Da ist man eine knappe Woche offline in München und es wird nicht nur gleich ein bayrischer Papst gewählt, sondern man ist nach der Rückkehr höchst erstaunt über 6 Seiten mannigfaltigster Reaktionen im Forum, deren Perzpeption durchaus nicht gewisser geistiger Anstrengungen entbehrte.
Die Entwicklung jeglicher Systeme kann auch nach den Gesetzen der Spieltheorie betrachtet werden. (Fast) alle Organisationen (Organismen, Zellen, Konzerne, Religionsgemeinschaften, Krankenhausabteilungen,...) neigen - bewußt oder unbewußt - zur Expansion und befinden sich damit in einer Konkurrenzsituation zum Mitbewerber. Aus der Tatsache, daß
A. das menschliche Zusammenleben durch Befolgen von Regeln und Geboten für den einzelnen sicherer und vorhersehbarer wird und
B. die Sinnfrage ohne die Einführung eines transzendentalen Aspektes nicht wirklich befriedigend beantwortet werden kann,
läßt sich ein weltweit bestehender "Bedarf" nach Religion ableiten, da Religion durch Verbindung der beiden Punkte in einem (notwendigerweise) letztendlich dogmatischen System Sicherheit bieten kann.
Während die Probleme des Zusammenlebens im Hier und Jetzt auch ohne transzendentalen Überbau regelbar ist (Kant), wenn auch nicht so "unantastbar abgesichert" wie etwa durch biblische Gebote, so kann die Sinnfrage aus unserer Dimensionalität heraus nur durch einen (im wahrsten Sinn des Wortes) Glauben, der jenseits von "wissenschaftlichen" Erkenntnissen angesiedelt ist, (mehr oder weniger) zufriedenstellend beantwortet werden.
Religionssysteme auf dieser Erde konkurrieren nun um ihre "Kunden" (wobei ich das nicht so verstanden wissen möchte, daß die "Chefmanager" in den einzelnen Konfessionen dieses Spiel so betreiben wie große Konzerne, die Konkurrenz läuft vollkommen automatisch ab genauso wie etwa die biologische Evolution). Die "Spielregeln", nach denen "Kunden" rekrutiert werden, sind ziemlich kompliziert, sind stark von geographischen und demographischen Faktoren geprägt. Tatsache ist jedenfalls, daß im "Kampf" um die Kundenvermehrung (und damit um die Verbreitung einer Religion) zumindestens im Bereich der katholischen Kirche Möglichkeiten wie die gewaltsame Unterwerfung und Bekehrung von Andersgläubigen (früher durchaus ausgeübt) oder Missionierung heute eine eher untergeordnete Rolle spielen und daher der wichtigste Weg zur Verbreitung (bzw. zur Verhinderung des Verschwindens) die biologische Vermehrung der bestehenden Kunden / Mitglieder ist, deren Nachkommen sich mit viel höherer Wahrscheinlichkeit wieder dem christlichen Glauben zuwenden werden als einem anderen. Daraus scheint klar ableitbar, warum Empfängnisverhütung dabei kontraproduktiv wäre.
Gleichzeitig steht die katholische Kirche (zumindestens in Europa) vor dem Problem, daß durch steigende Individualität und "MEinungs- und Glaubensfreiheit" der Wechsel zu einem anderen Glauben oder in die Konfessionslosigkeit erstens ohne Probleme möglich und zweitens nicht mit Ächtung oder Gewaltandrohung verbunden ist, was zu vielen anderen Teilen der Welt (und auch anderen Religionen) einen gehörigen Unterschied darstellt. Während es beispielsweise im Iran oder in Zentralasien für die meisten Menschen keine realistische Alternative zum Islam gibt (und diese Religion damit dort das "Monopol" hat), auch die Bindung an das Christentum in vielen iberoamerikanischen Ländern aufgrund der dortigen "Spielregeln" viel inniger ist, so macht die "Bedienung" von so verschiedenen "Märkten" mit der gleichen "Werbeabteilung" naturgemäß erhebliche Schwierigkeiten.
Um nun aber nochmals auf den frisch erkorenen Papst zurückzukommen:
aus den organisatorischen Regeln der Kardinalsernennung durch den jeweiligen Papst wird die Wahl des Nachfolgers natürlich massiv vom Vorgänger beeinflußt, so sind bis auf 2 Kardinäle alle anderen von Papst Johannes Paul II ernannt worden (auch wenn er sich natürlich auch teilweise anderen Zwängen beugen mußte, so konnte er den anderen deutschen Kardinal, dessen Namen ich jetzt vergessen habe und der in einigen Fragen ziemlich vatikankritisch aufgetreten ist, nur verzögern, aber nicht verhindern). In einem solchen System, in dem der Vorgänger über die Ernennung der Wahlmänner indirekt seinen Nachfolger bestimmen kann, dauert eine Richtungsänderung der Spitze logischerweise viel länger als in einem demokratischen System mit Wahlen von unten nach oben. (Wobei Ausnahmen durchaus vorkommen können, möglicherweise wäre Johannes Paul I eine solche gewesen).
Wie auch immer, ich erwarte mir von Papst Benedikt keine grundlegenden Änderungen der derzeitigen Politik der katholischen Kirche, muß allerdings auch zugeben, daß ich mich persönlich als Außenstehenden sehe, die Wahl jedoch Interesse bezüglich ihrer zweifellos globalen Auswirkungen betrachtet habe.