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Quelle: Der Bund 19.02.07«Man ist risikofreudiger geworden»
Skisportler schützen sich mit einem ganzen Ausrüstungsarsenal vor Unfällen – nicht zur Freude aller
Helm, Rückenpanzer, Knieschoner und ein an allen Ecken und Enden abgesichertes Skigebiet – beim Skifahren kann heute kaum mehr etwas passieren. Der neue Sicherheitsstandard lässt Bahnverantwortliche seufzen. Und bringt Juristen Arbeit.
Tanja Frieden und Bruno Kernen tragen bei ihren Wettkämpfen einen, Ueli Kestenholz hat einen getragen und trägt ihn wahrscheinlich immer noch: einen Skihelm. Der Helm schützt heutzutage aber nicht nur die Köpfe der Skistars, er ist zum salonfähigen Modeaccessoire geworden. Das zeigt die Statistik der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU): 42 Prozent aller Ski- und Snowboardfahrenden tragen einen Helm. 2003 waren es noch 16 Prozent. Im Alterssegment der bis 17-Jährigen tragen gar 73 Prozent einen Helm. Und dies, obwohl Skifahren und Snowboarden mit Helm freiwillig ist. Der Helm ist allerdings beileibe nicht das einzige schützende Accessoire, das Ski-und Snowboardfahrer tragen: Rückenpanzer, Handschuhe mit eingebauten Schienen als Handgelenk- und Fingerschutz, Knieschoner – sie gehören schon fast zur Standardausrüstung der Skisportler. Und wer neben den Pisten fährt, trägt ein Lawinenverschüttetensuchgerät mit sich, allenfalls einen Lawinen-Airbag oder trägt gar eine Avalung-Weste. Der Lawinen-Airbag öffnet sich beim Ziehen einer Reissleine und hilft Verunglückten, sich an der Oberfläche einer Lawine zu halten – im Schnee zu «schwimmen». Die Avalung-Weste ist mit einem Filtersystem und einem Mundstück ausgerüstet. Damit können Verschüttete im Schnee sauerstoffreiche Luft ansaugen. Beim Ausatmen wird die sauerstoffarme Luft durch ein Ventil am Rücken abgegeben.
«Wir stossen ans Limit»
Was nach viel Eigenverantwortung in Sachen Sicherheit tönt, entlockt dem Geschäftsführer der Lenker Bergbahnen einen Seufzer: «Die Sicherheit, die wir heute haben, ist so hoch, dass wir ans Limit stossen.» Damit meint Hansueli Schläppi nicht nur die Ausrüstungsgegenstände der Skifahrer, sondern auch die Sicherheitsvorkehrungen, die ein Bergbahnunternehmen im eigenen Skigebiet leisten muss. Beispiele: Die Pisten müssen in der Mitte oder am Rand markiert werden, so genannte «Fallen», die 30 bis 40 Meter neben der Piste liegen, müssen bezeichnet und je nachdem abgesichert sein. Wo Absturzgefahr besteht, gehören solide Absperrungen oder gar Fangnetze hin. Und regelmässig befahrene Hänge neben den markierten Pisten müssen die Verantwortlichen ebenfalls absperren und allenfalls mit einer Fahrverbotstafel versehen, wenn Lawinengefahr besteht. Das sei nur ein Ausschnitt aus den «Hunderten von solchen und ähnlichen Auflagen, die wir als Bahnunternehmen haben», sagt Schläppi. Die Richtlinien der Kommission für Unfallverhütung auf Schneesportabfahrten und die Richtlinien der Seilbahnen Schweiz regeln den Sicherheitsstandard, den Bergbahnunternehmen erbringen müssen, schwarz auf weiss.
Pistenpatrouille mit Kamera
Erfüllt ein Unternehmen diese Auflagen nicht und passiert ein Unfall, kann das Bahnunternehmen zur Verantwortung gezogen werden. Und das passiere heutzutage nicht selten, wie Gregor Benisowitsch, Präsident der Schweizerischen Fachstelle für Alpinrecht, festhält. Der ehemalige Zürcher Untersuchungsrichter schreibt unter anderem Gutachten zu Unfällen im Alpinbereich und sagt: «Man ist prozessfreudiger als früher – die Leute lassen viel eher abklären, ob bei einem Bergunfall eine Drittverantwortung geltend gemacht werden kann.»
Im Skigebiet der Meiringen-Hasliberg-Bahnen tragen deshalb die Pistenpatrouillen neuerdings immer einen Fotoapparat im Rucksack mit sich. «Passiert ein schwerer Unfall, müssen wir beweisen können, dass wir unsere Aufsichtspflicht auch wahrgenommen haben. Entsprechend sollten wir sehr gut dokumentiert sein – mit Fotos, und wenn möglich auch noch mit Zeugenaussagen», sagt Hans Beeri, Direktor der Meiringen-Hasliberg-Bahnen.
Regeln werden übertreten
Der Sicherheitsstandard im Skisport bringt noch etwas anderes mit sich: «Man ist risikofreudiger geworden», sagt der passionierte Alpinist Benisowitsch. «Wohl auch, weil viele glauben, die richtige Ausrüstung beim Skifahren schütze sie ausreichend. Ein Rückenpanzer, ein Helm und ein Lawinenverschüttetensuchgerät nützen aber nichts mehr, wenn einer beim Fahren neben der Piste eine Felswand hinunterfällt.»
In der Fachsprache bedeutet das Tragen eines Helms beim Skifahren auch «Risikokompensation». Oder anders ausgedrückt: Wer einen Helm trägt, fühlt sich beim Skifahren sicherer. Und fährt deshalb also kopfloser die Piste herunter? Dem widerspricht Rolf Moning, Mediensprecher bei der BfU. Diese These bestätige sich seiner Ansicht nach in der Praxis nicht. Aber auch er hat festgestellt, «dass die Leute heute eher bereit sind, gewisse Regeln in den Skigebieten zu übertreten».
Aufklärung statt Verbot
Das hat man bei den Seilbahnen Schweiz schon vor einiger Zeit festgestellt. Doch statt das Fahren neben der Piste zu verbieten, lancierte der Seilbahnverband 2002 eine Aufklärungskampagne über das richtige Verhalten und die Gefahren beim Fahren im unmarkierten Gelände. Freeriden ist mittlerweile zum Lifestyle vieler Skifahrer und vor allem vieler Snowboarder geworden. «Seit wir die Kampagne lanciert haben, ist eine Abnahme der Unfälle abseits der Pisten feststellbar», sagt Felix Maurhofer, Sprecher der Seilbahnen Schweiz. «Ob dies aber wirklich auf die Kampagne zurückzuführen ist oder auf den mangelnden Schnee in den letzten Jahren, das ist offen.» Er glaubt denn auch, dass künftig wieder ein Anstieg von Unfällen zu verzeichnen sein könnte. Und zwar, wenn es in den nächsten Wochen besonders viel Schnee geben würde. «Die Leute haben dann ein Nachholbedürfnis und Risiken werden eher ausgeblendet», so Maurhofer.
Mireille Guggenbühler