30. Mai 2025 Monte Generoso

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30. Mai 2025 Monte Generoso

Beitrag von ATV »

30. Mai 2025 Monte Generoso
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Zu Fuss auf den Monte Generoso – Technik, Natur und ein Hauch Abenteuer

Am 30. Mai 2025 stand ein Ausflug an, der mir lange vorgeschwebt hatte: der Monte Generoso – einer der markantesten Aussichtsberge im Tessin. Doch ich wollte nicht einfach in die Zahnradbahn steigen und mich hinauffahren lassen. Stattdessen nahm ich das Auto bis Bellavista, der mittleren Station der Bahn, und wanderte von dort zu Fuss über alle Vorgipfel bis zum Gipfel – und zurück. Was mich unterwegs erwartete, war weit mehr als nur ein schöner Ausblick.
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Bellavista – Auftakt in eine technische Welt
Bereits kurz nach meiner Ankunft in Bellavista kündigte das Rattern auf den Schienen die technische Hauptdarstellerin des Tages an: ein orange-blauer Triebwagen der Ferrovia Monte Generoso. Die Zahnradbahn mit 800 mm Spurweite arbeitet mit dem Abt-System – einem Zahnstangenprinzip mit zwei Lamellen, das bei den bis zu 22 % Steigung bestens funktioniert. Der Blick auf die mittige Zahnstange zwischen den Schienen wird benötigt, damit sich die Züge überhaupt bewegen können, denn der Antrieb wirkt nur auf die Zahnstange.. Die Bahn wurde 1890 mit Dampfloks eröffnet, ab 1954 auf Diesel umgestellt und schließlich 1982 elektrifiziert. Dass sie überhaupt noch fährt, verdanken wir Gottlieb Duttweiler, der sie 1942 für die Migros rettete – eine der wenigen privaten Bahnen der Schweiz mit öffentlichem Charakter.
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Die Bahn fuhr vorbei, mit einem Güterwagen im Schlepp, vermutlich für Nachschub oder Material. Ich hingegen bog auf den Wanderweg ein – hinein in einen Tag voller Überraschungen.
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Aufstieg – wo Technik auf Wildnis trifft
Der Weg stieg gleichmässig an, zuerst durch einen stillen Buchenwald. Schon nach wenigen Minuten wechselte das Landschaftsbild: offenes, trockenes Gelände mit schütterer Vegetation, das an Südhänge des Mittelmeerraums erinnerte. Hier entdeckte ich ein botanisches Juwel – die wilde Pfingstrose Paeonia officinalis, leuchtend rot, von Bienen umschwirrt. Nur an diesem Berg wächst sie in der Schweiz. Und sie ist nicht allein: Der Monte Generoso beherbergt eine ganze Reihe endemischer Pflanzen, die nirgends sonst im Land vorkommen. Wegen der kargen Böden und der jahrzehntelang extensiven Nutzung konnte sich hier eine aussergewöhnliche Flora halten – Orchideenfelder mit Knabenkraut, Küchenschellen, Enziane und andere Raritäten, die andernorts längst verschwunden sind.
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Dann – ein plötzlicher Lärm aus der Luft. Ein Rega-Hubschrauber näherte sich, verharrte in der Thermik über einem Felsband. Ich beobachtete gebannt, wie ein Retter sich an der Seilwinde abseilte, einen Wanderer sicherte und beide kurz darauf wieder aufstiegen. Es war eine ernste Szene, und ich dachte daran, wie schnell man in dieser Umgebung in Schwierigkeiten geraten kann – trotz aller Wege und Zivilisation.
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Ein Himmel voller Bewegung
Kaum war der Rotorenlärm verklungen, hörte ich es wieder rauschen – diesmal aber lautlos. Über mir zogen Segelflugzeuge ihre Kreise, von den Aufwinden getragen. Einige davon starteten wohl von Mendrisio oder Lugano. Auch Gleitschirmflieger nutzten die Thermik. Und zwischen all dem Luftraumverkehr kreiste ein Steinadler, begleitet von einem Trupp Alpensegler, deren Schatten lautlos über die Wiesen huschten. Es war ein Himmel in Bewegung – und ein wunderschönes Gleichgewicht zwischen Mensch und Tier.
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Am Gipfel – Architektur, Aussicht, Ingenieurskunst
Nach rund zwei Stunden kam ich auf dem Grat oberhalb der Endstation an. Die Gipfelstation, die „Fiore di pietra“ (Steinblume), markiert nicht nur architektonisch ein Highlight, sondern auch das Ende der Bahnstrecke auf 1’704 m ü. M. Das von Mario Botta entworfene Gebäude wirkt wie ein geschliffener Fels, der sich gegen den Himmel reckt – ein Statement aus Sichtbeton inmitten der kargen Hochweiden. Ich stand etwas oberhalb der Station auf einem kleinen Grasrücken – von hier sah ich zurück auf das letzte Gleisstück, das sich in eleganter Kurve zur Station schwingt. Es war mein liebster Ort des Tages: perfekte Sicht auf Technik, Baukunst und Natur.
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Die Aussicht war schlicht überwältigend. Auch wenn ich wusste, dass sie im Winter noch klarer sein kann, bot sich mir ein Panorama von seltener Weite. Direkt unter mir glitzerte der Luganersee, umrahmt von bewaldeten Hängen und schroffen Felskuppen. Westlich schweifte mein Blick über die Poebene – bis hin zu den ersten Silhouetten von Mailand. Dann, wie ein aufgezogener Horizont, reihten sich die Alpen: das Monte-Rosa-Massiv mit seinen vergletscherten Flanken, die Walliser Alpen, die Berner Gipfel – scharf gezeichnet trotz der frühen Sommerwärme. Und im Osten die Berninagruppe: der Piz Palü mit seiner markanten Firnhaube, der Piz Bernina – 4’049 Meter hoch und strahlend im Gegenlicht.

Ich setzte mich, aß eine Kleinigkeit und blieb lange dort sitzen. Alle halbe Stunde kamen die Bahnzüge berg oder Talwärts, hielten kurz, wendeten, verschwanden wieder – als würden sie dem Berg höflich die Aufwartung machen.
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ehemaliger Skihang
ehemaliger Skihang
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Rückweg im goldenen Licht
Gegen 17:45 machte ich mich an den Abstieg. Das Licht hatte sich verändert – es war wärmer geworden, flacher, die Schatten zogen sich quer über den Hang. Ich ging entlang des Grates, wo das Gras in der Sonne golden schimmerte. Plötzlich hörte ich noch einmal das vertraute Rattern: Der letzte Zug des Tages machte sich auf den Rückweg ins Tal. Ich blieb stehen und sah ihm nach, bis er zwischen den Bäumen verschwand – ein würdiger Schlussakkord für diesen Tag.

Fazit
Der Monte Generoso ist mehr als ein Aussichtsberg. Er ist ein Ort, an dem Technik und Natur in idealer Weise zusammenspielen: Die Zahnradbahn – technisch ausgereift, historisch bedeutend –, die Architektur – kraftvoll und zugleich poetisch –, und die Landschaft – voller Leben, Wildheit und seltener Pflanzen. Der Tag war reich, voller Eindrücke, voller Stille und Bewegung. Ich werde wiederkommen – vielleicht im Winter, wenn der Himmel noch weiter reicht. Aber dieser Frühlingstag bleibt unvergesslich.
-> meine Fotos könnt ihr weiterhin auf meiner Webseite --> www.stahlseil.ch ansehen.

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