Ich les ja das Forum nicht täglich, versuch hier aber immer alles aufzuarbeiten. Danke mal wieder an alle für die doch größtenteils sehr sachliche Diskussion.

Ansonsten sind mir ein paar Gedanken eingefallen, die ich gerne teilen wollte.
1. Was die Inzidenzen betrifft ist mir aufgefallen, dass diese in einigen Bundesländern deutlich runter gegangen sind (z.B. Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen), in anderen Bundesländern sind sie in den letzten Wochen aber eher stagniert (z.B. Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern), oder sinken momentan nicht mehr siginfikant. Natürlich gibt es Schwankungen, aber Trends lassen sich durchaus in den RKI-Zahlen erkennen.
1a) kleiner Beisatz: ich glaube übrigens auch (wie so manch anderer hier), dass die mittlerweile bekannten Mutationen schon längst unter uns sind, und ggf. auch dafür verantwortlich sind, dass die Neuinfektionen im November und Dezember nicht gesunken sind. Um das herauszufinden bleibt aber nur zu sequenzieren. Das läuft aber leider immer noch nicht richtig.
2. Irgendwie bin ich nur zufällig drauf gestoßen, aber Daniel Günther (Ministerpräsident von Schleswig-Holstein) hat vor ein paar Tagen ein Lockerungs-Konzept vorgestellt (siehe z.B. diesen
Artikel des NDR). Ich war mir zwar nicht mehr ganz sicher, ob ich das schon hier gepostet hab (oder wer anders), aber die Suchfunktion hat nix ergeben. Insofern... Eigentlich spricht er mir ziemlich aus dem Herzen (sofern wir uns nicht für die Zero-Covid-Strategie entscheiden), da die Vorschläge zwar vorsichtig sind, aber durchaus Hoffnungen geben. Im Prinzip wird mit Inzidenzen gearbeitet, so wie ich verstehe nach Bundesland, und diese sollen mit Hilfe weiterer Parameter gewichtet werden:
Die Strategie der möglichen Lockerungen ist an den Inzidenzwert des Landes geknüpft. Weitere Faktoren sind etwa die Auslastung der Intensivbettenkapazitäten, der Reproduktionswert und auch die Impfquote. "Die Inzidenzwerte werden mithilfe eines dynamischen Faktors validiert. Dieser dynamische Faktor soll die jeweilige Auslastung der Intensivkapazitäten, die Reproduktionszahl, den sogenannten R-Wert und weitere epidemiologische Aspekte, wie das Auftreten von Mutationen, die Situation des Öffentlichen Gesundheitsdienstes und in der Perspektive auch die Impfquote in die Entscheidung über Öffnungsschritte einbeziehen", erklärte Günther.
Letzten Endes soll es dann 3 Inzidenzwerte als Kriterium geben: 100, 50, 35. Bei dauerhaftem Unterschreiten, je nach Art der Maßnahme 7 oder 21 Tage, soll es Lockerungen geben. Meine Interpretation: bei einmaligem Überschreiten der Inzidenzen wird (wieder) verschärft.
Bei 7 Tage unter 100 wären z.B. wieder Kontaktbeschränkungen von 2 Haushalten mit maximal 5 Personen möglich, außerdem soll Schulen und Kitas etwas mehr Regelbetrieb ermöglicht, und einige körpernahe Dienstleistungen (z.B. Friseure) wieder erlaubt werden. Sicherlicht ist das für manche sehr wenig Lockerung, und anderen geht es zu weit, aber in einer Demokratie gilt es nun mal
Kompromisse zu finden.
Und ich muss sagen: mir sagt solch ein Konzept v.a. deshalb zu, weil es klare, nachvollziehbare Kriterien und Regeln geben soll. Diese sind in gewissem Maße planbar, und politische Entscheidungen würden nicht mehr nur wie reine Bauchentscheidungen wirken. Gleichzeitig wird dadurch immer betont, dass wir auch als Bevölkerung einen Beitrag dazu leisten können, dass es allen besser geht, es werden sozusagen realistische und beeinflussbare Ziele ausgegeben. Und dann wären wir alle wirklich für die weitere Entwicklung verantwortlich, in dem Sinne nicht alles ausreizen zu müssen, was evtl. erlaubt ist. Wir hätten Eigenverantwortung, und müssten aber schon auch uns als Kollektiv fühlen, wo ein jeder für die anderen verantwortlich ist. Das ist sicher schwierig, aber (hoffentlich) nicht unlösbar. Ich mag es, optimistisch an eine gesellschaftliche Solidarität zu glauben!
3. Um die deutschen Zahlen Revue passieren zu lassen mach ich auch meine eigene LibreOfficeDraw-Tabelle mit diversen Grafiken. Diese aktualisier ich täglich. Die Berechnungen sind teilweise vereinfacht und die Daten stammen von
worldometers (Quelle davon wiederum der
Tagesspiegel). Das hat sich traditionell so entwickelt, und ich hab beschlossen dabei zu bleiben. Die Zahlen sind den RKI-Daten übrigens recht ähnlich, aber tendenziell etwas höher.
a) Neuinfektionen: Tageswerte (blau) und 7-Tages-Durchschnitt (rot)
Der Trend ist bisher wirklich ziemlich gut, aber der Nach-Weihnachts-Peak ist doch recht deutlich ersichtlich: erst ein steiler Abfall der Neuinfektionen und dann wieder ein "Kamelbuckel". In Teilen liegt das aber auch daran, dass in KW53/2020 nur rund 807.000 Tests durchgeführt wurden, in KW 1/2021 1.214.000 (siehe Excel-Tabelle vom RKI,
hier verlinkt). Generell liegt die theoretische Testkapazität aber über 2 Mio./Woche, was wir in Deutschland bei weitem nicht ausnutzen. Das ist wirklich schade, denn jeder Test ist wichtig, um auch asymptomatische Fälle zu entdecken.
b) R-Wert: 4-Tage-Wert (blau) und 7-Tage-Wert (rot), wobei einfach nur stur die gemeldeten Neuinfektionen genommen wurden, ohne Nowcasting oder ähnliches, was das RKI macht.
Der Peak kurz nach dem 16.6.2020 ist der Tönnies-Peak. Ansonsten etwas, das ich erst im Nachhinein realisiert hab: eigentlich war ab 15.7. bis Mitte November der 7-Tage-R-Wert nahezu durchgehend über 1. (kurze Ausnahme 10 Tage um den 1. September herum). D.h. wir haben uns eigentlich den ganzen 2. Teil des Sommers und den Herbst (unbewusst?) im exponentiellen Wachstum befunden. Und obwohl ich die Grafik vorliegen und täglich aktualisiert hab, wollte ich die Konsequenzen daraus nicht sehen, insbesonder nicht während des Lockdown-Light im November. Hinterher ist man natürlich immer schlauer, und wenn man mich schon damals drauf gestoßen und die Zahlen verdeutlich hätte, hätte ich möglicherweise auch im November schon eine andere Sichtweise gehabt. Da hab ich mich zwar an die Regeln gehalten, aber doch ausgenutzt, was erlaubt war.
c) Inzidenzen: 7-Tage (rot), 14-Tage (blau)
Auch hier sieht man den Weihnachts-Peak und ein deutliches Absinken der Inzidenzen momentan. Das ist durchaus positiv. Der relevante Teil der Grafik ist aber ein anderer, deshalb noch ein Ausschnitt mit y-Achse nur von 0 bis 100.
Hier kann man nämlich
möglicherweise erkennen, wann uns die Neuinfektionen "entglitten" sind. Das ist natürlich auch nicht ganz absolut, aber beim Betrachten der Grafik würde ich sagen: spätestens bei einer 7-Tages-Inzidenz von 20 - ab da geht es richtig ab. In dieser Grafik ist das ab dem 6.10.2020. Bis dahin plätschern die Infektionszahlen so vor sich hin, steigen leicht, und dann - von einem Tag auf den anderen - ist ein massiver Anstieg der Inzidenz zu beobachten, der Knick in der Kurve ist deutlich.
Fazit: Dies würde wiederum dafür sprechen, dass wir eigentlich schon vor einer Inzidenz von 20 die Bremse rein haun müssten, außer wir können mit den dann geltenden Maßnahmen die Inzidenzen trotzdem niedrig halten. Spätestens dann sollte der R-Wert aber nicht (mehr) größer 1 sein. Aber wir wissen ja immer noch nicht, wie welche Maßnahmen wirken. Und genau deshalb könnten schrittweise Lockerungen das Mittel der Wahl sein, denn man kann eine gewisse Zeit beobachten, welche Lockerung, was bewirkt, oder anders gesagt: welche Maßnahme bringt etwas, welche nicht. Auch das ist natürlich wieder begrenzt, weil eben Mutationen unterschiedlich ansteckend sein können (danke auch für die Excel-Beispiel-Rechnungen hier im Thread) und weil wir auch einen indirekten, jahreszeitlichen Aspekt haben werden. Aber ein Dauer-Lockdown über viele weitere Monate kann ja auch keine Lösungen sein, dann lieber behutsam und mit Strategie.