lanschi
Mount Everest (8850m)
Interessanter Artikel aus der Berliner Zeitung:
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/vermischtes/548836.html
Gletscher im Sommerschlaf
Riesige Planen sorgen in Tirol für den Schutz der Skigebiete von morgen
Jörg Niendorf
STUBAI. Für ein paar Unermüdliche geht der Skibetrieb weiter, so wie immer. Doch vier Tiroler Gletscher bieten in diesem Mai zusätzlich ein ungewöhnliches Schauspiel. Einzelne Flächen werden abgezäunt und mit einem Vlies zugedeckt. Unter Schutzfolien wird das Gletschereis in ein künstliches Sommer-Koma versetzt, damit es nicht abschmilzt. Versuche haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass es funktioniert. Nun wird mächtig geklotzt auf 3 000 Meter über Null. Am Stubaier Gletscher, dem größten Ganzjahres-Skigebiet in Österreich, werden insgesamt 100 000 Quadratmeter Vlies ausgerollt. Die Pistenraupen planieren fleißig, aber anders als sonst. Sie planieren die Planen. Und die Sommerskiläufer müssen ausweichen.
Verantwortung der Ökologen
"Wir schützen die Skigebiete von morgen", sagt Andrea Fischer, Ökosystem-Forscherin von der Universität Innsbruck. Man solle, sagt sie, keine Energie mehr für niedrig gelegene Skiarenen aufwenden, da sich das Klima derzeit ohnehin erwärme. Sinnvoll sei nur der Erhalt der Anlagen und Pisten in hohen Lagen. "Am Fremdenverkehr hängt schließlich das Auskommen der ganzen Umgebung." Andrea Fischer hat ihren persönlichen Kompromiss als Naturschützerin und Tirolerin gefunden. "Auch wir Ökologen haben eine Verantwortung für die soziale und ökonomische Lebensfähigkeit der Region. Nur so macht ökologisches Engagement überhaupt einen Sinn", sagt sie.
Die Uni Innsbruck betreibt das weltweit einmalige Projekt "Aktiver Gletscherschutz" gemeinsam mit den Tiroler Gletscherskigebieten Kaunertal, Pitztal, Ötztal und Stubaital. Energisch verteidigt es die Forscherin gegenüber all jenen, die den Tourismus in sensiblen Hochgebirgsregionen geißeln. Dazu zählen viele Umweltverbände. "Aber wir haben dennoch eine gute Gesprächsbasis", berichtet sie. Andrea Fischer ist Pragmatikerin durch und durch. Und genauso alt übrigens wie das Stubaier Gletscherskigebiet: 33 Jahre. 1973 wurde das Gebiet, das bis zur Jochdohle auf 3 200 Meter hinauf reicht, eröffnet. Seither hat sich viel verändert. Abgesehen von wenigen Ausnahmejahren in den frühen Achtzigern sind die Gletscher der Alpen kontinuierlich geschrumpft. Deutlichstes Anzeichen dafür: Die Gletscherzungen ziehen sich zurück. Man kann das im Vergleich von alten und neuen Fotos gut erkennen. Auf alten Fotos sind bläuliche Eisplatten zu sehen, die talwärts fließen, auf neueren Aufnahmen dann nur noch Geröll-Lawinen. Außerdem werden die Gletscher dünner.
"Einige Auswirkungen der klimatischen Veränderungen können wir immerhin wesentlich verzögern", sagt Andrea Fischer. Mit ihren Skiern steht sie an einem Grat ganz oben im Skigebiet, da, wo man bis ins italienische Südtirol sehen kann. "Top of Tyrol" heißt das in der Marketingsprache der Seilbahner. Nebenan ist das höchst gelegene Restaurant Österreichs. Und auch hier liegen Planen im Schnee bereit.
Manche Teilflächen, die jetzt zugedeckt werden, sind nur so groß wie eine Gartenlaube, andere wie ein Fußballfeld. Das mattweiße Vlies wird an den Kanten mit Sandsäcken beschwert, damit es Hochgebirgswinden standhält. Im Herbst wird alles wieder abmontiert. Dann wird die Gletscheroberfläche wie ein Flickenteppich aussehen. Wo die Schutzfolie lag, tritt weißer Schnee zu Tage, hoch aufgetürmt. Daneben, wo kein Vlies war, liegen schmutzig graue Eisflächen, abgenagt durch mehrere Etagen des Gletschers hindurch. Durch seine gesamte, lockere Schmelzschicht und sogar bis hinunter auf den Grund des ewigen Eises. Dorthin also, wo es an die Substanz geht.
Durch die Abdeckung auf den Testfeldern hatten die Wissenschaftler stellenweise eine 1,60 Meter starke Schnee- und Eisschicht konservieren können. Nach diesen Erfolgen wurde der Masseneinsatz der Planen beschlossen. Jetzt legen Bergbahnmitarbeiter viele Vliese gleich neben Lift- und Seilbahnstützen aus, teils direkt um sie herum. Schließlich sind die Pfeiler auch nur in den Tiefen des Eises verankert. Gerät der Gletscher stärker als bisher in Bewegung oder ändert er gar seine Fließrichtung, steigen die ohnehin hohen Wartungskosten für die Anlagen noch mehr an. Also soll das Eis gerade dort im Zaum gehalten werden. Die Bergbahnbetreiber wollen vermeiden, ihre Lifte verlegen zu müssen.
Dabei erhalten sie zunehmend Unterstützung - die öffentliche Meinung hat sich in den vergangenen Jahren allmählich geändert. Gletscherskigebiete gelten vielen nicht mehr vorrangig als Spielwiesen für spleenige Sommerskifahrer, sondern als die noch am ehesten ökologisch-korrekten Tummelplätze im Skizirkus der Alpen. Je höher gelegen und je fester die Schneedecke, desto weniger Schaden richten Skifahrer in der Natur an.
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