snowflat
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Quelle: FocusSkitourismus: Schneekanonen fürs Geschäft
Auch wenn der Winter nicht kommt, hat der Mittelgebirgs-Wintersportort Willingen vorgesorgt: Die 6400-Seelen-Gemeinde investiert Millionen für Schneekanonen.
50 Schneekanonen sorgen in Willingen für Schneesicherheit
1,2 Millionen Übernachtungen zählen die Hotels und Pensionen in Willingen, das zum Land Hessen (Sauerland) gehört, bislang pro Jahr. Die Zahl der Touristen steigt spürbar um bis zu 25 Prozent, wenn Schnee liegt. Wenn nicht – und das hat sich im vergangenen Winter gezeigt – ,bleiben außer den Betten auch die Kassen der Skiliftbetreiber, Wirte und Geschäftsinhaber leer.
Weil der Himmel den Willingern in den vergangenen Jahren immer mal wieder die weiße Pracht versagte, helfen sie jetzt von unten nach. „Schneesicherheit für die nächsten 20 Jahre“ verspricht der Chef der Willinger Touristinformation, Ernst Kesper, wenn demnächst das umgesetzt ist, was mit 18 Millionen Euro aus öffentlichen und privaten Kassen gerade am über 800 Meter hohen Ettelsberg entsteht.
Neue Kabinenseilbahn
50 Schneekanonen sollen die Zahl der bisher 27 Skitage auf 90 erhöhen. Ausreichend „Munition“ liefert ein 50 000 Kubikmeter Wasser fassendes neues Speicherbecken. Außerdem wurde der Skilift mit Sesseln in eine Kabinenseilbahn umgebaut. Statt 800 können dann 2400 Gäste pro Stunde auf den Ettelsberg chauffiert werden. Die etwa sieben Millionen Euro für die Seilbahn bringen private Investoren auf. Das Land Hessen, der Kreis Waldeck-Frankenberg und die Kommune zahlen den Löwenanteil der Beschneiungsanlage.
„Dieses Projekt wird uns ein gewaltiges Stück nach vorn bringen“, prophezeit der Bürgermeister der Gemeinde, Thomas Trachte (parteilos). Allerdings muss er zugeben, „dass wir jetzt keinen Vorsprung erzielen, sondern nur aufholen“. Das benachbarte Winterberg in Nordrhein-Westfalen etwa, so sagt Trachte, „ist uns sieben Jahre voraus“.
Masterplan für mehr Schnee
Im Jahr 2000 hatten die Konkurrenten einen „Masterplan“ für mehr Schnee aufgestellt. Zwei Jahre später begannen Bauarbeiten, die das, was gerade in Willingen passiert, in den Schatten stellen. 50 Millionen Euro wurden nach Angaben von Tourismusdirektor Michael Beckmann unter anderem in 150 „Schnee-Erzeuger“ investiert. Weiteres Geld floss in Liftanlagen, Parkplätze und Skihütten. „Seit vier Jahren“, freut sich der Tourismusdirektor, „haben wir 80 Betriebstage an den Skiliften.“ An den Gästezahlen zeige sich, dass sich die Investition gelohnt habe: 15 Prozent Zuwachs kann Beckmann verbuchen.
Doch auch eine Kunstschneepiste ist nicht unabhängig vom Wetter. „Wir brauchen zumindest Frost“, weiß Willingens Bürgermeister Trachte. Temperaturen um den Gefrierpunkt hatte das Thermometer im Upland bisher noch jeden Winter angezeigt. Was immer mal wieder – und im vergangenen Winter besonders – fehlte, war der Schnee. Dass die neuen Schneekanonen im Zusammenspiel mit halbwegs niedrigen Temperaturen Willingen trotz Klimawandels noch „auf Jahre gute Skibedingungen“ bescheren, hat sich der Bürgermeister durch eine Studie über die Klimaentwicklung im Sauerland wissenschaftlich beglaubigen lassen.
Umweltschützer jammern
Doch nicht alle Bewohner von Willingen und Umgebung teilen die Vorfreude auf künstlich verlängerte Winter. Von einer „Verschwendung von Steuergeldern“ spricht der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). Außerdem befürchten die Naturschützer erhebliche Gefahren für Flora und Fauna, weil die Schneesaison erheblich verlängert werde. „Die Rasenflächen werden geschunden, weil die ohnehin kurze Regenerationsphase im Gebirge jetzt noch künstlich reduziert wird“, schimpft der stellvertretende Chef des BUND-Kreisverbandes Waldeck-Frankenberg, Thomas Schütz.
Unverständlich ist für ihn, dass für die Schneekanonen Unmengen an Energie verbraucht werden und der Kohlendioxidausstoß steigt. „Wir dämmen unsere Häuser, versuchen an allen Ecken Energie zu sparen, und dort vergeuden wir sie ohne Ende.“ Ein schwacher Trost ist dann für die Naturschützer die Auflage des Regierungspräsidiums in Kassel, keine chemischen Zusätze für die Schneeproduktion zu verwenden.
„Andere produzieren Suppe oder Zeitungen – wir produzieren Urlaub, deshalb haben wir ein Recht auf das, was man der Industrie zubilligt“, verteidigt Bürgermeister Trachte das Projekt, das in den nächsten Wochen fertig gestellt werden soll. „Im Vergleich zu dem, was in den Alpen passiert“, so versucht Willingens Tourismuschef Kesper die Kritiker zu besänftigen, „ist das hier doch ein Kindergeburtstag.“
th/ddp