18.02.1949 "Volkswille"
Kanzel-Schilift wird abgetragen
Pionierarbeit Ing. Depretis schlecht belohnt
Immer wieder wird von an der Förderung des Fremdenverkehrs angeblich interessierten Kreisen auf die Notwendigkeit hingewiesen, die herrliche Kärntner Gebirgswelt zu erschließen und damit den verwöhnten Fremden den Besuch unserer Heimat schmackhaft zu machen.
Wenn man von der "Erschließung" unserer Berge spricht, so meint man damit vor allem die Errichtung von Seilbahnen, die - im Zeitalter der Technik - als eine Selbstverständlichkeit in jedem Fremdenverkehrsgebiet betrachtet werden. Tatsächlich hört man auch in Kärnten recht viel von großen Plänen. Auf den Dobratsch soll ein Berglift gebaut werden, desgleichen - wie sämtliche Kärtner Tageszeitungen vor wenigen Tagen erst zu berichten wussten - sollen die Mallnitzer Tauern erschlossen werden. Dies sind Pläne, die noch einer Verwirklichung harren. In anderen Worten: Versprechungen, deren Einlösung recht fraglich ist.
Nun sind aber auf diesem Gebiet in den letzten drei Jahren nach Kriegsende auch Taten vollbracht worden - allerdings nicht von öffentlicher Stelle, sondern von privater Seite. Und zwar war es einer der ältesten Schilehrer auf der Kanzel, Ing. Andreas Depretis, der hier trotz aller Schwierigkeiten Pionierarbeit leistete. Die Erschließung der Görlitzen ist fast ausschließlich seiner Arbeit zu verdanken. Im Dezember 1945 gelang es ihm, durch eigener Hände Arbeit den Schilift von der Waldtratte zur Pöllingerhütte zu eröffnen. Es war dies zweifellos eine vielbegrüßte Einrichtung, was auch der nunmehrige große Zuspruch der Schisportler beweist.
Nun galt es, die letzten hundert Meter bis zum Gipfel der Görlitzen zu erschließen. Die Kanzelbahn AG, die hier eine Einnahmequelle "roch", ließ zwar eine Kommissionierung der Strecke vornehmen, weigerte sich jedoch, einen Lift zu erbauen. Wieder fand sich Ing. Depretis, der diesen nun allseits beliebten Sessellift zum Gipfel erbaute.
Im Gegensatz zur Kanzelbahn sind diese beiden Lifte auch für den Minderbemittelten erschwinglich.
Die rührigen Hände Depretis legten sich aber damit nicht zur Ruhe. Er erbaute einen weiteren Schilift, diesmal im sogenannten Finsterbachgraben, der sich ebenfalls bewährt. Doch während die Arbeiten bereits weit fortgeschritten waren, begann auch die Kanzelbahn AG (eine Privatgesellschaft) in 100 Meter Entfernung ebenfalls einen Lift zu bauen, der nun nach Fertigstellung nicht in Betrieb genommen werden kann, weil er unbrauchbar ist.
Nun erfahren wir, dass - anscheinend aus purem Konkurrenzneid - der bewährte Depretis-Schilift im Finsterbachgraben laut einem Befehl der Bezirkshauptmannschaft in den nächsten Tagen abgetragen werden soll. Die Begründung für diese Anordnung ist absolut nicht stichhältig.
Abgesehen davon, dass damit dem Pionier der Kanzel und Gerlitzen, Ing. Depretis, ein recht seltsamer "Dank" für seine Tätigkeit zum Wohle der heimischen Bergfreunde sowie zum Wohle der Fremdenverkehrsförderung zuteil wird, wird damit den heimischen Bergfreunden sowie dem Fremdenverkehrswesen in Kärnten ein schwerer Schlag erteilt.
Da es um das Allgemeininteresse Kärntens geht, wird es Aufgabe der Landesregierung sein, diese mutwillige Schädigung des Fremdenverkehrs, das heißt die Abtragung des Finsterbachgraben-Schilifts zu verhindern. Nicht große Worte, sondern Taten sind entscheidend!