švi-nigel schrieb:
Schöne tour da oben, merssi. Da meine mutter bündnerin war weis ich dass sich beim dreibündenstein die gebiete der drei alten rhätischen Bünde treffen. Der kanton Graubünden müsste drum eigentlich Dreibünden heissen. Wäre für mih jedenfalls logischer als dass komische „grau/Grischun“.
Der Begriff „Graubünden“ entstand bereits zu Zeiten des Freistaats der Drei Bünde und wurde schon damals (teils als Synonym) für den alten Staatenbund verwendet. Nachfolgend ein paar historische Beispiele von für Graubünden benutzten Bezeichnungen:
⁃ Niccolò Machiavelli 1507 über Eidgenossen und Bündner: „(…) Oltre a questi dodici Cantoni ci sone due altere qualità di Svizzeri:
la Lega Grigia, e i Vallesi, e tutti due confinano con Italia (…)“.
⁃ Guglielmo Tengatino von Brescia 1511 zu einem Bündnis mit den Bündnern: „Questa vera libertà ci viene hora sicurissimamente offerta dalla nobilissima Lega che con tanta prontezza et con tanta solecitudine da Signori Suizzeri e
Grigioni son partiti di non voler altro da noi che una perpetua congiuntione delle nostre con le luoro forze a comune diffesa (…)“.
⁃ Verfassung (Bundesbrief) des Dreibündenstaates vom 23. September 1524: „Präambel: Wir, alle Gemeinden der gemeinen
drei Bünde dies- und jenseits der Gebirge bekennen und tun jedermann kund für uns und unsere Nachkommen: (…)“.
⁃ Bündner Toleranzedikt von 1544: Niederlassungsfreiheit für Glaubensflüchtlinge: „Proindeque omnibus, solummodo ob religionis Evangelicae confessionem et in a patria profugis et in
Reatorum terras sive dominantis (…).“
⁃ Die Druckschrift eines anonymen Verfassers, herausgegeben im Anschluss und zur Rechtfertigung des Strafgerichts von Thusis von 1618 trägt den Titel: „
Grawpündtnerische Handlungen des M.DC.XVIII jahrs“ (Anmerkung: Hier dürfte mit dem Begriff wohl nur der eigentliche Graue Bund gemeint sein, zu dem Thusis damals gehörte).
⁃ Jean Bodin 1576 in seinen „Six livres de la Republique“: „Comme les Seigneurs des
trois ligues Grises, anciens alliés des Suisses, furent compris en termes expres’ au traité de 1521 entre le Roy François I. et les Suisses en qualité de coalliés (…).“
Der graue (obere) Bund entsandte zwar die meisten Abgeordneten in den gemeinsamen Bundestag, dieser tagte jedoch jeweils abwechselnd in Ilanz, Chur und Davos, um die grundsätzliche Gleichberechtigung der drei Bünde zu unterstreichen. Es gab somit keinen primus inter pares und keinen offiziellen Hauptort. Der Ende des 18. Jahrhunderts faktisch erzwungene Beitritt Bündens zur Eigenossenschaft bedeutete das Ende des althergebrachten Bündner Staatswesens und der früheren staatsrechtlichen Souveränität (samt Verlust des traditionellen Untertanengebiets Veltlin). Daher sollte wohl auch der alte Name „Drei Bünde“ nicht in die neue Kantonsbezeichnung übernommen werden.
Im Auftrag von Napoleon Bonaparte legte der Basler Oberzunftmeister Peter Ochs 1798 einen Entwurf einer helvetischen Einheitsverfassung vor. Der Entwurf richtete in der Verfassung selbst eine Einladung zur helvetischen Mitgliedschaft an die Bündner: „On invitera
les Ligues grises à devenir Partie intégrante de la Suisse, et si elles repondent favorablement à cette invitation, les Cantons seront provisoirement au nombre de 22, savoir: (…) celui de
Rhétie ou de
Grisons: Cheflieu, Coire.“
In der Helvetischen Republik hiess der Kanton dann wie von Ochs vorgeschlagen „Kanton Rätien“ mit Hauptort Chur. In der Folge erkannte auch Bonaparte, dass der im Freistaat der Drei Bünde völlig ungewohnte Zentralismus nach französischem Vorbild in der Helvetik keine Akzeptanz fand. Napoleon erteilte daher den Auftrag, neue Kantonsverfassungen auszuarbeiten und sich dabei an den alten demokratischen Strukturen zu orientieren. So entstanden in den Kantonen die neuen Mediationsverfassungen, die von Napoleon am 10. März 1803 in Kraft gesetzt wurden.
Dass Bonaparte in diesem Zusammenhang den Namen „Graubünden“ für die Verfassung von 1803 ausdrücklich vorschrieb, ist nicht belegt und m.E. unwahrscheinlich: Die Bündner übernahmen für die neue Mediationsverfassung einfach die bereits 1798 vom Schweizer Peter Ochs vorgeschlagene Alternativbezeichnung „Grisons“ (Graubünden), um sich nunmehr auch klar gegenüber der unglücklichen Zwischenphase der Helvetik abzugrenzen (vgl. z.B. auch das Beispiel des helvetischen Kantons „Léman“, der seit 1803 den Namen „Vaud“ (Waadt) trägt).
OT Ende.
