3.2.2013 – Grandvalira – von wegen Grand (an diesem Tag)
In der früh immer noch starker Schneefall. Ich vermute eine Wetterbesserung, die bald auch eintreten sollte, das bleibt zunächst aber eine Vermutung. Da Grandvalira von allen in Frage kommenden Gebieten am robustesten gegen Schlechtwetterschliessungen ist, und weil wir nach dem vorherigen Tag nicht unbedingt eine lange Auto-Anfahrt machen möchten, entscheiden wir uns für Grandvalira. Der Hotel-Transfershuttle habe Verspätung, wir sehen auch nichts von diesem Fahrzeug; also schnallen wir die Ski oben vorm Hotel in Ransol an und fahren die mit einer festen Schneedecke bedeckte Strasse hinab zur Talstation nach El Tarter. Gelegentliches Kopfschütteln von Autofahrern stört uns nicht.
Die Kasse an der Dame fragt uns, ob wir wirklich die Tageskarte zu 44,-- € wollen. Das Gebiet habe nämlich erhebliche Betriebseinschränkungen aufgrund des Sturmes. Nur der Sektor vorn mit El Tarter und Soldeu habe offen, das hintere Skigebiet sei gesperrt und bleibe es wohl auch den ganzen Tag. Wir sehen jedoch keine vernünftige Alternative (was nach einer späteren Analyse zutreffend war) und nehmen den Tagespass. Die Dame warnt uns weiter: „“Be very, very careful. It’s horrible!“ Sie meinte damit die Lawinengefahr. Damit sollte sie aber reichlich übertrieben haben. Geöffnet sind nur etwa 12 Anlagen auf der Vorderseite bis knapp über die Baumgrenze; oben bleibt alles zu. Der Schnee ist eine Mischung aus Triebschnee und verspurtem Neuschnee. Mit beherrschen einer runden Fahrweise, ist diese Schneebeschaffenheit super zu fahren. Gerade dieser Schnee an diesem Tag ist butterweich.
Zum Gebiet allgemein: Es ist massiv, und teilweise nicht gerade schön, wie man hier infrastrukturell geklotzt hat. Dies betrifft vor allem die riesigen Hotelblöcke, welche ins gesamte obere Valiratal geklotzt worden sind und ehemalige kleine Dörfer fast nicht mehr wahrnehmbar gemacht hat. Auch bei den skitechnischen Infrastrukturen – Bahnen, Beschneiung, Pistenmaschinen, Skiverleih – wurde aus dem Vollen geschöpft. Neben Massenbetrieb und sonstigen einschlägigen Negativerscheinungen, hat die partiell aber auch geniale Lösungen hervorgebracht. Zum Beispiel wurde für die Gondelbahn von Soldeu eine hervorragende und optisch ansprechende Lösung gefunden. Die Talstation der Bahn befindent sich mitten in einem Hotelkomplex, und zwar im 4. Stock. Man fährt mit den Ski in das Haus hinein, schnallt dort auf Gummimatten ab und besteigt einen der 4 Aufzüge, die von aussen per entsprechender Fensterscheiben sichtbar sind. Oben erreicht man dann die unglaublich grosse Eingangshalle mit ebenerdigem Einstieg – architektonisch genial.
Die Pisten sind teilweise stark modelliert, es gibt aber auch ein paar urige Geheimtipps, vor allem am KSSL Bosco sowie die alte schwarze Talabfahrt nach El Tarter. Bei letzterer ist die Erschliessungspolitik äusserst irritierend. Diese alte schwarze, welche steil und interessant direkt den Berg hinabführt, ist inzwischen geschlossen. Stattdessen hat man eine neue, massentaugliche schwarze in weitem Bogen in den Berg modelliert. Das Befahren der alten wird oben mittels Schild, das bei Befahren den Skipassentzug ankündigt, verboten. Glücklicherweise kann man weiter unten durch ein Loch im Zaun hineinfahren, ohne dass ein solches Schild entsprechende Warnungen ausspricht. Dies haben wir eiskalt ausgenutzt und erheblichen Spass mit der Abfahrt gehabt.
Kurios sind die Probleme der Liftbediensteten im Umgang mit Stangenschleppern. Meistens funktioniert die Auslösung aus dem Magazin nicht, so dass die Bediensteten mit allerhand Tricks nachhelfen müssen. Manchmal stehen sogar Liftmenschen auf der Bühne und schieben die Stangen von Hand nach. Irgendwie sind die Franzosen im Umgang mit dieser Technik routinierter. Leerlaufende KSBs nähren vorübergehen unsere Hoffung auf zusätzliche Liftöffnungen und die Erweiterung unseres Grandvalira-Horizonts. Diese Hoffnungen sind jedoch vergebens. Die Liftbediensten nehmen uns diese Hoffnung auf Nachfrage sofort.
Der Schnee ist an diesem Tag eine Mischung aus Neu- und Triebschnee. Bei runder Fahrweise ist diese Komposition butterweich zu fahren mit garantiertem Fahrspass. Einige Stellen sind freilich eisig abgeblasen. Der Wind weht immer wieder Schneefahnen ins Gesicht. Die offizielle Temperatur von -7 bis – 10 Grad führt zusammen mit dem Wind zu gefühlten -20 Grad. Gegen Mittag füllt es sich und es kommt wegen den vielen geschlossenen Anlagen zu Wartezeiten von einigen Minuten. Wir verbringen einen Skitag mit reichlich Spass und finden an der Talstation auch noch eine nette Après-Einkehr, welche oben im Gebiet nicht zu finden war, bevor uns der Hotel-Shuttle wieder hinauf nach Ransol bringt.
Zusammenfassend kann man mit diesem geringen Öffnungsgrad keine Aussage zur Attraktivität von Grandvalira treffen. Gefühlt ist es ein Massenskigebiet mit wenig attraktiven Hütten, das jedoch einige landschaftliche und pistenmässige Schätzchen verfügt. Wir sind gespannt, wie sich der mutmasslich deutlich attraktivere hintere Sektor anlassen wird.
Zum Thema Verständigung in den Pyrenäen war im Forum schon einige Male nachgefragt worden. Dazu unsere Erfahrung nach gut 2 Tagen: Problemlos! Wenn man Englisch mit Französisch mixt und ein paar Brocken Spanisch einstreut, wird man problemlos verstanden; und die Gegenseite antwortet in der Regel mit einem ähnlichen Mix, welcher auch verständlich ist. Der Sprachwechsel findet oft mitten im Satz statt, was zu einer kuriosen neuen Sprache führt. Diesen lustigen Mix kenne ich auch von befreundeten mehrsprachigen Familien, wo dieser erfolgreich zur Anwendung kommt. Leute hier, die unsere deutschsprachige Identität erkennen, streuen oft sogar ein paar deutsche Wörter ein.
Nachfolgend ein paar Bilder.
p.s.
Als nächstes folgt der Bericht von Pal-Arinsal (4.2.), einem krassen Kontrast von Nordamerika und Alpen – und das in den Pyrenäen!
p.s.: Als übernächstes wieder Grandvalira (5.2.): Neben Massenski auch geniale Sektoren, Landschaften und Abfahrten.