt, diese wahrscheinlich bei einer überwältigenden Mehrheit defacto ignoriert werden (Korruption ist in der Türkei ja auch nicht wirklich was Neues...).
Das Hotel wirkt auf älteren Bildern wahrlich gruselig (irgendein Frankensteingebilde...allein die Tatsache, dass es nichts an Notausgängen, Feuerleitern, nicht mal Balkone gab)..und auf Innenraumbildern kann man Unmengen an glänzendem Holz sehen (wahrscheinlich schön kräftig geöltes Holz).
Die verhängte Nachrichtensperre sagt eigentlich alles.....
 
... zusammen mit diesem gut recherchierten Artikel des RND, der am Ende auf Doppelposten und Verwandtschaftsverhältnisse u.a. lokaler und nationaler türkischer Tourismusmanager eingeht.
Wie schon weiter oben in den Raum gestellt, sind Brandschutzvorschriften in der Türkei durchaus hoch, jedenfalls für Neubauten. Sie werden oft aber nicht umgesetzt ... Gutachten und Abnahmen kommen wohlwollend aus dem Verwandten- und Interessenverbandskreis. Die Vorschriften für Bestandsbauten vor Bj. 2007 wurden 2017 per Gesetzesänderung aufgeweicht. Das Unglückshotel ist Bj. 1998. Ohne die verbrannte, hölzerne Fassadenverkleidung ist zu sehen, dass es immerhin stabil aus Betonsteinen gebaut wurde und dass das viel Holz nur Deko war, sonst wäre die Katastrophe wohl noch größer ausgefallen.
Eines der Brandschutz-Abnahmedokumente für das Hotel zählt an Brandschutzmaßnahmen fürs Erdgeschoss "eine Notbeleuchtung" und "einen Sechskilo-Feuerlöscher" auf, verbunden mit der Empfehlung, dort keine brennbaren Materialien zu lagern. Das kommentiert sich selbst ... Eine Brandschutzprüfung im Dezember 2024 ermittelte jedoch einen unzureichenden Status. Warum das keine Konsequenzen hatte, kann man sich nach dem Durchlesen des RND-Artikels denken.
 
In dem der Artikel steht auch erstmalig etwas zur Brandursache bzw. dem Ort wo das Feuer ausgebrochen ist:
In der Nacht auf Dienstag brach im Restaurant ein Feuer aus, mindestens 76 Menschen starben in den Flammen.
Da das Restaurant vermutlich eher im unteren Bereich des Hotels lag, erklärt sich auch die Hohe Anzahl an Todesopfern, weil sich der Brand so schnell nach oben ausbreiten konnte und die Opfer entweder wegen fehlender Rettungswege nicht mehr retten konnten oder durch die Rauchgase und fehlende Feuermelder gar nicht mehr aus dem Schlaf aufgewacht sind.

Wenn das stimmt, hat sich da aber jemand ordentlich die Taschen voll gemacht:
Jetzt in den türkischen Schulferien zahlten diese für ein Doppelzimmer umgerechnet 800 bis 1000 Euro pro Nacht, das zwölfstöckige Hotel war fast ausgebucht.
Das Hotel war ja aus unserer westeuropäischen Sicht keineswegs luxuriös, die öffentlichen Bereiche eher alt und die Zimmer zwar modernisiert aber auch eher in einfachen bis mittleren Stil/Ausstattung, wenn man sich die oben verlinkten Bilder anschaut. Zieht man dann noch die mangelnde Sicherheitsausstattung und das niedrige Lohnniveau in der Türkei für die Hotelangestellten hinzu, dann kann man den aufgerufenen Preis nur als vollkommen überzogen ansehen.
 
Mal schauen, wie lange es dauert, bis der Eigentümer auf wundersame Weise freikommt und man die Feuerwehrleute zu den Hauptschuldigen erklärt (vllt "findet" man bei einem ja sogar noch irgendeine Verbindung zur kurdischen Opposition oder ähnliches...überrascht wäre ich auf jeden Fall nicht). :nein:
 
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