Grundsätzlich ist es so.
Verständlicherweise war es dem Betreiber äusserst wichtig, dass die Wahrscheinlichkeit einer 2. Panne aufgrund eines FU-Fehlers während einem Fahrgasttransport ausreichend gering eingestuft werden konnte. Anstelle auf definitiv genügend aussagekräftige Messungen zu warten, ging man wohl davon aus, dass nach zig problemlosen Testfahrten nach Umhängung der Speisung vom FU von Sektion 2 auf den Transformator von FU von Sektion 1, man das Risiko einer Wiederinbetriebnahme eingehen konnte, zudem der Glacier 3000 Run nicht abgesagt werden konnte.
Dies ist keinesfalls eine Kritik an der Vorgehensweise, hätte selbst denselben Entscheid gefällt, nur hätte ich bereits ab dem 2022-07-22 versucht, u.a. die erforderlichen Power Analyzern sowie ggf. weitere Messgeräte, u.a. zur Kontrolle des Potentialausgleichs und der Hauptstromkabeln (und Transformatoren), zu organisieren, insbes. da ABB (Schweiz) bereichsübergreifend auch in der Energietechnik über Experten verfügt.
Zusammengefasst:
1) Am Samstag 2023-07-22 war mir klar, dass man bei ISU-seitigem FU-Fehler nicht nur FU-seitig suchen sollte, sondern ebenfalls seitens der Netzbedingungen bei der FU-Speisung, insbes. da bei der Glacier 3000 Mittelstation Cabane die 20 kV MS (Mittelspannungs-) Netzerverhältnisse nicht optimal sind.
Für diese Schlussfolgerung braucht es auch kein hochkarätiges Expertenwissen, die Zuverlässigkeit von Netzrückspeisungen mittels Leistungselektronik ist aus allgemeinbekannten technischen Gründen abhängig von den Netzbedingungen.
2) Der einzige wesentliche sofort auffallende Unterschied zwischen FU von Sektion 1 und FU von Sektion 2 sind die unterschiedlichen Schaltgruppen der beiden MS/NS-Transformatoren (20/0.69 kV, je 2000 kVA), wovon je einer getrennt den FU einer Sektion klassisch 6-pulsig (nullleiterlos) speist. Die hier vorliegenden unterschiedlichen Schaltgruppen bedingen eine unterspannungsseitiege Phasenverschiebung sowie unterschiedliche Eigenschaften bzgl. Übertragung von Netzrückwirkungen und zudem ggf. auch bzgl. Netzform (z.B. TN oder IT). Ob diese Unterschiede effektiv eine massgebende Rolle bzgl. ISU-Fehler im Rückspeisebetrieb spielen, kann jedoch formal nur mittels Messungen belegt werden, da ohne Aufzeichnungen nicht mit Sicherheit feststellbar ist, ob etwaige Netzprobleme beim LCL-Filter Netzanschluss auf Probleme seitens MS/NS-Speisetransformator und/oder MS-seitige Probleme zurückzuführen sind.
Ursache kann zudem durchaus eine Kombination von MS-Netzproblem und nicht optimal ausgelegtem Transformator (z.B. ggf. fehlende statische Abschirmung) sein, dabei muss nicht einmal der Transformator zwangsläufig defekt oder degradiert sein, dies sofern sich die MS-Netzbedingungen selbst ausreichend geändert haben.
3) ABB ACS880 FUs und umsomehr solche mit vom Inverterleistungsmodul (hier R8i Form Factor sowohl ISU- wie INU-seitig) getrenntem Steuermodul (BCU Regelungseinheit) verfügen über ein sehr ausgereiftes Diagnosesystem. Die BCU selbst ist noch mit einer 7-Segmentanzeige ausgestattet, die u.a. low-level Fehlercodes sequentiell Anzeigen kann solange die BCU noch nicht am Ende ihres Lateins ist, auch wenn keine Kommunikation mit den Bedienpanels (und PC) mehr möglich ist.
Vereinfacht betrachtet, solange eine BCU noch in der Lage ist, mit dem über Bedienpanel USB Port angeschlossenen PC zu kommunizieren, stehen i.d.R. die sehr umfangreiche Diagnosemöglichkeiten noch zur Verfügung, dies ggf. auch bei defekten Invertern.
Nebst zahlreichen Fehlercodes werden ebenfalls BCU-intern diverse Daten defaultmässig stets automatisch aufgezeichnet und gewisse je nach Parametrierung (siehe weiter oben). Anschluss eines PCs mit der ABB Drive Composer Pro Software ist jedoch Grundvoraussetzug, da mit dem Bedienpanel nur einen Teil der Infos bzw. Daten zugänglich sind, und zudem die Bedienung und Anzeige des Bedienpanels in der Praxis nicht für komplexere Aufgaben geeignet sind. Bedienpanels sind jedoch sehr praktisch, um eine erste Diagnose vorort durchzuführen und z.B. einzelne Parameter zu kontrollieren bzw. editieren sowie Drive in Betrieb zu nehmen und Testen. Einzelheiten sind jedoch OEM-konfigurationsabhängig, da oft gewisse Bedienpanelfunktionen aus Sicherheitsgründen durch den Steuerungshersteller (OEM) gesperrt werden.
Aufgund dieser doch sehr ausgedehnten und gut durchdachten FU-Diagnosefunktionen, kann man in den meisten Fällen feststellen, ob ein FU einen internen Fehler aufweist. FU-exterme Fehler können nur anhanden von "Folgeerscheinungen" vom FU erkannt werden, wie z.B. unstabile Netzverhältnisse. Der FU kann mittels Fehlercode die interne Ursache des Fehler spezifizieren, eine effektive externe Ursache muss man dann selbst herausfinden.
Werden netzseitige Unregelmässigkeiten vermutet, bleibt nichts anderes übrig, als diese Aufzuzeichnen und entsprechend auszuwerten und zu dokumentieren. Dabei muss man, wie ausdrücklich bereits aufgeführt, auf ausreichend leistungsfähige Power Analyzer zurückgreifen können.
Massgebend ist ebenfalls die Tatsache, dass der Fehler reproduzierbar ist. Die komplexesten und am schwierigsten zu diagnostizierenden Fehlern, die ich erlebt habe, waren allesamt sporadische Fehler, die dann genau nicht aufreteren wenn aufwendige Aufzeichnungen durchgeführt werden (jedoch wiederkehren sobald man die Messgeräte verstaut hat!

).
Ob die Netzbetreiberin Romande Energie je bekannt gibt, ob MS-seitig was geändert wurde (auch wenn nur vorübergehend, z.B. während der Revision eine lokalen Kraftwerks oder leitungs- oder unterwerksbezogenen Bauarbeiten) weiss ich nicht.
Ausreichend sicherer Verlass ist nur auf durch interessenskonfliktfreie Parteien durchgeführte und ausgewertete Messungen, da Seilbahnbetreiber selbst nicht über die erforderlichen Messgeräte verfügen, bin nicht einmal sicher, ob Frey oder Sisag solche einsetzen, meist sind nur relativ einfache Netzqualitätsmessgeräte in der 10-20 kCHF/kEUR Einstiegsklasse vorhanden und wie besprochen schränkt die erforderliche CAT bei den vorhandenen AC sowie DC Spannungen auf ca. 2520 m ü.M. die Wahl der Messgeräte ein. Bei solchen Aufstellungshöhen mus man insbes. bei 690 V bereits überprüfen, ob spezielle Massnahmen (z.B. ZK-Überspannungsschutz wobei ggf. bei IT-Netzform dies zum Problem werden kann) bzw. spezielle Schaltgeräteausführungen erforderlich sind.
Nebst Netzmessungen sind ebenfalls die Transformatoren auszumessen, und die Haupstromverkabelung sowie der Potentialausgleich zu kontrollieren. Gut möglich ist, dass das Zusammenspiel einer Kombination unterschiedlicher Ursachen zum ISU-Fehler führen.
Weshalb nicht anders vorort vorgegangen wurde, kann ich nicht beurteilen. War selbst weder vorort noch involviert.
Meiner eigenen Erfahrung nach spielen menschliche Faktoren eine absolut entscheidende Rolle. Teamfähigkeit aller Beteiligten ist ebensowichtig wie die eigentliche Fachkompetenz. Zudem spielen Verantwortlichkeiten ebenfalls eine Rolle.
Sehr oft etabliert sich ebenfalls eine Art Tunneldenkweise bei der man sich auf Einzelheiten konzentriert und dabei die Gesamtübersicht zu stark vernachlässigt, behaupte allerdings nicht, dass dies hier der Fall ist.
Nicht selten werden auch gewisse Fehlerursachen ohne wirkliche formale Überprüfung ausgeschlossen, andere werden einfach aus verschiedenen Gründen übersehen oder irrtümlicherweise als zu unwahrscheinlich eingeschätzt.
Gutes Teamwork ist dann sowas wie hier (die beiden haben nie zuvor zusammen gespielt noch geübt):
https://youtu.be/A99sZ0ngd_U?t=206
M.E. ist es auch nicht sinnvoll, zuviele betreiberexterne Intervenierende vorort im Einsatz zu haben, massgebend sind deren Kompetenz und menschliche Qualitäten. 20 Experten inkl. die, die nicht vorort sind bringen nicht viel und dies umsomehr solange man keine verlässliche Messungen durchgeführt hat.
Auch bei sehr komplexen Industrieanlagen stellt man oft fest, das insgesamt nur ganz wenige Einzelpersonen die Elektrotechnik dieser Anlagen wirklich sehr gut kennen und zudem sollten diese noch gute nicht elektrotechnikbezogene allgemeine Kenntnisse haben. Sehr vorteilhaft ist es, wenn Elektrotechnikspezialisten ebenfalls sehr gut die Mechanik kennen und dort auch möglichst was Praxiserfahrung haben.
Anscheinend nicht banale Pannen sollte man meiner Meinung nach pluridisziplinär angehen, mit Systematik und Offenheit und dabei auch die einfachsten zuerst durchzuführenden Kontrollen niemals unterlassen. Egal was mir gesagt wird messe ich z.B zuerst mal selbst die Versorgungs- und Hilfsspannungen und kontrolliere ggf. Sicherungen auf Durchgang bevor ich überhaupt weiter suche, egal ob es sich um eine kleine Maschine handelt oder eine Anlange mit steuerungsseitig einigen tausend I/Os (steuerungsseitig sind Seilbahnen noch recht einfach aufgebaut, wichtig sind allerdings gute Kenntnisse im Bereich von Sicherheitssteuerungen (SIL 3/PL e) sowie Antriebstechnik).