Pilatus schrieb:
Ist ja seine neue Heimat geworden, mit der er sich dann vielleicht auch identifiziert und Fachkräfte kann ja jedes Land gebrauchen (siehe Abwanderung meiner Kommilitonen in die Schweiz, ich auch beinahe).
Ok, das täte mich jetzt schon mal interessieren: Deutschland ist ja DIE Wirtschaftsmacht in der EU, es kann doch nicht sein dass die Bedingungen in der kleinen Schweiz so massiv besser sind? Denn schliesslich muss man dazu auch noch auswandern - und da müssen sich die Bedinungen ja schon wesentlich unterscheiden und nicht nur minimal!
Ob die Bedingungen in der Schweiz nun wirklich so viel besser sind oder nicht vermag ich nicht mit harten Fakten belegen zu können. Letztendlich stellt sich eine Situation von außen immer anders dar, als sie dann miterlebt wirklich ist. Einen Hang zur Idealisierung auf der einen Seite und zur Dramatisierung auf der anderen Seite lässt sich auch nicht ganz von der Hand weisen.
Die Schweiz hat in Deutschland bezüglich vieler Faktoren einen sehr guten Ruf. Typische hierfür sind:
- Arbeitsumfeld und -Mentalität
- Lebensqualität - und Standard
- Umgebung und Freizeitqualität
- Steuern
- Gehalt und Kaufkraft
- Sprache
Wenn man sich neben den vielen Saisonarbeitern anschaut auf wen die Schweiz einen Reiz ausübt, dann fällt auf, dass dies vorallem gut qualifizierte Menschen sind aus nicht-rückständigen/absteigenden Branchen sind.
In Deutschland keimt inzwischen in gewissen Kreisen ein Gefühl auf, dass Arbeit, Leistung und Engagement nicht mehr derart geschätzt wird, wie es sein sollte. Deutschland gerät, zumindest von vielen Menschen subjektiv empfunden, in eine gesellschaftliche wie soziale Schieflage, in der zuviele Transferleistungen auf Grund von Klientelpolitik und anderem betrieben wird. Eine Menge fähiger und leistungswilliger Leute fühlt sich nicht adäquat behandelt und respektiert.
Derartigen Menschen fällt es dann auch relativ leicht, sich Gedanken über Alternativen zu machen.
Dazu kommt ein Umstand, den zu verstehen die Schweiz vielleicht zu klein und zu anders ist.
Zu anders:
Den Deutschen wurde seit 1945 in jedem Schulzweig von Anfang bis Ende eingehämmert, dass sie ein böses Volk sind und das jeder Anflug von Nationalismus inkl. Nationalstolz gefährlich ist. Wohl kaum ein anderes Land in Mitteleuropa hat ein derartig niederes kollektives Nationalbewusstsein im Sinne des Stolzes, der emotionalen Affinität zu seinem Heimatland (nicht Heimat) wie Deutschland.
Dem gesellt sich der zweite Umstand hinzu:
Deutschland ist ein sehr großes Land. Nein, nicht territorial, sondern seitens der Bevölkerung und der Anzahl an Regionen mit ausgeprägten "Micro-Volkscharakteren". In Deutschland gibt es seeehr viele Dialekte, die Teils von Mitbürgern aus anderen Regionen schon nicht mehr verstanden werden. Es gibt Ausprägungen in regionalen und lokalen Eigenarten und Eigenschaften, die nicht größer sind als zwischen manchen Nationen.
Bei allem Gegacker und Gepicke, steht der Oberbayer zum Beispiel dem Tiroler sehr viel näher als einem Friesen. Würthemberger fühlen sich allein auf Grund der Sprache in Teilen der Schweiz sehr wohl - ist ja auch nur ein allemannischer Dialekt, es handelt sich auch um deutsche Sprache. Ob ein Kölner mit seinem Dialekt und seiner Mentalität nun nach Hamburg, München, Wien oder Zürich zieht, es macht eigentlich keinen Unterschied: Alle vier Sprachen sind deutsche und dennoch fremde, und selbiges gillt für die Mentalität inkl. ihrer Ausprägung im alltäglichen Leben und den Gepflogenheiten der Region.
Überspitzt kann man auch sagen (mit einem Zwinkern im Auge), dass für einen Hamburger sowohl die Österreicher, die Schweizer und die Bayern soweit entfernt liegen, dass sie eh schon alle Bergvölker sind, die nicht zu fassen und zu verstehen (wortwörtlich wie übertragen) sind. Was macht also nun der Schritt über die Grenze noch für einen Unterschied. Du bist Berliner, Badenser, Franke oder was auch immer, aber kaum ein "Deutscher".
Das ganze ist jetzt etwas überzogen gezeichnet, aber ich hoffe es ist zu verstehen, dass diese beiden Aspekte in Verbindung mit den weiter oben genannten, vermeintlich objektiven Gründen, es einem Deutschen relativ leicht machen in die Schweiz und teils auch nach Österreich auszuwandern. Soooo hoch sind die Hürden nicht.