Als ich eines Nachts nicht einschlafen konnte, habe ich mir eine Geschichte ausgedacht, die meiner Meinung nach gut zur Thematik des Forums passt. Müder bin ich dadurch zwar nicht geworden, aber immerhin ging so die Zeit vorbei.
Gerne würde ich nun eure Meinung dazu wissen. Ich bin zwar bereits Mitglied im Forum, möchte aber vorerst anonym bleiben, um euch beim beurteilen nicht zu beeinflussen. Fünf Mitglieder wissen wer ich bin, ich bitte diese, mich nicht zu verraten. Alle Orte und Personen sind frei erfunden, jegliche Gemeinsamkeiten rein zufällig. So, und nun mein Werk.
Die Nachtschicht
Fröhliche, aber auch müde wirkende Gesichter begegneten Thomas auf seinem Weg zur Arbeit. Es war kurz nach vier Uhr Nachmittags an diesem herrlichen 21. Februar und während die meisten Gäste des Ortes nach einem schönen und auch anstrengenden Skitag in Richtung ihrer Unterkunft strebten, hatte er noch eine ganze Nachtschicht vor sich. Thomas gehörte zu denen, die mit ihrer Arbeit das Wintervergnügen erst möglich machten. Er war Pistenraupenfahrer. Diese mächtigen Maschinen hatten ihn schon als Knabe fasziniert, als er mit seinem Vater jeweils eine Woche Sportferien in den Bergen verbrachte. An seine Mutter hatte er fast keine Erinnerungen mehr, sie war kurz nach seiner Geburt gestorben. Schon immer war für ihn klar, dass er irgendwann mal aus dem Flachland, wo er aufgewachsen war, in die Berge ziehen würde. Und als er vor zwei Jahren während seines Urlaubes in Berghofen erfuhr, dass ein Raupenfahrer gesucht wird, hat er sich spontan gemeldet. Zu seiner grossen Überraschung wurde er angenommen. Der erste Winter war hart gewesen. Selbst mit der kleineren Maschine, mit der er anfing, war das Fahren alles andere als einfach. Und dann wollte da auch noch eine Fräse und ein Schild vorne bedient werden. Alles gleichzeitig notabene. Aber auch die Kollegen waren „dem Fremden“ gegenüber zuerst einmal skeptisch eingestellt. Thomas war manchmal kurz davor, aufzugeben. Aber er hat sich durchgebissen, und am Ende des Winters hatte er seine Maschine sogar sehr gut in Griff. Mit seinem Können wuchs auch die Anerkennung der Kollegen. Und im Herbst teilte ihm der Betriebsleiter sogar mit, dass er in der kommenden Saison einen Leitbully, das grösste und stärkste was die Bergbahnen besitzen, fahren dürfe. Er hatte sich gefreut wie ein Schneekönig, sein Bubentraum war tatsächlich wahr geworden!
Bei der Talstation der Seilbahn begegnete Tom, so nannten ihn hier alle, seinen Kumpels die mit ihm in dieser Nacht die Pisten Dienst hatten. Noch ein paar Worte mit dem Kollegen der die Bahn bediente, dann ging es nach oben. Oben angekommen, gingen alle schnurstracks zur Garage. „Guten Abend, Martin!“, „Hallo Cedric, wie geht’s?“, mehr wurde nicht gesprochen. Jeder wusste was er zu tun hatte, grosse Reden brauchte es da nicht. Bevor Thomas in die Fahrerkabine kletterte, machte er wie üblich noch einen Rundgang um seine Maschine. Alles in Ordnung, es konnte losgehen! Nun startete er den Dieselmotor und 400 PS machten sich lautstark bemerkbar. Langsam rollte Tom aus der Garage und machte sich auf zu seinem Arbeitsgebiet. Dieses lag heute in einer Mulde hinter dem Gebirgskamm, ganz zuhinterst im Skigebiet. Zuerst fuhren er und seine Kumpels noch im Convoy, aber nach und nach bog einer nach dem anderen ab um zu seinen Pisten zu kommen. Als Thomas den Grat erreichte, war er alleine. Unterdessen hatte sich die Nacht gesenkt, und ein wunderbarer Sternenhimmel erschien am Firmament.
Langsam glitt seine Pistenraupe in die Mulde hinab. Wie das Skelett eines urzeitlichen Monsters ragten die Stützen des Skiliftes in den Nachthimmel. Diese abgelegene Alp war nichtsdemzutrotz wichtig, denn auf der gegenüberliegenden Seite führte eine Sesselbahn wieder auf einen Kamm und von dort konnte man ins Nachbartal abfahren. Und aus diesem Tal, genauer gesagt dem Dorf St. Theresien, führten wiederum Bergbahnen den Wintersportler in die Höhe. Diese einsame Ecke verband also die beiden Skigebiete. Der Sessellift gehörte auch bereits den St. Theresier. Darum sollte auch eine Pistenraupe von dort mithelfen zu präparieren. Tom war gerade am tiefsten Punkt angekommen, als er die Scheinwerfer der anderen Maschine oben auf dem Grat entdeckte. Langsam krochen diese zu Tal bis sie etwa 200m vor Thomas zum Stehen kamen. Erst jetzt konnte er den Typ erkennen und staunte nicht schlecht. Die Raupe war sicherlich an die zwanzig Jahre alt! „Wusste gar nicht, dass die noch solche Oldies haben.“ murmelte Tom. Da bemerkte er, dass der andere Fahrer ihn zu sich winkte. Thomas griff zum Funkgerät: „Was gibt’s denn, mein Freund?“ Doch er erhielt keine Antwort. Leicht verärgert wendete er sein Gerät und machte sich auf den Weg zur anderen Maschine. Wegen eines kleinen Bergvorsprunges verschwand der andere kurz aus seinem Blickfeld. Als Tom um die Ecke kam, war die dieser verschwunden. Jetzt wurde Thomas aber langsam sauer: „Was soll denn nun das? Zuerst winken, und sich dann aus dem Staub machen. Na danke bestens, ich…“ Weiter kam er nicht, denn ein dumpfes Grollen riss ihn aus seinen Gedanken. Er schaute links aus dem Fenster und sah die Lawine am Gegenhang hinunterdonnern. Und genau dort, wo er mit seiner Maschine vor wenigen Minuten noch stand, kam sie zum stehen. Der andere Fahrer hatte ihm unfreiwillig oder nicht das Leben gerettet!
„Meine Güte!“, entfuhr es ihm, als er dies begriff. Und wieder griff er zum Funkgerät: „He Kumpel, ich weiss nicht ob du mich hören kannst, aber vielen herzlichen Dank! Du hast was gut bei mir.“ „He Tom, was hast Du?“ quäkte die Stimme seines Kollegen Marco aus dem Lautsprecher. „ Du wirst es nicht glauben was mir soeben passiert ist“ antwortete er und erzählte ihm die Geschichte. „Klingt in der Tat verrückt“, antwortete Marco, „aber wir sollten als erstes den Chef über den Abgang informieren.“ „Einverstanden, ich übernehme das.“ gab Thomas zur Antwort. Der wollte es zuerst gar nicht glauben. „Wo sagst Du ist die Lawine runter? Auf der Alp Dareim? Aber da ist seit mindestens zwanzig Jahren keine mehr gekommen!“ „So wahr ich hier stehe, so ist es!“ „Wurde der Lift beschädigt?“ wollte der Betriebsleiter noch wissen. „Zum Glück soweit ich es erkennen kann nicht“ antwortete Tom. „Na allzu viel können wir heute Nacht eh nicht mehr machen.“, kam es zurück. „Schau zu, dass Du zurückkommst. Sperr doch bitte oben noch ab, damit keiner da hineinfährt. Und morgen schauen wir dann weiter.“
Thomas konnte in dieser Nacht aus erklärlichen Gründen nicht schlafen. Ungeduldig, wartete er bis es acht Uhr war, dann rief er den Bergbahnen in St. Theresien an: „Guten Morgen Melanie! Sag mal, wer von Euch hatte denn gestern Nacht am Dareimer Lift Dienst?“ „Niemand.“ lautete die Antwort. „Wie bitte?“ „Wie ich schon sagte, keiner. Denn die Raupe die dorthin sollte hatte eine Panne und ein Ersatzfahrzeug war leider nicht verfügbar.“ kam es durch den Draht. Thomas musste leer schlucken. „Aber ich habe ihn mit eigenen Augen gesehen, er fuhr eine 202 Tatrac!“ sagte er. Melanies Antwort traf ihn wie ein Peitschenhieb: „Solche alten Raupen haben wir seit mehr als zehn Jahren nicht mehr. Bist du sicher, dass es dir gut geht?“ „Nein, bin ich nicht.“ stammelte er und legte auf. „Drehe ich jetzt durch? Habe ich was gesehen und wenn ja was?“ fragte er sich selbst immer wieder und wieder. Um sich nicht lächerlich zu machen, beschloss er, die Sache für sich zu behalten. Er bat auch Melanie darum, wozu diese erstaunlich schnell bereit war.
So vergingen die Tage und schon war das letzte Wochenende der Wintersaison gekommen. Seit je her war es Tradition, an diesen Tagen einen Dankesgottesdienst abzuhalten. Und seit die Skigebiete miteinander verknüpft sind, hat sich der Brauch eingebürgert, sich dabei gegenseitig zu besuchen. Und so sass Thomas an diesem Sonntag in der St. Theresier Kirche neben Melanie. Schon lange hatte er ein Auge auf Sie geworfen, und vor gut zwei Wochen hatte er es endlich übers Herz gebracht, ihr seine Liebe zu gestehen. Nach der Messe machte das junge Paar noch einen Spaziergang über den Friedhof. Plötzlich blieb Tom vor einem Grab stehen. Auf dem Stein war der Name Georg Reiter sowie die Daten 15.08.1953 – 21.02.1979 eingemeisselt. Was ihn aber so abrupt stehen lassen lies, war die Gravur einer Pistenraupe daneben. „Ja der Reiter Schorsch, eine tragische Geschichte.“, hörten sie die Stimme des Pfarrers hinter ihnen. „25 Jahren ist das nun schon her, und trotzdem kommt es mir vor als wäre es gestern geschehen.“ „Würden Sie uns die Geschichte erzählen, Hochwürden?“ fragte Thomas „Aber gerne, meine Sohn.“ sagte der Geistliche. „Schorsch war in dieser Nacht am herrichten der Pisten, als seine Maschine von einer Lawine erfasst wurde. Die Kabine wurde völlig eingedrückt, er hatte keine Chance“, berichtete der Pfarrer. Und er fuhr fort: “Georg hinterliess eine Frau, die er über alles geliebt hatte.“ Der Pater räusperte sich bevor er weiter erzählte: „Die Frau zog kurz nach der Beerdigung weg, wie ich hörte, hat sie erneut geheiratet.“ Ein schrecklicher Verdacht stieg ihn Thomas auf: „Sagen Sie eure Eminenz, wie hiess diese Frau?“ „Birgit.“ antwortete der Pfarrer. Thomas wurde kreidenbleich. Birgit, das war auch der Name seiner Mutter gewesen! Und sein Vater hatte ihm mal erzählt, dass sie aus den Bergen stammte. Könnte es sein, dass Georg Reiter der ehemalige Mann seiner Mutter war? Oder gar sein Vater? Nein, dazu lag zuviel Zeit zwischen dem Tod von Georg und seinem Geburtstag. Aber trotzdem, er musste sich Gewissheit verschaffen. Gleich nachher würde er seinen Vater anrufen. Melanie unterbrach seine Gedanken. Eine letzte Frage Herr Pfarrer.“, sagte Sie. „Wo genau geschah das Unglück?“ „Oben auf der Alp Dareim passierte es.“ war die Antwort, die beide vor Schreck zusammenfahren liess.
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