Dann ging es von Nauders zuerst in den Süden, an der bekannten Kirchenturmspitze von Graun vorbei. Klar, die Zwansenteignung unter den Faschisten und dann die Vertreibung aus den Dörfern in den frühen 50ern muss ein Riesenschock für die Bevölkerung gewesen sein, trotzdem werde ich das Gefühl nicht los dass man hier (z. B. auf den Infotafeln) mit dem Gejammer ein wenig übertreibt. Wenn ich da Paralellen zum alten Dorf Tignes ziehe, welches zur selben Zeit ebenfalls in einem Stausee verschwand, kommt mir vor dass es die Franzosen wesentlich lockerer nehmen:
Und nun beginnt der richtige Spass, gottseidank sind wir beide leidenschaftliche Fans von Alpenstrassen, auf der Ostrampe hatte Mausi die Ehre. Geniale Strasse, Hut ab wenn man bedenkt dass sie schon vor mehr als 150 Jahren gebaut wurde:
Grandiose Ausblicke von einem der viel zu wenigen Rastpläzte an der Ostrampe:
Diese Funifor kannte ich bisher nur aus Skiberichten im Forum
Geschafft! Es ist mir bewusst dass ich mich mit dieser Aussage hier, wo viele im Sommer von den Skiern aufs Fahrrad umsteigen, nicht beliebt mache. Trotzdem: die grösste Spassbremse aus der Sicht des PKW - Fahrers sind hier eindeutig die Radfahrer, viel schlimmer als holländische Wohnmobile. Vor allem im letzten Drittel, da gab es etliche die definitiv nicht mehr bei vollem Bewustsein waren und glaubten dass sie unbedingt die ganze (bescheidene) Strassenbreite in Anspruch nehmen können ...
Ganz ohne Bergwandern geht es an einem solchen Tag auch nicht. Nördlich der Passes gibt es ein leicht erreichbares Ziel, die 3026m hohe Rötlspitze, von der E. Höhne im Buch 'Leichte Gipfel für Geniesser' (Verlag J. Berg, 1982) schreibt: Von keiner anderen Stelle (...) lässt sich der Ortler mit seiner massigen Gestalt besser betrachten.
Zuerst kommt man am italienischen Restaurant Dreisprachenspitze vorbei, fast bis an den schweizerischen Grenzstein gebaut:
Dann geht ein leichter Weg Richtung NO, vorbei an ehemaligen Kriegsstellungen, die vorbildlich beschildert sind. Da Kriegsgeschichte eines meiner Lieblingsthemas ist, dauert der Aufstieg auch wesentlich länger als die offiziel angegebene 1 Stunde 30 Minuten
Obwohl das Tagesziel noch nicht erreicht ist, schnell ein Foto zum König Ortler - wer weiss wie lange das Wetter noch so schön bleibt:
Einfach gigantisch, diese Gletscher. Wie mus es noch in den 70ern ausgesehen haben ... :
Unser heutiges Ziel - woher der name kommt, ist bei diesem Anblick wohl sofort klar
Blick zurück zur Passhöhe, dahinter das bekannte Sommerskigebiet:
Ein paar Schritte noch:
Kaum zu glauben: selbst hier, auf über 3000m, findet sich noch sowas
Es folgen die Gipfelpanos, die Pause dauerte bei angenehm mildem Wetter (z. Teil konnte ich ohne t-shirt oben auf 3000+ sitzen) mehr als 1 Stunde, da hat man genug Zeit zum fotografieren. Zuerst zum Skigebiet, die Schneelage fand ich für Anfang August überraschend gut:
Die Pisten werden nach dem Ende des Skibetriebes (um 13. Uhr, glaube ich wenigstens) für den kommenden Tag gewalzt ... da habe ich auf einmal Lust auf nen Tag Sommerski bekommen
Blick nach Westen, unten die Westrampe des Stilfser Joches:
Und weil er so schön ist, nochmals der König Ortler im Zoom:
Alte österreichische Kriegsstellungen, beim Abstieg habe ich sie nochmals unter die Lupe genommen:
Dass ein Besuch des Stilfserjoches unvollständig wäre, ohne mir die PB aus der Nähe anzuschauen, versteht sich von selbst:
Am Heimweg fuhren wir dann über den Umbrailpass nach Sta Maria im Münstertal - kaum zu glauben, aber es war meine erste Autofahrt durch die 'richtige' Schweiz (zweimal waren wir vorher in Samnaun). Da es noch zu früh war um auf dem kürzesten Weg nach Naudes zu fahren, haben wir uns den Weg ein wenig verlängert - zuerst über den Ofenpass. Die Gegend dort oben hat uns beiden sehr gefallen, gleichzeitig mussten wir uns wundern wie sanft doch hier die Landschaft ist, kaum zu glauben dass man sich auf über 2100m befindet:
Weiter ging es an Scuol vorbei, da gibt es doch eine neue 8EUB, oder? Da aber solche schönen modernen Bahnen eh keinen interessieren
Den Bericht habe ich mit einem Foto aus Nauders begonnen und so soll er auch enden: der Weg von der Schweiz (Martina) zurück nach Nauders geht über einen kleinen Pass, genannt Norberthöhe, und von hier hat man besonders am Nachmittag, mit der Sonne im Rücken, einen schönen Panoramablick auf den südwestlichsten Ort Tirols:
Tagesfazit: genial! Autofahrten über tolle Pässe, leichte Zweistundentour auf einen bequemen 3000er mit genialem Blick, Gletscherskigebiet zum Greifen nahe, ein grosses Stück Kriegsgeschichte. Und - last but not least - mein erstes Rösti mit Ei und Speck bei den Eidgenossen ... lecker!