Westlich von Sterzing liegt das Ridnauntal. An dessen Ende befindet sich in Maiern das Südtiroler Bergbaumuseum. Es handelt sich um ein nunmehr stillgelegtes Erzbergwerk, wo von 1237 bis 1985 Eisenerz in hochalpiner Umgebung abgebaut worden ist. Bis 1967 wohnten die Bergleute in einer Siedlung am Schneeberg auf ueber 2.300 Metern Meereshoehe mehr oder weniger direkt an ihrem Arbeitsplatz. Bereits im Jahre 1966 wurde von Leitner eine Kabinenbahn auf den Schneeberg errichtet, da die Bergwerksleitung plante das alpine Knappendorf zu schliessen. Ein Grossbrand auf dem Schneeberg vernichtete 1967 die obere Knappenkaue. Fortan verwaiste die Siedlung und die Bergleute fuhren mit der Kabinenbahn aus dem Tal zu ihrem Arbeitsplatz am Berg. Aus Rentabilitaetsgruenden erfolgte im Jahre 1985 die Schliessung des Bergwerkes. Ab 1987 gab es intensive Bestrebungen die (inzwischen auch schon von Pluenderern und Vandalen heimgesuchten) Anlagen und Gebaeude museal der Nachwelt zu erhalten. Am 23.05.1993 wurde das Südtiroler Bergbaumuseum Ridnaun-Schneeberg eroeffnet. Seitdem werden interessierte Besucher ueber die Geschichte und Technik der hochalpinen Erzfoerderung und –aufbereitung informiert. Viele Anlagen oberhalb und unter Tage werden im Rahmen von Fuehrungen in Betrieb gesetzt um die Funktionsweise zu demonstrieren. Weitere Informationen zu diesem interessanten und sehenswerten Museum gibt es unter
www.bergbaumuseum.it im Internet.
Die technischen Daten der Kabinenbahn laut Leitner Referenzliste.
Anlage: „Masseria-Poschhaus“
Besteller: S.p.A. AMMI Miniera di Monteneve-Ridanna
Ort: Provinz Bozen
Laenge: 3788,80 Meter
Antriebsleistung: 85 PS
Foerderleistung: 200 Personen pro Stunde
Fahrbetriebsmittel: Kabinen 2 Personen
Baujahr: 1966
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02.09.2008
Nach einer verregneten Nacht in Kalch am Fusse des Jaufenpasses erreiche ich gegen 10 Uhr das Bergbaumuseum im Ridnauntal. Zwecks Besichtigung der Kabinenbahn von Leitner habe ich einen Termin mit dem Museumdirektor Herrn Schoelzhorn vereinbart.
Obwohl Herr Schoelzhorn sehr beschaeftigt ist, laesst er es sich nicht nehmen mich persoenlich zu begleiten. Unterwegs sammeln wir noch zwei Museumsangestellte auf, welche die gut gesicherte Antriebsstation und den Schaltraum extra fuer mich freilegen und oeffnen.
Stolz prangt das grosse Herstellerschild an der Stirnseite des Antriebsspannschlittens.
Im Inneren des Gebaeudes laesst sich eine gewisse Unordnung nicht verleugnen. Ich erfahre, dass die Rettung der Anlage vor Pluenderern und Schrottsammlern quasi in letzter Minute und unter Zeitdruck erfolgt ist. Da die Kabinenbahn nicht zu den primaeren Bergwerksanlagen gehoert, konnte ihr bis jetzt noch nicht die notwendige Aufmerksamkeit zu teil werden. Fuer die naehere Zukunft sind jedoch Korrosionsschutz- und Farbarbeiten geplant.
Wie frueher bei Leitner ueblich, sind die Stahlbauteile in grau, die Seilscheiben und –rollen in Gelb lackiert. Immer wieder ein Augenschmaus ist die geradlinige und zweckmaessige Konstruktion der Antriebsanlage.
Die Anlage macht einen sehr
klebrigen Eindruck, was aber offensichtlich daran liegt, dass hier nicht mit Schmiermittel gegeizt wurde. Lediglich das Abwischen und Entfernen ueberfluessiger Fettreste scheint nicht erfolgt zu sein; darunter leidet natuerlich der optische Gesamteindruck.
Der Blick in Richtung Spannschacht: An dem mehrfach geschorenen Drahtseil im Vordergrund haengt das grosse Spanngewicht tief im Schacht; die Betongewichte im Hintergrund halten die Steuer- und Telephondraehte auf Spannung.
Simple, aber robuste und zuverlaessige Technik.
Der Hauptantriebselektromotor befindet sich links des Hauptgetriebes, der Notantriebsverbrennungsmotor ist auf dessen rechter Seite angeordnet. Dieses Arrangement hat Leitner viele Jahre unveraendert beibehalten.
Ueber diese Leitungen wurde die Anlage mit Strom versorgt und gesteuert.
Der Hauptantriebselektromotor.
Es handelt sich um eine Drehstromasynchronmaschine mit 100 PS bei 1.450 Umdrehungen pro Minute.
Es folgt das Untersetzungsgetriebe vom Typ „SS2“, welches die Wahl von zwei verschiedenen Geschwindigkeiten ermoeglicht.
Zwischen dem Untersetzungsgetriebe und dem Hauptgetriebe befindet sich das Schwungrad mit elektromagnetisch betaetigter Betriebsbremse, ausgefuehrt als Backenbremse.
Das grosse Hauptgetriebe ist mittig auf dem Antriebsspannschlitten direkt ueber der Seilscheibe montiert.
Es handelt sich um ein Getriebe des Types „KSS2“.
Auf der (von Strecke gesehen) rechten Seite des maechtigen Hauptgetriebes befindet sich der Notantriebsverbrennungsmotor.
Offensichtlich handelt es sich um einen geblaesegekuehlten V-8 Zylinder 4-Takt Benzinmotor von Steyr. Dieser Motortyp ist im Auftrag von Steyr bei Porsche unter der Bezeichnung „Typ 145“ entwickelt worden. Eingebaut wurden diese Aggregate unter anderem in den „schweren Einheits-PKW“ der Wehrmacht, in der Ausfuehrung Steyr 1500A beziehungsweise Steyr 2000A. Diese Motoren haben 3,5 Liter Hubraum und leisten 85 PS bei 3000 Umdrehungen pro Minute.
Die Leistung des Notantriebsverbrennungsmotors wird ueber eine Einscheibentrockenkupplung, ein (auf 1., 2. und R-Gang blockiertes) Wechselgetriebe, ein weiteres Untersetzungsgetriebe und eine von Hand zu schliessende Klauenkupplung im Bedarfsfall an das Hauptgetriebe uebertragen.
Ausblick von der Antriebsbruecke auf den Stationsbereich.
Einfache, aber effektive und unkomplizierte Eingenkonstruktion zur Seilschmierung.
Muessten eigentlich noch jedem „Liftfreak“ von frueher bekannt sein: Porzellanisolatoren fuer Telefon- und Steuerleitungen.
Noch einmal die grosse gelbe Seilscheibe und der Antriebsspannschlitten von unten.
Handrad fuer Hand- und Notbremse.
Diverse elektrische Installationen im Schaltraum.
Das originale Fahrpult ist leider von „Sammlern“ schon sehr gefleddert worden.
Konventionelle robuste Elektrotechnik aus einer Zeit, als Messgeraet und Schraubendreher noch reichten …
Damals liess sich eine Gluehlampe noch ohne Laptop auswechseln!
Der Blick auf die Strecke.
Die Talsationsausfahrt erfolgt ueber zwei Portalniederhalter mit 6er Rollenbatterien am Waagebalken. Es sind noch die originalen breiten Niederhalterrollen montiert!

Ein wunderschoener Anblick, der mich zu mehreren Aufnahmen animiert …
Inzwischen ist es bereits Mittag geworden. Nur ungerne verlasse ich diese interessante Anlage, aber vor mir liegen noch das Penser Joch und so einige Kilometer bis San Remo. Da diese Kabinenbahn fester Bestandteil des Suedtiroler Bergbaumuseums ist, brauche ich mir auch keine Sorgen machen, dass diese
ueber Nacht verschwindet. Ich werde auf jeden Fall zurueckkehren um die Strecke und die Bergstation zu dokumentieren und an der grossen Fuehrung durch das Bergwerk und die Erzaufbereitung teilnehmen.
Letzte Blicke zurueck auf dieses einmalige Relikt und Zeugnis suedtiroler Ingenieurkunst.
An dieser Stelle moechte ich Herrn Direktor Schoelzhorn und seinen Mitarbeitern nochmals ganz herzlich danken. Ohne deren Mithilfe und Kooperation waere dieser Bildbericht so nicht moeglich gewesen. Ich wuensche dem Suedtiroler Bergbaumuseum fuer die zukuenftige Entwicklung alles Gute und vor allem viele interessierte Besucher.
Viele Gruesse von der Kueste,
Peter