DIe SZ berichtet:
Winter-Bilanz in Bayern
Extreme Verluste, zufriedene Gesichter
Rein kalendarisch herrscht gerade Hochwinter, ein Blick aus dem Fenster belehrt eines Besseren. In vielen Wintersportgebieten wird bereits Bilanz gezogen - mit unterschiedlichem Ergebnis.
Grüne Hänge, erste zarte Pflänzchen auf den Wiesen - und vereinzelt Skifahrer auf dünnen Schneeresten: Schon seit Dezember herrscht in den deutschen Alpen mehr Frühling als Winter, und auch die Hochwintermonate Januar und Februar haben den ersehnten Schnee nicht gebracht.
In Skigebieten, wo sich im Rekordwinter vor einem Jahr meterhoch der Schnee türmte, sprießen Krokusse. „Bergbahn geöffnet, Abfahrt gesperrt“, heißt es vielerorts. Die Liftbetreiber klagen über teils riesige Umsatzausfälle.
Dafür gab es bisher in diesem Winter nicht einen Lawinentoten in Bayern, die Bergwacht verbuchte im Januar nicht einmal ein Viertel der Einsätze des Vorjahresmonats.
In Bayrischzell ziehen Langläufer auf zwei Kilometern Loipe ihre Kreise - sonst verfügt die Gemeinde über rund 100 Kilometer gespurte Loipen. „Aber zumindest haben wir überhaupt etwas - es gibt ja viele Orte, die gar nichts haben“, sagt Tourismusmanager Harald Gmeiner. Im Januar gab es im Vergleich zum schneereichen Vorjahr 40 Prozent weniger Übernachtungen, die Umsatzeinbußen bei den Liften gehen „an die 90 Prozent“, sagt Egid Stadler, Sprecher des Skiliftverbunds Alpen Plus Partner. „So extrem war es noch nie.“
Im Spitzinggebiet am Schliersee sind von 16 Liften 6 in Betrieb, nur 3 davon zum Skifahren. Die anderen würden von Ausflüglern genutzt, sagt Elisabeth Anzinger von der Gästeinformation Schliersee. „Es sind sehr viele Gäste da, die bei dem schönen Wetter wandern gehen.“
Ski-los blieben auch die Urlauber am Brauneck in Lenggries bei Bad Tölz: Nur an den Anfängerhängen im Tal schuf Kunstschnee Abhilfe. Oben halfen die von Umweltschützern ohnehin kritisierten Schneekanonen oft wenig, da es einfach zu warm war.
Nur in Garmisch-Partenkirchen an der Zugspitze, mit 2962 Metern Deutschlands höchster Berg, und in Oberstdorf am 2224 Meter hohen Nebelhorn, am nahen Fellhorn und dem Söllereck lief der Skibetrieb etwa wie in anderen Jahren. „Natürlich war es nicht so gut wie letztes Jahr“, sagt Anne Riedler, Sprecherin von Tourismus und Sport Oberstdorf. Der Klimawandel beschäftigt auch sie: „Nur Gebiete über 1500 Meter sollen auf lange Frist schneesicher bleiben - damit fallen viele Skigebiete weg.“
Auch Skitourengeher kamen in Bayern nicht auf ihre Kosten. „Man kann sagen, dass es bisher keinen einzigen richtigen Skitourentag in den bayerischen Alpen gab“, sagt die Sprecherin des Deutschen Alpenvereins (DAV), Andrea Händel. Zum Tourengehen sind 50 bis 60 Zentimeter Schnee nötig - und in den meisten Gebieten liegen nur etwa 15 Zentimeter.
Dafür gab es bislang in Bayern keinen Lawinentoten, die Unfälle auf den Pisten nahmen ab. „Wir hatten definitiv weniger Einsätze“, sagt der Sprecher der Bergwacht, Thomas Griesbeck. Im Januar 2006 rückten die Helfer rund 1400 Mal aus, in diesem Januar waren es nur gut 300 Einsätze.
Viele Orte setzen auf mehr Schneekanonen - auch zur Rettung des Langlaufs. „Wir überlegen, ob wir für die Loipen eine Beschneiung bereitstellen“, sagt der Bayrischzeller Tourismusdirektor Gmeiner - und stößt damit auf Kritik bei Naturschützern. „Unser Appell an die Tourismusgemeinden ist, weniger zu überlegen, wie man mit wie vielen Schneekanonen noch etwas retten kann, sondern Alternativen anzubieten“, mahnt DAV-Sprecherin Händel.
Diese Alternativen sieht Gmeiner im Wandern, aber auch in mehr Wellness, „so dass die Leute notfalls gar nicht aus dem Hotel heraus müssen und trotzdem zufrieden nach Hause fahren“.
So gut wie keine Stornierungen im Allgäu
Die Allgäu-Fans unter den deutschen Urlaubern lassen sich auch vom Schneemangel nicht abhalten. Zum Teil waren während der Faschingszeit die Buchungen ebenso gut wie im schneereichen Winter 2005/2006. Mancherorts lagen die Buchungen sogar noch darüber, wie der Geschäftsführer der Allgäu Marketing GmbH, Bernhard Joachim, in Kempten mitteilte.
Hinsichtlich der befürchteten Buchungsrückgänge besteht nach der neuesten Umfrage kein Anlass zur Sorge. So melden die Gäste- und Tourismusämter, zum Beispiel in Wertach im Oberallgäu, in Oberreute im Westallgäu oder auch in Oberstaufen, dass es so gut wie keine Stornierungen gab.
Große Einbußen haben jedoch eine Reihe von Skiverleihern und Sportgeschäften erlitten. „Viele Einzelhändler klagen schwer, dass sie auf Skiern und Snowboards sitzen bleiben“, sagte Simone Zehnpfennig von der Allgäu Marketing.
Dreigeteiltes Ergebnis bei Liftbetreibern
Bei den Liftbetreibern ist die Lage unterschiedlich. Während beispielsweise Augustin Kröll von den Oberstdorfer Bergbahnen ausgesprochen zufrieden ist und berichtet, dass vielfach sogar Talabfahrten möglich sind, hat der milde Winter andere Liftbetreiber hart getroffen. „Wir haben eine Drittelung bei den Kollegen. Ein Drittel ist voll zufrieden, der Dezember und der Februar waren oder sind sehr gut. Das andere Drittel ist mit einem blauen Auge davon gekommen und das letzte Drittel hat es leider mit kräftigen Einbußen richtig schlimm erwischt“, sagte Kröll.
(sueddeutsche.de/dpa/ddp)