Petz schrieb:
Abgesehen davon das man den Russen jegliche Handelsströme auf Jahrzehnte vollumfänglich kappen, Vermögenswerte einziehen und nicht nur halbherzig sanktionieren sollte...
Auch um den Preis, dass wir anstelle der am wenigstens schädlichen fossilen Energiequelle, Pipeline Erdgas aus konventionellen Lagerstätten in Sibirien, durch extrem klimaschädliches durch Fracking gewonnenes LNG aus den USA importieren? Was ist Dir denn jetzt am Ende wichtiger? Das Klima oder die Moral?
Kennst Du die Story um Marc Rich? Der hat nach dem Sturz des Schah im Iran über Jahre Israel mit iranischem Öl beliefert. Die Mullahs wussten, dass Marc Rich ihr Öl an Israel verkauft. Die israelische Regierung wusste, dass sie Öl von ihrem erklärten Todfeind Iran kaufen. Dem Regime, was Israel bis heute von der Landkarte ausradieren möchte. Israel hat billigend in Kauf genommen, dass der Iran mit seinem Geld Waffen kauft, um Israel anzugreifen. Der Iran hat Irsael mit Öl beliefert und dabei billigend in Kauf genommen, dass israelische Kampfjets getrieben von iranischem Öl Ziele im Iran angreifen. Das hat sie nicht daran gehindert, miteinander Handel zu treiben. Das ist der Pragmatismus, den ich aktuell in der Politik nicht erkennen kann.
kaldini schrieb:
Aber spätestens 2010 hätte man da umsteuern müssen.
Selbst 14 Jahre später sehe ich noch immer nicht den technologischen Durchbruch, mit dem dies in dem erforderlichen Maßstab gelingen könnte. Selbst der aktuelle Regierung, welche sich den Kampf gegen den Klimawandel auf die Fahnen geschrieben hat, fällt nichts besseres ein als Gaskraftwerke zu bauen, um diese dann mit LNG zu betreiben. Wobei LNG aus Fracking-Gas mittlerweile einen genau so schlechten Ruf hat wie Braunkohle.
Die Frage ist daher immer noch, wo bauen wir 90 Staudämme in der Größenordnung eines Grande Dixence oder welche Alternativen stehen uns sonst zur Speicherung zur Verfügung?
Ich kann nur empfehlen, sich das zuvor schon mal verlinkt Video von Prof. Züttel zur Volksabstimmung über das Energiegesetz in der Schweiz anzuschauen, insbesondere ab der Stelle, wo er verschiedene
Szenarien darstellt. Bezüglich des gesamten Energiebedarf kann man die Zahlen überschlägig mit 10 multiplizieren, um sie auf deutsche Verhältnisse zu übertragen. Ich würde zwar an die dort veröffentlichen Zahlen hier und da ein Fragezeichen dran setzen, insbesondere, was den Flächenbedarf und die Kosten betrifft, aber zur grundsätzlichen Orientierung ist das Video schon mal gar nicht so schlecht.
Wenn man bei der saisonalen Speicherung auf Wasserkraft setzt, dann scheint dies erst einmal die kostengünstigste Variante zu sein. Alternativen wie synthetisches Öl oder Wasserstoff sind wegen der Verluste bei der Umwandlung deutlich teurer.
Und das beschreibt halt schon das ganze Dilemma.
- Die Sonne fällt in unseren Breiten im Winter größtenteils aus. Also müssen wir speichern.
- Am günstigsten funktioniert Speicherung mit Pumpspeicherkraftwerken. Dafür haben wir aber nicht die nötigen Standorte in ausreichender Anzahl. Ich weiss nicht einmal, wo die Schweiz noch diese 9 Staudämme bauen möchte. Vielleicht gräbt man ja noch mal die Pläne aus, das Urserental zu fluten. Würde uns allerdings ein Skigebiet kosten.
- Also müssen wir Energie ineffizient verstofflichen, also extreme Überkapazitäten an Windrädern und Sonnenkollektoren schaffen, die im Sommer genügend Strom erzeugen, um den laufenden Bedarf sicher zu stellen und um überschüssigen Strom in synthetisches Öl oder Wasserstoff zu verwandeln. Speicher für Öl und Gas haben wir bereits schon einige. Dies führt aber, wie im dem Video zu sehen ist, zu erheblichen Mehrkosten, die meiner Ansicht nach noch viel zu gering angesetzt sind
- für die Erzeugung von Wasserstoff braucht es auch entsprechend viel Süßwasser. Dummerweise gibt es viele Standorte wie Wüsten, in denen zwar die Sonne scheint, aber wenig Wasser vorhanden ist. Deswegen hat es ja dort auch weniger Wolken. Keine Wolken, kein Wasser. Viele Wolken, keine Sonne. Irgendwie ist dieser Planet eine Fehlkonstruktion. Wir sollten diese Systemfehler beim Bau des nächsten Planeten unbedingt vermeiden.
- Batteriespeicher sind derzeit noch viel zu teuer. Sie eignen sich daher nur zur Überbrückung kurzer Engpässe oder ggf. in kleinen Insellösungen oder Pilotprojekten auch zur saisonalen Speicherung
- zu Betonkugeln unter Wasser, Fallgewichten und anderem Kram sag ich jetzt mal nichts. Das scheint mir weder ausgereift, erprobt noch in dem benötigten Maßstab umsetzbar
- und am Ende darf der Strompreis nicht wesentlich über dem des Auslands liegen, weil sonst hier die Industrie die Tore dicht macht
Wenn ich mir die Liste so anschaue, dann sehe ich bestenfalls eine Chance von 5%, dass sich Deutschland in absehbarer Zeit aus einer Kraft mit Energie aus nicht fossilen Quellen versorgen kann. Meiner Meinung nach werden wir noch die nächsten Jahrzehnte auf Importe von Energieträgern angewiesen sein. Und wenn es importierter Wasserstoff ist, der irgendwo in der Wüste mit Sonnenkraft aus dem dort sicher reichlich vorhandenen Süßwasser erzeugt wird.
Nach jetzigem Stand der Dinge haben wir also verschiedene Ziele:
- Klimaschutz
- preiswerte Energie zu wettbewerbsfähigen Preisen
- Zuverlässigkeit und hohe Verfügbarkeit
- völkerrechtlich vereinbarte Klimaziele
Wir müssen uns ggf. auch mit dem Gedanken abfinden, dass es derzeit noch gar keine Lösung gibt, die alle Zielen, also Wirtschaft, Klima und Verfügbarkeit, unter einen Hut bringt. Irgendwas bleibt derzeit immer auf der Strecke. Und wenn man jetzt noch seine Energie unter moralischen Aspekten einkaufen möchte, dann wird die Aufgabe praktisch unlösbar. Gleiches gilt auch, wenn die Erdbevölkerung weiter so wächst wie bisher.
Und ich denke, dies ist auch einer der Gründe dafür, weshalb sich diese Debatte weitgehend im Kreis dreht. Abgesehen von Zukunftsvisionen und Utopien wie Fusionsreaktoren, dem Bau neuer AKW, im Wasser schwebenden magischen Betonkugeln gibt es derzeit schlicht keine technische Lösung, welche alle Ziele gleichermaßen abdeckt. Da hätte man in der Tat vor 25 Jahren andere Prioritäten setzen müssen. Nur ändern können wir die Versäumnisse und Fehler der Vergangenheit jetzt auch nicht mehr. Und dabei haben Deutschland bzw. die EU27 ja schon bereits mehr geleistet als die meisten der übrigen Industrieländer, die jetzt erst anfangen, mehr in Klimaschutz zu investieren
Und deswegen muss man halt pragmatisch vorgehen und Kompromisse schließen. In manchen Fällen ist es halt besser, eine ineffiziente Gasheizung durch eine moderne Gastherme zu ersetzen. Eine Kernsanierung von Gebäuden kann man auch vornehmen, wenn ein Eigentümerwechsel ansteht und das Gebäude nicht bewohnt ist oder grad eh umgebaut wird. Solarzellen kann man aufs Dach packen, wenn das Dach nach 50 Jahren sowieso saniert werden muss. Eine Wämepumpe kann man sich einbauen, nachdem man die Stromleitung und den Zählerschrank erneuert und eine Flächenheizung eingebaut hat. Ein E-Auto kann man sich dann auch anschaffen, wenn man die Möglichkeit hat, dieses mit Strom von eigenen Dach zu laden.
Aber bitte immer unter Berücksichtigung von Machbarkeit und Kosten. Und nicht, weil jemand wie ein trotziges Kind mit dem Fuß auf den Boden stapft und seinen Kopf durchsetzen will, in dem er radikal alles verbietet was funktioniert und in bester planwirtschaftlicher Manier beschließt, dass in 25 Jahren keinerlei CO2 mehr emittiert werden darf oder mit einem Heizungsgesetz so enge Vorgaben macht, dass faktisch am Ende nur noch eine einzige Lösung übrig bleibt. Gleichgültig, zu welchen Kosten und ob die in jedem Einzelfall funktioniert oder nicht. Da fahren wir meiner Ansicht nach derzeit mit Vollgas in eine Sackgasse.
Weniger Dogmatismus und mehr Pragmatismus ist jetzt gefragt. Und dies betrifft parteiübergreifend alle politischen Kräfte im Land, die sich in den letzten 25 Jahren nicht mit Ruhm bekleckert haben. Also einfach mal schön den Ball flachhalten, den selbst mit hohen moralischen Anspruch gebauten Elfenbeinturm verlassen, auch zu den eigenen Fehlern stehen und dann sehen, was derzeit geht und was nicht.