snowflat
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Ballermann in den Alpen
Das Dorf Ischgl ist das winterliche Event-Mekka der Alpen. Schon am Nachmittag verwandelt sich der gesamte Ort in eine lauthals grölende Après-Ski-Disco. Polnische Go-go-Girls, russischer Wodka und deutsches Bier – mit dieser Mischung wird Tirol so richtig frivol.
"Schifoan"
Von wegen Skifahren. Dieses Lied ist nur 25 Jahre alt und doch schon so überholt wie ein paar runderneuerter Winterreifen. Durch verträumte Winterlandschaften wedeln, abends am Kamin einen Tee trinken, das war einmal. Auch im Tiroler Wintersportort Ischgl. Hier wird gefeiert und geflirtet, bis der Gletscher schmilzt und das schon morgens um 10 Uhr. Zum Frühstück Bier, Schnaps und Gegröhle, das ist nichts für Romantiker, aber die haben hier ohnehin nichts verloren ...
Ischgl ist das Mekka von Pistenludern und Party-Junkies aus aller Welt, vor allem die deutschen Gäste haben es zu dem gemacht, was es ist, zum Ballermann der Alpen!
O-Ton: Katrin Krüger, Hotelangestellte
"Im Endeffekt fängt es schon früh an, dass die Leute anfangen zu trinken, das geht dann am Mittag weiter, dann wird am Nachmittag oder vorm Abend ein Break eingelegt und beim Abendessen und dann geht es die Nacht durch. Also man braucht viel Geduld, viel Mut und ein starkes Trinkvermögen, um hier durchzukommen, auf jeden Fall."
Katrin Krüger weiß, wovon sie spricht. Die Dresdnerin arbeitet in der dritten Saison in Tirol. Sölden und St. Anton kennt sie bereits, Ischgl übertrifft alles, sagt sie und verdreht die Augen. Zum Skifahren kommt die 25-Jährige kaum, diesmal hat sie sich vorgenommen, ein Paar Skier zu kaufen und fernab der Saufhütten zu fahren.
Das wollen auch Anette, Axel, Wolfgang und Siegfried. Das Ski-Quartett aus Deutschland will eine Woche Spaß auf der Piste haben und gerne auch abends ausgehen. Doch was die vier erwartet, wissen sie noch nicht. Sicher ist nur, Ischgl garantiert immer Schnee, auch wenn er künstlich aus den Kanonen kommt.
Ja, er lebt noch ...
So künstlich wie der Schnee ist auch der Ort an der Schweizer Grenze. Die einstigen Hinterwäldler haben jeden Cent in Aus-, Um- und Neubauten gesteckt. Hier steht kein Haus mehr wie vor 20 Jahren, in jeder Saison kommt eine neue Bettenburg dazu. 1,2 Millionen Übernachtungen bei 1500 Einwohnern, diese Zahlen sprechen für sich.
Während sich das Ski-Quartett aus Deutschland langsam warm läuft, wird Antonia aus Tirol mit einem Pistenmobil auf eine Bergalm gekarrt. Skifahren kann sie nicht, singen auch nicht, aber sie darf das dreimal in der Woche um die Mittagszeit.
Auch hier ist die Party schon seit Stunden im Gang. Schnaps und Bier, aber auch Geld fließen in Strömen. Die Alkoholfahnen wehen über verwaisten Skier und Snowbords. Dann steigt Antonia auf einen Tisch und fragt, ob der alte Holzmichel noch lebt. Ja, er lebt noch und wenn er jetzt hier wäre, würden ihn die Alkoholausdünstungen wahrscheinlich für immer konservieren. Auch das Ski-Quartett aus Deutschland schaut mal bei Antonia vorbei. Doch nach drei Liedern wird es auch ihnen zu viel:
O-Ton: Wolfgang Müller
"Früher gab es anschauliche, gemütliche Hütten, und wenn man heute die Hütten sieht, das ist eine Massenabfertigung und das ist eigentlich das, was man zu Hause meidet."
Während Antonia auf der Bergalm noch eine Zugabe gibt, machen jetzt in Ischgl die so genannten Après-Ski-Bars auf. So genannt, denn in Ischgl ist immer Après-Ski. Ischgl ist Singlehochburg und Skihasen-Jagdrevier. Der gewaltige Männerüberschuss stört die coolen Party-Junkies kaum. "Es gibt zwar wenige Frauen, aber die, die da sind, wissen warum sie hier sind!", lautet die Party-Parole.
Tirol frivol. In Ischgl versteht man sich auf Fremdenverkehr. Wo der Tabledance dazugehört wie der Tafelspitz, ist denn auch das meistgegröhlte Lied: "I cant get no satisfaction...!"
Flirten ist Pflicht
Ja, auch das ist Österreich! Und während die einen keine Befriedigung kriegen können, wollen die anderen ihr Abendessen. Katrin Krüger hat sich in Ischgl bewusst für den Service im Hotel eintragen lassen. Zwei Jahre Bedienung in der Après-Ski-Bar haben ihr gereicht:
O-Ton: Katrin Krüger
"Also man muss natürlich mit den Gästen flirten, das ist klar, ob beim Service oder beim Après-Ski, man muss immer nett und freundlich sein, und wenn man mal einen Klapps auf den Hintern kriegt, keine runterhauen, das kann man auch nicht machen. Man kann schon sagen, nimm Abstand, aber mit netten Worten. Dass sich der Gast nicht angegriffen fühlt."
In Ischgl herrscht Goldgräberstimmung. Weil sich im Sommer hier die Bergziegen gute Nacht sagen, müssen die Einnahmen im Winter stimmen. Das Rezept ist Hardcore-Après-Ski. Polnische Go-go-Girls, russischer Wodka und deutsches Bier, mit dieser Mischung wird jede Saison zum Erfolg.
Auch das Ski-Quartett stürzt sich nach einem langen Tag auf der Piste gemächlich ins Nachtleben. Dass Ischgl rund 200 ausgebaute Pistenkilometer zu bieten hat, wissen wahrscheinlich nur sie. Und doch werden auch die vier irgendwie mitgezogen in den großen Partyrausch. Die Nacht ist noch lange und die Neugierde auf die nächste Discothek groß. Lange suchen müssen sie nicht, auf der Dorfstraße reiht sich ein Vergnügungstempel an den anderen.
Event-Mekka der Alpen
Und weil Ischgl eben Ischgl ist, lässt der Ort in jedem Jahr eine internationale Popgruppe zum Saisonstart auftreten. Sting war schon da und Tina Turner. Jetzt tritt die irische Band "The Corrs" auf. Das Tourismusbüro lässt sich diese Veranstaltung rund eine Million Euro kosten, für die Gäste ist der Eintritt frei.
12.000 Menschen in glühweinseliger Stimmung, das Konzert mitten im Ort, solche Events machen Ischgl zur Droge. Und während sich auch das Ski-Quartett mitreißen lässt, überlegen sich die Tourismusplaner schon wieder, womit sie die diesjährige Saison noch einmal übertreffen können. Schließlich gilt: The snow must go on im größten Erlebnispark der Alpen.
Quelle: www.mdr.de
Dezember 2004
Okay, der Artikel ist schon ein Jahr alt, aber an der Sache hat sich ja nichts geändert, auch wenn einiges schon etwas überspitzt berichtet wird/wurde. Aber nichtsdestotrotz (***schreibt man das so?***) versteht Ischgl das Geschäft. Wer den "Ballermann" nicht braucht, muss Ihn ja nicht mitmachen, aber das Skigebiet ist halt einfach genial.
