Bahnfahrt in Tibet
Der Mensch ist größer als der Himalaja
Von Falk Wellmann
Mit einem satten Klacken gleitet die schwere Stahltür der Tibetbahn ins Schloss. „Final destination Lhasa“ prangt es rot von der Leuchttafel im nagelneuen Waggon, als der Zug T27 langsam aus dem betongrauen Bahnhof der Provinzstadt Xian rollt. Sechsunddreißig Stunden später wird er das tibetische Hochplateau erreichen, das Land auf dem Dach der Welt, das jahrhundertelang fast unerreichbar hinter den höchsten Bergen der Erde lag.
Es ist 9.21 Uhr am Morgen. Den Zugestiegenen schlägt ein Geruch von Schweiß, Yakbuttertee und Weihrauch entgegen. Staunende und strahlende Gesichter empfangen die schwerbepackten Europäer, die sich mühsam ihren Weg vorbei an den Bänken der „Hardsleeper“- Klasse, durch den Speisewagen und die Schlafkabinenwaggons bahnen. Kahlgeschorene Mönche in safranfarbenen Kutten sitzen auf ihren Yakfellen und murmeln unbeirrt Mantras. Sie machen den Neuankömmlingen ebenso Platz wie die kleinen Kinder, die die einzigen Europäer an Bord des Zugs mit aufmerksamem Blick verfolgen. Die Passagiere wirken in dem modernen Zug wie ein Anachronismus und wie die Metapher für die Tibetbahn, die ein Land aus tiefster Vergangenheit mittels heutiger Technik in die Zukunft katapultieren soll.
„Das ist gut fürs Herz“
Hunderttausend Arbeiter und Ingenieure aus allen Teilen Chinas haben in den vergangenen Jahren dieses Prestigeprojekt verwirklicht, das mittlerweile in einem Atemzug mit dem Drei-Schluchten-Staudamm am Jangtse und der Chinesischen Mauer genannt wird. Für die Neubaustrecke von Golmud in der westchinesischen Provinz Qinghai nach Lhasa haben sie 1142 Kilometer Schienen verlegt, Tunnel in die Berge des Himalajas gesprengt und gigantische Brückenpfeiler in den Dauerfrostboden getrieben. Und das alles in einer im Wortsinn atemraubenden Höhe: Fast neunzig Prozent der Strecke liegen mehr als 4000 Meter hoch. Vierzig Arbeiter starben beim Bau, angeblich niemand an der gefürchteten Höhenkrankheit.
Dreieinhalb Milliarden Euro hat sich die Regierung die Tibetbahn kosten lassen – mehr als China in fünfzig Jahren für Krankenhäuser und Schulen in Tibet ausgegeben hat, wie Menschenrechtsorganisationen vorrechnen. Das stört Frau Wei aus dem Nebenwaggon nicht sonderlich, die gerade ihre Teeblätter in ein eigens dafür eingerichtetes Sieb im Zugwaschbecken schüttet. Wei ist Professorin für Englisch an einer Pekinger Universität. Sie hat zahlreiche Dokumente über die Bahn bei sich, die sie in ihrem Abteil ausbreitet und stolz vorzeigt. Um den Hals trägt sie ein tibetisches Säckchen mit Weihrauchkräutern. „Das ist gut fürs Herz“, sagt sie. Und in klarem Englisch schwärmt sie davon, dass die rauhe Welt des tibetischen Hochlands jetzt erstmals per Eisenbahn Anschluss an die chinesische Zivilisation erhält. „Die Bahn wird Tourismus, Handel und Bildung beflügeln“, sagt die grauhaarige Wei, die in Tibet für mehr Englischunterricht an Schulen werben will.
Tausende von Soldaten beim Bau im Einsatz
Bisher kamen pro Jahr 1,8 Millionen Besucher nach Tibet. Künftig werden es nach den Erwartungen chinesischer Tourismusbehörden 2,5 Millionen sein. Offen bleibt allerdings, ob sich die Milliardeninvestition in die Bahn, die jährlich fast eine Million Menschen und zweieinhalb Millionen Tonnen Güter befördern soll, wirklich rechnet – falls nicht, wird die Bahn teuer erkaufte Bequemlichkeit sein. Entlang der Strecke sieht man noch die Lastwagen und Autos, die sich die baufällige, von Autowracks gesäumte Straße in Richtung Lhasa hinaufschleppen. Die Fahrt kann je nach Wetterlage einen bis drei Tage dauern, wenn nicht gerade starke Regenfälle die Pisten wegspülen.
Die Idee, China und Tibet mit einer Eisenbahnlinie zu verbinden, existiert seit den fünfziger Jahren. Kurz nach dem Einmarsch von Mao Tse-tungs Truppen in Tibet befürwortete die Regierung solch ein Projekt. 1956 begannen erste Vermessungsarbeiten, 1973 gab das Zentralkomitee ungeduldig Weisung, die Arbeiten an der Tibetbahn zu beschleunigen. Mao soll gesagt haben: „Ich kann nicht schlafen, ehe die Eisenbahn nach Tibet fertig ist.“ Zu diesem Zeitpunkt waren bereits Tausende von Soldaten als Baubrigaden im Himalaja im Einsatz. Die begabtesten Ingenieure Chinas zerbrachen sich den Kopf darüber, wie man im ewigen Eis über 5000 Meter hohe Pässe Schienen verlegen und Tunnel bauen könnte.
Aufgeblähte Chipstüten und speiende Kugelschreiber
Das Großprojekt wurde immer wieder hinausgeschoben, da die Experten einhellig vor dem Verlegen der Gleise über dem Dauerfrostboden warnten und die harte Arbeit in mehr als 4000 Meter Höhe unmöglich erschien. Ad acta gelegt wurden die Pläne aber nie. 1984 stellte man einen ersten, 814 Kilometer langen Streckenabschnitt von Xining – heute der Streckenkilometer 0 – bis nach Golmud fertig. Und am 1. Juli 2006, genau fünfzig Jahre nach der Kapitulation Tibets und zugleich dem fünfundachtzigsten Gründungstag der Kommunistischen Partei Chinas, ließen Maos Erben seine Vision Wirklichkeit werden: Mit der Jungfernfahrt der Tibetbahn begann eine neue Zeitrechnung im Himalaja.
Am nächsten Morgen ist Golmud erreicht, das am Fuße des Himalajas auf 2829 Meter Höhe liegt. Jetzt fehlen noch 1142 Kilometer auf der Neubaustrecke nach Lhasa. Der Halt zieht sich hin. Um die Steigung zu bewältigen, müssen drei besonders starke Diesellokomotiven hintereinander gehängt werden. Sie wurden speziell für Fahrten bei niedrigen Temperaturen und geringem Luftdruck gebaut. Gemeinsam bringen es die „Xueyu Shenhao“, die Götter des Schneegebiets, auf 11000 PS. Gut gerüstet schlängelt sich die Bahn nun kraftvoll mit neunzig Stundenkilometern durch ein steiniges Tal. Die Bahn folgt den Flüssen Golmud und Kunlun durch die Hochebene des Flusses Qumar quer durch den Himalaja. Erst allmählich wird die Höhe sichtbar und spürbar: Der niedrige Druck bläst Chipstüten auf wie Luftballons, Kugelschreiber und Kosmetika speien ihren Inhalt aus. Leichte Kopfschmerzen stellen sich ein. Bereits am Vormittag hatten die Schaffner Sauerstoffmasken an die Fahrgäste verteilt und noch einige Sicherheitshinweise zur Vermeidung der Höhenkrankheit gegeben – allerdings nur auf Chinesisch. Abrupte Bewegungen ziehen unmittelbar heftiges Pochen in den Schläfen nach sich. Ein fünfundsiebzigjähriger Tourist aus Hongkong ist schon in der Tibetbahn an einem Kreislaufkollaps gestorben.
Nervenaufreibende chinesische Countrymusik
Die Konstrukteure des kanadischen Waggonbauers Bombardier haben viel getan, um die Reise so komfortabel wie möglich zu gestalten. Die Fenster sind aus Doppelglasscheiben mit Ultraviolettfiltern, die die Reisenden vor der extremen Strahlung in der Höhe schützen. In der „Softsleeper“-Klasse hat jedes der vier Betten am Fuße einen eigenen Fernseher mit zwei Kanälen; auf dem einen wird die ruhmreiche Konstruktion der Tibetbahnlinie durch jubelnde, kommunistische Modellarbeiter gezeigt, auf dem anderen eine Bilddokumentation über Tibet und das Himalaja-Gebiet. Dazu gibt es nervenaufreibende chinesische Countrymusik mit ausschließlich chinesischen Texten. Ohnehin scheint das gesamte Serviceangebot im Zug vorrangig auf Chinesen ausgerichtet zu sein, denn kein Mitarbeiter des Bordpersonals spricht Englisch. Die „Softsleeper“-Waggons haben immerhin westliche Toiletten, die anderen nur die in China üblichen Stehtoiletten. Duschen gibt es nicht an Bord, dafür drei Waschbecken pro Waggon. Die günstige Klasse verfügt über je zwei Sitze auf der einen und drei auf der anderen Seite, immer einander gegenüber ausgerichtet, was das Kartenspielen erleichtert – die zweite Hauptbeschäftigung der Reisenden, die gleich nach dem laut schlürfenden Verzehr von Nudeln kommt.
Gegen den scharfen Höhenwind sind die Waggons mit speziellen Eisenplatten geschützt. Und ab einer Reisehöhe von 3000 Metern wird dem Zug automatisch Sauerstoff zugeführt. Berichte, die den Druckausgleich mit dem eines Flugzeugs vergleichen, sind allerdings übertrieben. Dies würde angesichts der sich immer wieder öffnenden und schließenden Türen gar nicht funktionieren.
Chinesische Soldaten salutieren
Die Höhe von mehr als 4000 Metern sieht man den menschenleeren, nur von Moos, Flechten und Schmelzwassertümpeln bedeckten Weiten des Qinghai-Tibet-Plateaus kaum an - wären da nicht die eisbedeckten, bis zu 7000 Meter hohen Gipfel des Himalajas, die immer wieder am Horizont auftauchen und die ungeheuren Ausmaße des Gebirges erahnen lassen. Der Boden ist bis zu dreißig Meter unter dem Moos gefroren. Taut er im Sommer an, kann das Wasser durch das darunter liegende Eis nicht einsickern. Der so entstehende Morast ist eine große Gefahr für die Bahntrasse. Hier sorgen die Kühlstäbe für Abhilfe, die die Bahnstrecke links und rechts säumen. Sie halten wie die Kühlrohre eines Gefrierschranks die Temperatur unter den Gleisen konstant niedrig. Die Trasse liegt zudem in einem Schotterbett auf einem drei Meter hohen Fundament aus groben Steinbrocken, die locker übereinandergeschichtet sind. So können die Stürme auf dem tibetischen Hochplateau für zusätzliche Kühlung sorgen.
Über den 4837 Meter hohen Kunlun-Pass und durch den weltweit längsten Hochlandtunnel, der 1686 Meter durch gefrorenen Boden führt, geht es unter strahlend blauem Himmel weiter zur ersten Yangtse-Brücke auf gigantischen, weißen Brückenpfeilern. Chinesische Soldaten salutieren an der Bahnlinie, bevor der Zug kurz darauf in den mit 4905 Metern am höchsten gelegenen Eisenbahntunnel der Welt durch das Fenghou-Gebirge einfährt.
Fast so hoch wie das Basiscamp des Mount Everest
Um die Mittagszeit herrscht Hektik in der Bordküche. Sieben Köche müssen auf ein paar Quadratmetern fast tausend Portionen zubereiten. Auch hier sind Fremdsprachenkenntnisse angebracht, denn das gesamte Menü ist auf Chinesisch. Da hilft nur der Blick auf die Nachbartische und eine eindeutige Geste zur Kellnerin. Als dann nach langem Drängen das Essen in Plastikschalen serviert wird, scheint es Yakfleisch zu sein, vermengt mit gekochten Kartoffeln und einer undefinierbaren Sauce. Draußen vor dem Fenster zerlegen unterdessen Nomaden vor ihrem Zelt eine frisch geschlachtete Ziege.
Kilometer für Kilometer erklimmt der Zug den Tanggula-Pass, der in 5072 Meter Höhe thront und damit nur etwa dreihundert Meter tiefer liegt als das Basiscamp des Mount Everest. Ein Gedenkstein markiert den höchsten Punkt auf der Erde, den je eine Eisenbahn passiert hat. Damit löst die Tibetbahn den Andenexpress in Peru als Rekordhalter ab und überbietet ihn um zweihundert Meter an Höhe. Von Glück und Wohlergehen, die die Bahn dem tibetischen Volk bringen werde, steht auf dem Stein geschrieben und dass die Leistung der Ingenieure größer sei als das Kunlun-Gebirge.
Dalai Lama befürchtet böse Absichten
Doch nicht alle stimmen in den Jubel ein. So warnt der Dalai Lama vor einem „kulturellen Genozid“ an den Tibetern. Er befürchtet böse Absichten, sieht die Bahn als Mittel zum demographischen Wandel, als Instrument einer fortschreitenden Sinisierung Tibets. Eines ist sicher: Die Bahn wird immer mehr Chinesen auf das Dach der Welt bringen. Schon in den vergangenen Jahren zogen 180000 Han-Chinesen nach Tibet, angelockt durch höhere Löhne und Vergünstigungen durch den Staat. In Lhasa spricht man hinter vorgehaltener Hand bereits von Plänen Pekings, weitere 400000 Menschen nach Tibet zu schicken. Öffentlicher Protest gegen die Tibetbahn allerdings wird sofort unterbunden. Kurz nach Eröffnung der Linie nahm die chinesische Polizei drei Demonstrantinnen aus dem Westen fest, die am Pekinger Hauptbahnhof mit dem Spruchband „China's Tibet Railway - Designed to destroy“ protestiert hatten.
Im Zug herrscht friedliche Ruhe. Von Tanggula geht es allmählich bergab. Auf dem Bahnhof von Amdo in 4702 Meter Höhe ist ein kurzer Halt vorgesehen. Die frische Luft wirkt zunächst wie eine Wohltat für die Lunge, doch bei nur sechzig Prozent des normalen Sauerstoffs geht einem schnell die Puste aus, so dass alle Reisenden gerne wieder einsteigen. Der Zug passiert die Städte Naqu, Damshung und Yangbajain. In Naqu macht sich die Ankunft der ersten Güterzüge mit Lebensmitteln bereits bemerkbar. Der Preis für Mehl sei stark gesunken, sagt der Dampfkuchenverkäufer am Bahnhof, „ein Kuchen kostet nur noch fünf Cent, vorher waren es zwanzig Cent“.
Der schönste Teil der Reise: Kurz vor Ankunft in Lhasa
Am Straßenrand wehen nun immer mehr der halb zerfetzten Gebetsflaggen, aufgehängt von tibetischen Pilgern. Der Zug nähert sich Lhasa. Diese letzten Stunden vor der Ankunft sind die schönsten der ganzen Strecke. Nomaden ziehen mit ihren Yak-Herden unter kobaltblauem Himmel durch die Weiten des Hochplateaus. Die watteweißen Wolken schweben so tief, als könnte man sie mit einem Lasso einfangen. Pilger mit kahlgeschorenem Kopf und sonnengegerbtem Gesicht tauchen auf der Straße auf. Sie kommen oft zu Fuß aus der 2000 Kilometer entfernten Provinz Sechuan, immer demselben Schrittmuster folgend: drei Schritte voran gehen, dann längs auf die Erde hinabgleiten, mit der Stirn den Boden berühren und wieder aufrecht drei Schritte zu dem Punkt gehen, an dem soeben noch die Stirn war. Vom vorbeifahrenden Zug nehmen sie keine Notiz.
Als die „Mekoor“ - dieses tibetische Wort musste eigens für die Bahn erfunden werden - um neun Uhr abends in den neuen Bahnhof von Lhasa einfährt, gleicht ihr Inneres mehr einer Jugendherberge als einem modernen Reisezug: Vollgestopfte Kabinen, verschmutzte Toiletten und zugemüllte Gänge lassen den Abschied nicht schwerfallen. Der Bahnsteig füllt sich allmählich mit traditionell gekleideten Einheimischen, jungen Mönchen und Rucksacktouristen. Die dem Potala-Palast nachempfundene Ankunftshalle zieht die Ankommenden sofort in ihren Bann. Doch kurz nach dem Aussteigen auf 3628 Meter Höhe überkommt die Reisenden ein leichter Schwindel. Der Puls scheint direkt an die Schädeldecke zu klopfen, die Beine machen schlapp. Die Luft ist dünn und trocken. Kleine Äderchen in den Augen platzen. „Das ist völlig normal bei der Höhe“, sagt der Führer, der seinen Gästen zur Begrüßung einen Gebetsschal um den Hals hängt, „im Zug ist man ja von der modernen Technik geschützt.“ Jetzt muss man sich andere Schutzgötter suchen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, Archiv, F.A.Z., REUTERS
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