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Quelle: SpiegelOnlineSkiunfälle: Tortur Talabfahrt
Von Tim Tolsdorff
Meist ist es die schiere Masse der Wintersportler, die auf den Skipisten der Alpen zu Überfüllung führt. In dieser Saison liegt die Ursache für das Gedränge am Hang eher im Schneemangel. Stürze sind oft die Folge - und können zu schweren Verletzungen führen. Ein Erlebnisbericht.
Die Skisaison 2006/2007: bisher ein absoluter Reinfall. In den Alpen dominieren trostlose Karstwiesen das Bild, wo sonst zu dieser Jahreszeit akkurat planierte Carvingstrecken und Pulverschneehänge die Herzen der Wintersportler höher schlagen lassen. Unbeschwertes Skivergnügen gibt es nur in wenigen Regionen wie dem Schweizer Wallis, anderswo sind lediglich die künstlich beschneiten Teile der Skigebiete befahrbar. So drängt sich die Wintersportgemeinde auf den wenigen Rückzugsräumen der weißen Pracht. Doch für die Skiautobahnen gilt das Gleiche wie für ihre asphaltierten Pendants: ein höheres Verkehrsaufkommen führt zu größerer Unfallgefahr.
"Die meisten Unfälle passieren am Nachmittag, da es vielen Skiläufern an Kondition und Konzentration fehlt", sagt Georg Hauser (Name von der Redaktion geändert), Skilehrer im Deutschen Ski-Verband. "Ihre Muskeln sind nicht an mehrere Stunden Belastung am Hang gewohnt. Dabei ist gerade während dieser Stoßzeit präzises Fahren wichtig." Denn wenn es dämmert, setzt in den Skigebieten der Alpen eine wahre Völkerwanderung ein, von den Weiten des Hochgebirges in die Niederungen der diversen Vergnügungslokalitäten.
Für manche Wintersportler mutiert der abendliche "Almabtrieb" über die engen Talabfahrten aber zu einem Ausscheidungsfahren mit der Endstation Notaufnahme. Dass auch die eigene Vorsicht während der alpinen Rush-Hour keine Garantie für eine unversehrte Abfahrt bietet, musste der Rheinländer Hauser, im Hauptberuf Fachanwalt für Medizinrecht, am eigenen Leib erfahren.
Protokoll eines Unfalls
Sein Unfall ereignete sich im 2. Januar 2006 während der letzten Abfahrt des Tages auf total überfüllter Piste. Das Protokoll: Wenige Schwünge nur noch hat Hauser auf der alten Kandahar im Skigebiet von St. Anton am Arlberg zu fahren. Die Neuschneedecke ist zu großen Haufen aufgeschoben, dazwischen fungieren spiegelglatte Eisplatten und der stumpfe Kunstschnee als zusätzliche Stolperfallen. Die ehemalige Weltcup-Strecke verwandelt sich in ein Nadelöhr.
Plötzlich kreuzt ein anderer Skifahrer unkontrolliert Hausers Spur. Zwar kann dieser eine Kollision vermeiden - aber nur um den Preis eines Sturzes. "Beim Ausweichmanöver fuhr ich mit den Skispitzen in einen Buckel hinein und wurde ausgehebelt", erinnert sich der erfahrene Skilehrer. "Mit einem harten Schlag landete ich auf dem nächsten Buckel und spürte sofort einen stechenden Schmerz in der Schulter."
Wenige Minuten nach dem Malheur sind zwei Männer der sofort verständigten Pistenrettung vor Ort. Ihre Schnelldiagnose lautet auf Bruch des linken Schlüsselbeins, eine klinische Behandlung ist unvermeidbar. Sie stellen den Verletzten vor die Entscheidung: Abtransport mit dem Verletztenschlitten über die bucklige Piste, verbunden mit großen Schmerzen, oder Transfer zur Notaufnahme per Rettungshubschrauber. Die Wahl fällt schwer, denn der 35-jährige Hauser leidet zu allem Überfluss unter Höhenangst - und der Lufttransport erfolgt am offenen Seil, nur mit einem Notarzt an der Seite. Eine Beförderungsmethode, von der sich Hausers Skireisegruppe nur wenige Momente zuvor ein Bild machen konnte - bei einem anderen Einsatz. "Aus dem Lift beobachteten wir, wie die Helikopterbesatzung eine Person aus demselben Pistenabschnitt abtransportierte", berichtet Hauser.
Trotzdem entscheidet er sich gegen die Tortur von drei Kilometern Abfahrt und für das "Abschleppseil". Eine richtige Wahl, denn die Rettungstrage engt das Sichtfeld ohnehin so weit ein, dass der Verletzte den Abgrund unter ihm gar nicht sehen kann. Weniger als zwei Minuten dauert der Flug, kurz darauf folgt die Bestätigung der Diagnose in der Tagesklinik von St. Anton.
Halbgötter in weißer Umgebung
Noch am selben Abend liegt Georg Hauser auf dem Operationstisch des Chefarztes. Die Entscheidung, eine Operation vor Ort vornehmen zu lassen, ist in den großen Wintersportzentren der Alpen durchaus von Vorteil. Die Operateure verfügen meist über ein Know-how in der Behandlung typischer Sportverletzungen, wie es im Flachland nur in größeren Kliniken üblich ist. Kein Wunder, haben die Ärzte doch täglich Gelegenheit, an lebenden Wintersportversehrten zu "üben".
Allerdings sollte man als Patient über eine Auslandskrankenversicherung verfügen, denn ihre Monopolstellung wissen viele Halbgötter in weißer Umgebung auch monetär auszunutzen. Schnell addieren sich die Kosten für Hubschrauber und Behandlung zu vierstelligen Eurobeträgen, die meist vorgestreckt werden müssen. Auch das Mitführen einer Kreditkarte ist deshalb zu empfehlen.
Für Georg Hauser lohnt sich die Investition. Bereits am Abend der Operation kann er in seine Ferienwohnung zurückkehren, reicher um eine Narbe und eine zwölf Zentimeter lange Schiene aus Titan, die die Bruchstelle fixiert. Den Après-Ski darf er immerhin symbolisch nachholen: Sein Arzt hat ihm die Erlaubnis erteilt, die Wirkung der Betäubung mit einem Bier zu verlängern.
Der letzte Schritt ist die Rückkehr auf die Piste
Wieder im heimischen Rheinland angekommen, muss er sich durch die Rehabilitation der geschädigten Schulter kämpfen. Zwar hat sich nach einer Studie der Auswertungsstelle für Skiunfälle der ARAG Sportversicherung (ASU Ski) die stationäre Verweildauer nach Skiunfällen seit den achtziger Jahren drastisch verringert, doch ist heute wie damals eine physiotherapeutische Behandlung nötig, um geschundene Gliedmaßen wieder zu mobilisieren. Dabei unterschätzen viele Menschen die Anstrengungen der Reha. "Man wird bei jeder Behandlung an die körperliche Belastungsgrenze getrieben, um wieder Muskelmasse aufzubauen und die Gelenke zu bewegen", berichtet Hauser. Erst nach drei Monaten kann er seine linke Schulter wieder voll belasten. Als Anwalt hat er aber noch Glück im Unglück, denn schon wenige Tage nach seiner Verletzung kann er wieder im Büro sitzen und Akten bearbeiten.
Der letzte Schritt zur kompletten Rekonvaleszenz ist schließlich die Rückkehr auf die Piste. Viele Skifahrer oder Snowboarder kostet es aber viel Überwindung, wieder auf die Bretter zu steigen. Zu groß ist bei vielen die Angst vor den Schmerzen und Folgen einer erneuten Verletzung. Andere können es dagegen nicht abwarten, wieder ihre Spuren durch den Schnee zu ziehen - so auch Georg Hauser. Bereits zehn Wochen später ist er sich wieder auf dem Berg.
Allerdings hatte er schon eine gewisse Erfahrung im Umgang mit Skiverletzungen gesammelt. "Vor acht Jahren habe ich mir schon einmal das Schlüsselbein beim Skifahren gebrochen", sagt er schmunzelnd. "Damals war es allerdings die rechte Seite."