Quelle: SZ, 23.02.08Kanonen gegen den Klimawandel
Industriegebiet Alpen: Sölden ist einer der vollsten und lautesten Wintersportorte der Alpen - und neuerdings auch der schneesicherste. Und die anderen ziehen nach.
Von Titus Arnu
Über dem Rettenbachgletscher scheint die Sonne, der Himmel ist tiefblau - und trotzdem schneit es. Auf die Skifahrer, die den steilen Weltcup-Hang hinunter carven, gehen Wolken aus feinen, harten Kristallen nieder. Wenn einem die eisigen Körnchen ins Gesicht prallen, fühlt sich die Haut an, als würde sie von Nadeln perforiert.
Der Schnee kommt aus gelben Maschinen mit der Aufschrift "Techno-Alpin T60." Alle 50 Meter steht so eine monströse Turbine im Skigebiet von Sölden, vom Rettenbachgletscher in mehr als 3000 Metern Höhe bis zur Talstation der Gaislachkoglbahn.
Auch wenn die Wiesen neben der Talabfahrt schon grün sind, fahren die Ski-Touristen auf einer weißen Unterlage hinunter in den Ort. In der Hochsaison sind bis zu 15.000 Leute auf den Pisten unterwegs.
An der Schnapsbar neben der Hauptstraße singen Betrunkene im T-Shirt, in der "Rodelhütte" nebenan haben die Gogo-Girls noch weniger an, es ist wirklich warm - aber auf der Piste liegt immer Schnee, garantiert, von November bis April.
Sölden ist einer der vollsten und lautesten Wintersportorte der Alpen und neuerdings auch der schneesicherste. Diesen Winter ist dort das "leistungsfähigste System zur Schnee-Erzeugung in Europa" in Betrieb gegangen, wie der Ort stolz bekannt gibt. 130 Kanonen blasen auf einer Fläche von 75 Hektar Kunstschnee in die Landschaft.
Vorausgesetzt, es ist kalt genug, und die Luftfeuchtigkeit ist nicht zu hoch, lässt sich mit der geballten Kraft von elf Pumpenanlagen 1,8 Kubikmeter Schnee pro Sekunde herstellen. Plastischer ausgedrückt: Die Anlage könnte ein Fußballfeld innerhalb von zwei Stunden mit einer ein Meter hohen Schneeschicht zusprühen.
Wettbewerbsvorteil Schnee
Warum betreibt ein Ort wie Sölden, dessen Skigebiet zwischen 1350 und 3340 Meter hoch liegt, so einen Aufwand für künstliche Beschneiung? Die neue Anlage hat 23 Millionen Euro gekostet, das sei gut investiertes Geld, findet Jakob Falkner, Marketing-Chef der Ötztaler Gletscherbahnen: "Schneesicherheit ist ein Wettbewerbsvorteil."
In einer Umfrage des Branchendienstes "Mountain Manager" nennen Winterurlauber "Schneesicherheit" als wichtigsten Punkt bei der Entscheidung für ein Reiseziel, weit vor "Naturerlebnis", "Exklusivität" und "Unterhaltung".
Viele Klimaforscher rechnen damit, dass es in Zukunft wärmer wird in den Alpen und die Gletscher weiter abschmelzen; nicht zuletzt deshalb ist ein Wettrüsten mit Schneekanonen ausgebrochen. Selbst hoch gelegene Wintersportorte wie Ischgl oder Zermatt setzen im großen Stil auf Kunstschnee.
Garmisch-Partenkirchen, wo 2011 die alpine Ski-WM stattfinden soll, investiert massiv in Beschneiungsanlagen, um das vergleichsweise tief gelegene Skigebiet schneesicher zu machen. In Sölden werden bereits 50 Prozent der Abfahrten künstlich beschneit, im Gebiet Dolomiti Superski in Südtirol sind es sogar 95 Prozent.
In den niedriger gelegenen bayerischen Skigebieten werden dagegen nur 13 Prozent der Pisten mit Kunstschnee versorgt - nicht nur aus Umweltschutzgründen, sondern weil sich dort die Beschneiung oft nicht lohnt.
Die Beschneiungsanlage in Sölden wird von Computern vollautomatisch gesteuert, die Kanonen können dem Betriebsleiter sogar eine SMS auf das Handy schicken, wenn irgendetwas nicht stimmt.
Künstliche Schnee-Erzeugung ist vom Grundprinzip aber recht einfach und wird seit fast 50 Jahren angewendet. Wasser wird mit Druckluft durch eine Düse gepresst und in die kalte Luft geblasen, dabei gefrieren die Wasserteilchen zu Kristallen. In den USA, in Frankreich und Italien werden teilweise als Zusätze abgetötete Bakterien verwendet; damit wird die Kristallbildung begünstigt. Solche Zusätze sind jedoch in Deutschland und Österreich verboten.
1949 hat man in Amerika mit der industriellen Herstellung von Schnee begonnen, 1963 wurde bei der Kühltechnik-Firma Linde in Pullach die erste europäische Schneekanone gebaut. Seit etwa 30 Jahren werden solche Geräte zum Präparieren besonders beanspruchter Talabfahrten verwendet, um die Wiesen unter der Schneeschicht gegen die scharfen Stahlkanten der Skier zu schützen. Mittlerweile sind viele Skigebiete bis zu den Bergstationen beschneit.
Naturschützer beobachten den Ausbau der Beschneiungsanlagen mit Sorge. Für den Kunstschnee werde pro Saison in den Alpen so viel Wasser in die Gegend geblasen, wie eine Stadt mit 1,5 Millionen Einwohnern im Jahr verbrauche, rechnet die Alpenschutz-Organisation Cipra vor. Kunstschnee belaste außerdem den Boden, weil er viermal schwerer ist als echter Schnee, weniger wärmedämmend und doppelt so lange braucht zum Abschmelzen.
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