Kanonen gegen den Klimawandel - Industriegebiet Alpen

Medienberichte rund um den Wintersport: Aktuelle TV-Tipps, Presseartikel, Unfallmeldungen und Diskussionen zu Nachrichten aus der Alpinwelt.
Antworten
Benutzeravatar
MartinWest
Feldberg (1493m)
Beiträge: 1535
Registriert: 05.02.2004 - 15:32
Skitage 25/26: 0
Ski: ja
Snowboard: nein
Ort: Oberbayern/Steiermark
Hat sich bedankt: 15 Mal
Danksagung erhalten: 6 Mal

Kanonen gegen den Klimawandel - Industriegebiet Alpen

Beitrag von MartinWest »

Kanonen gegen den Klimawandel

Industriegebiet Alpen: Sölden ist einer der vollsten und lautesten Wintersportorte der Alpen - und neuerdings auch der schneesicherste. Und die anderen ziehen nach.
Von Titus Arnu

Über dem Rettenbachgletscher scheint die Sonne, der Himmel ist tiefblau - und trotzdem schneit es. Auf die Skifahrer, die den steilen Weltcup-Hang hinunter carven, gehen Wolken aus feinen, harten Kristallen nieder. Wenn einem die eisigen Körnchen ins Gesicht prallen, fühlt sich die Haut an, als würde sie von Nadeln perforiert.

Der Schnee kommt aus gelben Maschinen mit der Aufschrift "Techno-Alpin T60." Alle 50 Meter steht so eine monströse Turbine im Skigebiet von Sölden, vom Rettenbachgletscher in mehr als 3000 Metern Höhe bis zur Talstation der Gaislachkoglbahn.

Auch wenn die Wiesen neben der Talabfahrt schon grün sind, fahren die Ski-Touristen auf einer weißen Unterlage hinunter in den Ort. In der Hochsaison sind bis zu 15.000 Leute auf den Pisten unterwegs.

An der Schnapsbar neben der Hauptstraße singen Betrunkene im T-Shirt, in der "Rodelhütte" nebenan haben die Gogo-Girls noch weniger an, es ist wirklich warm - aber auf der Piste liegt immer Schnee, garantiert, von November bis April.

Sölden ist einer der vollsten und lautesten Wintersportorte der Alpen und neuerdings auch der schneesicherste. Diesen Winter ist dort das "leistungsfähigste System zur Schnee-Erzeugung in Europa" in Betrieb gegangen, wie der Ort stolz bekannt gibt. 130 Kanonen blasen auf einer Fläche von 75 Hektar Kunstschnee in die Landschaft.

Vorausgesetzt, es ist kalt genug, und die Luftfeuchtigkeit ist nicht zu hoch, lässt sich mit der geballten Kraft von elf Pumpenanlagen 1,8 Kubikmeter Schnee pro Sekunde herstellen. Plastischer ausgedrückt: Die Anlage könnte ein Fußballfeld innerhalb von zwei Stunden mit einer ein Meter hohen Schneeschicht zusprühen.

Wettbewerbsvorteil Schnee

Warum betreibt ein Ort wie Sölden, dessen Skigebiet zwischen 1350 und 3340 Meter hoch liegt, so einen Aufwand für künstliche Beschneiung? Die neue Anlage hat 23 Millionen Euro gekostet, das sei gut investiertes Geld, findet Jakob Falkner, Marketing-Chef der Ötztaler Gletscherbahnen: "Schneesicherheit ist ein Wettbewerbsvorteil."

In einer Umfrage des Branchendienstes "Mountain Manager" nennen Winterurlauber "Schneesicherheit" als wichtigsten Punkt bei der Entscheidung für ein Reiseziel, weit vor "Naturerlebnis", "Exklusivität" und "Unterhaltung".

Viele Klimaforscher rechnen damit, dass es in Zukunft wärmer wird in den Alpen und die Gletscher weiter abschmelzen; nicht zuletzt deshalb ist ein Wettrüsten mit Schneekanonen ausgebrochen. Selbst hoch gelegene Wintersportorte wie Ischgl oder Zermatt setzen im großen Stil auf Kunstschnee.

Garmisch-Partenkirchen, wo 2011 die alpine Ski-WM stattfinden soll, investiert massiv in Beschneiungsanlagen, um das vergleichsweise tief gelegene Skigebiet schneesicher zu machen. In Sölden werden bereits 50 Prozent der Abfahrten künstlich beschneit, im Gebiet Dolomiti Superski in Südtirol sind es sogar 95 Prozent.

In den niedriger gelegenen bayerischen Skigebieten werden dagegen nur 13 Prozent der Pisten mit Kunstschnee versorgt - nicht nur aus Umweltschutzgründen, sondern weil sich dort die Beschneiung oft nicht lohnt.

Die Beschneiungsanlage in Sölden wird von Computern vollautomatisch gesteuert, die Kanonen können dem Betriebsleiter sogar eine SMS auf das Handy schicken, wenn irgendetwas nicht stimmt.

Künstliche Schnee-Erzeugung ist vom Grundprinzip aber recht einfach und wird seit fast 50 Jahren angewendet. Wasser wird mit Druckluft durch eine Düse gepresst und in die kalte Luft geblasen, dabei gefrieren die Wasserteilchen zu Kristallen. In den USA, in Frankreich und Italien werden teilweise als Zusätze abgetötete Bakterien verwendet; damit wird die Kristallbildung begünstigt. Solche Zusätze sind jedoch in Deutschland und Österreich verboten.

1949 hat man in Amerika mit der industriellen Herstellung von Schnee begonnen, 1963 wurde bei der Kühltechnik-Firma Linde in Pullach die erste europäische Schneekanone gebaut. Seit etwa 30 Jahren werden solche Geräte zum Präparieren besonders beanspruchter Talabfahrten verwendet, um die Wiesen unter der Schneeschicht gegen die scharfen Stahlkanten der Skier zu schützen. Mittlerweile sind viele Skigebiete bis zu den Bergstationen beschneit.

Naturschützer beobachten den Ausbau der Beschneiungsanlagen mit Sorge. Für den Kunstschnee werde pro Saison in den Alpen so viel Wasser in die Gegend geblasen, wie eine Stadt mit 1,5 Millionen Einwohnern im Jahr verbrauche, rechnet die Alpenschutz-Organisation Cipra vor. Kunstschnee belaste außerdem den Boden, weil er viermal schwerer ist als echter Schnee, weniger wärmedämmend und doppelt so lange braucht zum Abschmelzen.
Quelle: SZ, 23.02.08
http://www.sueddeutsche.de/reise/artikel/67/159634/9/

Benutzeravatar
Dresdner
Nebelhorn (2224m)
Beiträge: 2598
Registriert: 27.11.2002 - 08:24
Skitage 25/26: 0
Ski: nein
Snowboard: nein
Ort: Dresden
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Kontaktdaten:

Beitrag von Dresdner »

Ist doch eine tolle Sache, mit Schneekanonen dem Klimawandel zu begegnen.
Wikioedia schreibt dazu:
Beim Einsatz von Schneeerzeugern stehen den Ansprüchen der Wintersportler auf möglichst „guten“ Schnee vor allem der hohe technische Aufwand bzw. die hohen ökonomischen und ökologischen Kosten gegenüber. Kritisiert wird von der OECD der enorme Verbrauch an Wasser und Energie und der damit verbundene langfristige Schaden für die Umwelt.

Die etwa 3100 Schneekanonen in Europa verbrauchen pro Jahr und pro Hektar etwa eine Million Liter Wasser und 260.000 kWh Strom. Somit verbrauchen die Schneekanonen Europas jährlich soviel Energie wie eine Stadt von 150.000 Einwohnern und soviel Wasser wie eine Großstadt wie Hamburg. Dieses Wasser fehlt während den Wintermonaten in den Gewässern: Forscher haben festgestellt, dass seit Einführung der Schneekanonen bis zu 70 Prozent weniger Wasser in Bächen und Flüssen der französischen Alpen fließt.

Auch kurzfristige Umweltschäden sind dann zu beobachten, wenn für Beschneiungsanlagen eigene Stauseen in vorher unberührten Gebirgsgegenden errichtet und einmalige Ökosysteme zerstört werden, um dem Menschen das Skifahren zu ermöglichen.

Ironischerweise werden Schneekanonen vermehrt eingesetzt, um den zurückgehenden Schneemengen aufgrund der globalen Erwärmung (Klimawandel) entgegenzutreten – die Beschneiung trägt aufgrund ihres enormen Energieverbrauchs aber gleichzeitig zur Verstärkung des Klimawandels bei. Die ethische Frage, ob der Mensch alles darf bzw. alles tun soll, wozu er technisch in der Lage ist, steht auch bezüglich der Anwendung von Schneekanonen im größeren Zusammenhang eines verantworteten Umgangs mit der Umwelt
Aber was solls. Wir wollen unseren Spaß haben und wen interessiert dabei denn die Umwelt?
Dresdner
http://www.bergbahngeschichte.de - Seilbahngeschichte & Seilbahntechnik
Benutzeravatar
720°
Fichtelberg (1214,6m)
Beiträge: 1395
Registriert: 21.07.2004 - 14:01
Skitage 25/26: 0
Ski: nein
Snowboard: ja
Ort: New Gudauri
Hat sich bedankt: 208 Mal
Danksagung erhalten: 40 Mal

Beitrag von 720° »

Dresdner hat geschrieben:Ist doch eine tolle Sache, mit Schneekanonen dem Klimawandel zu begegnen.
Wikioedia schreibt dazu:
Beim Einsatz von Schneeerzeugern stehen den Ansprüchen der Wintersportler auf möglichst „guten“ Schnee vor allem der hohe technische Aufwand bzw. die hohen ökonomischen und ökologischen Kosten gegenüber. Kritisiert wird von der OECD der enorme Verbrauch an Wasser und Energie und der damit verbundene langfristige Schaden für die Umwelt.

Die etwa 3100 Schneekanonen in Europa verbrauchen pro Jahr und pro Hektar etwa eine Million Liter Wasser und 260.000 kWh Strom. Somit verbrauchen die Schneekanonen Europas jährlich soviel Energie wie eine Stadt von 150.000 Einwohnern und soviel Wasser wie eine Großstadt wie Hamburg. Dieses Wasser fehlt während den Wintermonaten in den Gewässern: Forscher haben festgestellt, dass seit Einführung der Schneekanonen bis zu 70 Prozent weniger Wasser in Bächen und Flüssen der französischen Alpen fließt.

Auch kurzfristige Umweltschäden sind dann zu beobachten, wenn für Beschneiungsanlagen eigene Stauseen in vorher unberührten Gebirgsgegenden errichtet und einmalige Ökosysteme zerstört werden, um dem Menschen das Skifahren zu ermöglichen.

Ironischerweise werden Schneekanonen vermehrt eingesetzt, um den zurückgehenden Schneemengen aufgrund der globalen Erwärmung (Klimawandel) entgegenzutreten – die Beschneiung trägt aufgrund ihres enormen Energieverbrauchs aber gleichzeitig zur Verstärkung des Klimawandels bei. Die ethische Frage, ob der Mensch alles darf bzw. alles tun soll, wozu er technisch in der Lage ist, steht auch bezüglich der Anwendung von Schneekanonen im größeren Zusammenhang eines verantworteten Umgangs mit der Umwelt
Aber was solls. Wir wollen unseren Spaß haben und wen interessiert dabei denn die Umwelt?
Dresdner
Das Du keine Schneekanonen magst, ist ja mittlerweile bekannt. Aber übertreiben kann man es auch. Hoffe Du gehst nicht in die Sauna, in beheizte Bäder oder gar in eine Eishalle?
Benutzeravatar
Kevin92
Großer Müggelberg (115m)
Beiträge: 210
Registriert: 08.01.2008 - 13:49
Skitage 25/26: 0
Ski: ja
Snowboard: nein
Ort: Hannover
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 2 Mal

Beitrag von Kevin92 »

Ich finde das auch eine tolle Sache, wenn es im Rahmen bleibt. Ich finde die Talabfahrten zb. müssen nicht unbedingt beschneit werden da kann man auch mit der Bahn in denn Ort fahren, da finde ich das ist kein Problem. Aber so über 1600m sollte man schon beschneien. Außerdem finde ich es ist garkein Problem auf den Gletschern zu beschneien, ich meine da wächst doch eh nichts da ist doch nur Stein und Eis kann ja nicht viel mit der Umwelt passieren.
Alles in allem finde ich Beschneiung Super
Benutzeravatar
Dresdner
Nebelhorn (2224m)
Beiträge: 2598
Registriert: 27.11.2002 - 08:24
Skitage 25/26: 0
Ski: nein
Snowboard: nein
Ort: Dresden
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Kontaktdaten:

Beitrag von Dresdner »

Hoffe Du gehst nicht in die Sauna, in beheizte Bäder oder gar in eine Eishalle?
Nein, aber schon am PC bekommst du ein schlechtes Gewissen, ist halt noch kein Öko-PC wie der Grunwald Display PC Office 17 go, sondern ein ganz normaler Scaleo. :(
Nein, mal im Ernst: mir geht es nicht darum, das Zeug komplett zu verteufeln. Dort wo es sinnvoll ist, z.B. in höheren Lagen, um bestimmte Abfahrten für eine gewisse Zeit offen zu halten. Was mich stört sind die tiefergelegenen Gebiete, die auf Teufel komm raus aufrüsten, um den aussichtslosen Kampf mit dem Klima gewinnen zu wollen. Alternativkonzepte sind dort gefragt, nicht Ressourcenvergeudung.
Dresdner
http://www.bergbahngeschichte.de - Seilbahngeschichte & Seilbahntechnik
Benutzeravatar
720°
Fichtelberg (1214,6m)
Beiträge: 1395
Registriert: 21.07.2004 - 14:01
Skitage 25/26: 0
Ski: nein
Snowboard: ja
Ort: New Gudauri
Hat sich bedankt: 208 Mal
Danksagung erhalten: 40 Mal

Beitrag von 720° »

Dresdner hat geschrieben:Was mich stört sind die tiefergelegenen Gebiete, die auf Teufel komm raus aufrüsten, um den aussichtslosen Kampf mit dem Klima gewinnen zu wollen. Alternativkonzepte sind dort gefragt, nicht Ressourcenvergeudung.
Dresdner
Auf Teufel komm raus baut niemand Beschneiungsanlagen. Das ist schon gut überlegt. Für so eine Investition braucht man Geld und Geldgeber die überzeugt sind. Du wirst wohl kaum einen Geldgeber für sowas finden, wenn die Prognosen unsicher sind.

Alternativkonzepte schön und gut, wenn die Gäste aber skifahren möchten, bringt Nordic Walking, Lehrwanderpfad oder Pferdekutschenfahrten überhaupt nichts.
Antworten

Zurück zu „Medienberichte“