Zusammenfassung: Schöner Skitag bei fast durchgehendem Sonnenschein und eisiger Kälte auf sehr gut präparierten Pisten. Anlagen, soweit beurteilbar, alle offen - wie auch die meisten Pisten. Kaum Steine und apere Stellen, gute Schneelage, auf den Kreten starker Südwind.
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Seit langem liegt mir eine Kollegin begeistert mit diesem "Serfaus" in den Ohren, das mir schlicht kein Begriff war davor (abgesehen von den Plakaten am Zürcher Hauptbahnhof). Ich wusste nur: "Das liegt irgendwo in Österreich und weist sehr viele Anlagen auf". Obschon ich sonst hauptsächlich aus familiär-traditionellen Gründen in meinem Heimatort Sedrun im Schnee anzutreffen bin und abgesehen davon ein Herz für unbekannte Miniskigebiete ohne Sesselbahnen habe, gehe ich ab und zu fremd und besuche Mega-Gebiete wie Zermatt (regelmässig) oder Portes du Soleil (einmal). Auch die Jungfrauregion im Berner Oberland besuche ich seit meiner Kindheit.
Heuer sollte es endlich mal dieses ominöse Serfaus sein. Wir wollten auch vor Ort erleben, ob Ferien in Österreich für Schweizer wirklich so billig sind und ob die Gastfreundlichkeit tatsächlich so viel grösser ist als in der Schweiz, wie man gern schnödet.
Mein Fazit dazu nach zwei Hotel-Abenden und einem Skitag Serfaus: Die Leute mit Gästekontakt sind definitiv fast durchwegs herzlicher und netter als in der Schweiz. Negative Erlebnisse: Schlicht keine. (In der Schweiz könnte man sich kaum einen Tag vorstellen, an dem man sich nicht über schlechten oder einfach "bieder-mittelmässigen" Service aufregt - auch wenn's bei uns meist auch ganz ordentlich klappt. Beispiel Andermatt: Mit dem "Chedi" wurde kürzlich ein Hotel von Weltruf eröffnet, und man sollte erwarten, dass die anderen Tourismusbetriebe mitziehen und sich ein Stück des Kuchens abschneiden wollen - ich plante ein grösseres Essen in einem Andermatter Restaurant mit Kreditkarte zu bezahlen... Antwort: "Nein, bitte Bargeld." - Andere Restaurants verlangen bis zu 8 Franken für einen Liter Hahnenwasser. Lächerlich und leider so typisch urschweizerisch. So wird das natürlich schwierig mit dem erhofften Boom. Nicht nur die Bergbahnen, alle Leistungserbringer tragen zum Gesamterlebnis bei. Das müssen viele offenbar noch merken.)
Und es ist wohl ein kleines Armutszeugnis für unseren guten alten Schweizer Tourismus, dass man sich in Serfaus bisweilen vorkommt wie auf den Strassen von St. Gallen, Frauenfeld oder Zürich - man hört sehr, sehr oft diese Dialekte, vor allem auffallend viele Schweizer Familien mit kleinen Kindern sind hier zu Gast. Nur am für uns guten Eurokurs liegt das natürlich nicht - man bekäme auch sonst mehr fürs Geld, allein die Skitickets sind mit vergleichbaren CH-Gebieten spottbillig. Und was man hier für Familien - vor allem Kids - macht, ist grandios. Kein Wunder, dass das so gut läuft.
Ein Schweizer Skigebiet, wo man fast jede Minute österreichische Dialekte hört, ist mir jedenfalls nicht bekannt.
Nun, wie steht es pisten- und schneetechnisch? Seit snowflats Bericht von vor drei Wochen ist doch ein wenig was an Natur- und Kunstschnee dazugekommen. Heute war ein schöner, aber eiskalter Tag (am Morgen -12 im Dorf). Zudem frischte im Lauf des Tages der Südföhn bisweilen unangenehm auf. Auch wenn die Temperaturmesser "nur" -10 bis -3 anzeigten - mit windchill fühlte sich das eher an wie -20. Das Masner-Gebiet war dabei noch fast am windfreundlichsten. Zunächst bekam in der Ferne der Ortler eine schöne Föhnkappe, gegen 15 Uhr zog es dann auch im Inntal milchig zu und die Sicht wurde blind.
Etwas offtopic, aber trotzdem - meine Gedanken als Besucher aus einer Region, der Ähnliches bevorsteht wie hier wohl schon vor Jahren passiert sein muss:
Die aufgegleiste Skigebietsverbindung Andermatt-Sedrun (Realisierung in den nächsten Jahren) geht wohl in die selbe Richtung (ich habe mich nicht gross mit der Geschichte von SFL beschäftigt bisher, aber offenbar waren das auch mal separate Gebiete in nächster Nähe). Nach dem Skitag bin ich daher überzeugt, dass man hier ein paar schöne Sachen abgucken könnte. Ich war zwar nie ein grosser Fan von Gigantismus, und ich fand lange, Sedrun solle autonom bleiben und sich als kleines, feines Familiengebiet positionieren. Aber die Verbinderei scheint wirtschaftlich wohl der einzig halbwegs lukrative Weg zu sein (auch wenn es für die Alteingesessenen und Einheimischen nicht nur cool ist).
Dass vermehrt Leute in teuren Kleidern, die das Skifahren nicht wahnsinnig gut beherrschen, vom neuen Andermatter Luxustempel nach Sedrun rüber schwappen, ist einerseits nervig. Als Skifreak sehe ich aber in einem Skigebietsverbund auch die mannigfaltigen neuen Pistenvarianten und freue mich darauf. Und die Chancen für die bisweilen etwas hinter den aktuellen Trends hinterher hinkende Hotellerie - gerade in Sedrun kann man die wirklich empfehlenswerten Häuser an einer halben Hand abzählen. Oftmals herrscht "80er-Flair" vor. Auch wenn ich natürlich nicht alle Hotels testen kann - man hat den Eindruck, es sei hier grösstenteils anders. In der Schweiz erlebe ich dagegen ständig unkreative, über Wirtschaftslage und Eurokurs lamentierende Hoteliers, die vermutlich kaum je gucken, wie man "es heute andernorts so macht" - und Erfolg haben kann.
Anderes Beispiel: In Serfaus führt seit 1986 (!) eine U-Bahn vom Parkplatz am Dorfanfang zur Seilbahn am Dorfende. Gratis für alle und mit kostenlosem WLAN am den Stationen. In Sedrun existiert nicht einmal ein regelmässig verkehrender Skibus (und damit meine ich den ganzen Tag die ganze Saison lang alle 10-15 Minuten mit vielen Haltestellen), der zugleich das Parkplatzproblem bei der Talstation Dieni zu Stosszeiten lösen würde - es fährt zwar eine Eisenbahn, aber die liegt oben am Hang (und ist, gerade im Winter, notorisch verspätet), und wer nicht im oberen Dorfteil wohnt, muss 10-15 Minuten steil den Berg hoch trotten und schwitzt dann arg. (OK, ein gutes Einturnen ist das allemal. Aber Gästeservice ist es nicht unbedingt.) Natürlich wäre in Graubünden eine U-Bahn selbst in Jahren finanziell nicht machbar und ein Bus ebenfalls kaum finanzierbar - aber man fragt sich schon augenreibend, wie die das hier schon vor Jahren durchgezogen haben und wieso z.B. Zermatt (wo der Tagespass mit Italien 86 Franken kostet) das notorische Transportproblem Bahnhof-Talstationen nicht schon längst z.B. mit einer U-Bahn gelöst hat. (Immerhin wurden auf diese Saison hin erste Ansätze wie Zauberteppiche auf den Fusswegen hoch zu den Talstationen verwirklicht. Aber jemand, der mal in einem grösseren Gebiet war, wundert sich nach wie vor, warum er von der Bahnstation Oberalppass zur Talstation des Skiliftes keinerlei Aufstiegshilfen findet.)
Die Pisten? Nun, die sind auch in Andermatt/Sedrun top präpariert, zweifellos. Die Abfahrt nach Milez gehört von der Breite und vom Gelände her zum Allerfeinsten, was ich kenne. Aber man vermisst mehr Varianten entlang der bestehenden Anlagen. Gerade im Val Val als Hauptverbindung Andermatt-Sedrun, das pro SB nur eine Piste aufweist, hätten Serfauser Pistenplaner wohl längst auch noch zwei Diretissima-Steilhänge entlang der Sesselbahnen präparieren lassen; das geht auch ohne neue Anlagen - man müsste es einfach machen und könnte das heute schon. Während hier alleine vom Masner etwa 5 Pisten für alle Fahrstärken runter führen, stehen im Ausbau-Masterplan Andermatt-Sedrun weder neue Pisten noch ein Ersatz der (25 Jahre alten, nicht kuppelbaren) Sesselbahnen drin.
Klar - alles der Reihe nach, es gibt wichtigere Baustellen im Gebiet. Aber wenn Sawiris & Co. schon viel Geld investieren, hätte man hätte zumindest ein Committment abgeben können und sagen "SB Val Val bis 2020 zu ersetzen, dazu neue Pisten". Immerhin ist dies die einzige Verbindungsstrecke Andermatt-Sedrun, und sie weist pro Bahn genau eine Piste auf (auf der Seite Oberalppass-Tiarms gar eine, die Anfängern bisweilen Angst bereitet, da sie spätestens ab dem Mittag ein enger, buckeliger Ackerkessel ist). Der Ausbau im Gebiet Nätschen-Oberalppass wird sicher viel bringen, doch man könnte jetzt schon zwei neue Pisten einweihen, ohne die Freerider zu ärgern - dann hätte Andermatt-Sedrun nicht nur am Gemsstock zwei schön lange, steile Pisten, die die Hauptrouten etwas entlasten würden.
Von der fehlenden und bus-/skischuhspaziergangfreien, schnellen Verbindung vom Nätschen zum Gemsstockgebiet sprechen wir schon gar nicht. Das ist und wird mühsam und langwierig bleiben.
Nun, all dies stört mich persönlich alles nicht immens - ich finde, gerade die Sedruner Bergbahnen machen einen ausgezeichneten Job. Und ich bezahle lieber etwas weniger fürs Ticket als dass ich 100 Bahnen zur Verfügung habe. Aber nach dem Besuch in Mega-Skigebieten wie Serfaus Fiss Ladis wundere ich mich nicht, wenn selbst das Schweizer Skivolk lieber hierher pilgert, wo alles bereits tadellos und günstig existiert, was man sich nur wünschen kann. Darum denke ich, die neu begonnene Liebe fürs Detail in Andermatt-Sedrun dürfte noch einen Tick mehr Fahrt bekommen, siehe oben. (Nur das Handynetz ist ein wunder Punkt in SFL - selbst 3G ist nur an den Knotenpunkten wie Komperdell stabil verfügbar. In weiten Teilen von Sedrun-Andermatt gibt's nebst flächendeckendem UMTS bereits ein LTE-Netz.)
Ach ja: Nach dem Besuch im Tirol ist mir auch endgültig klar, dass ein durchschnittlich anspruchsvoller Gast im Bündner Oberland nicht versteht, warum er für die so nahe beisammen gelegenen Anlagen in Disentis und Sedrun zwei separate Tickets lösen muss und warum keine Verbindungen existieren (abgesehen von längeren Zugfahrten alle 60 Minuten) und auch nicht ernshtaft geplant werden. Aber eben: Alles der Reihe nach.
Fazit: 5 von 5 Sternen für das Serfauser Ski-Hotel-Gastro-Freundlichkeits-Herzlichkeits-Gesamterlebnis in dieser Woche.
Man fühlt sich als Gast in Serfaus extrem willkommen und alles läuft wie am Schnürchen (Skiticket und Karte für geheizten Ski-/Schuh-Spind in Talstationsnähe gleich im Hotel mieten); die Anlagen sind allesamt modern (es gibt genau eine nicht kuppelbare SB, etwa 300m lang), die Wege kurz, die Rahmenprogramme für Alt und Jung bestens. Ich persönlich mag es grundsätzlich schon ruhiger und beschaulicher und mache mich gern über 8KSB mit Sitzheizung lustig, aber wenn man hierher kommt, erwartet man natürlich kein Schlafkaff mit Bügelliften. Meine persönlichen Favoriten waren das Masnergebiet und die Anlagen vom Schönjöchl "hinten runter" (z.B. Almbahn). Der heutige Tag diente vor allem mal dem Kennenlernen "von allem kreuz und quer" - die praktisch nicht vorhandenen Wartezeiten kamen diesem Projekt entgegen.
Für weitere Eindrücke verweise ich wie immer bei meinen Berichten gerne auf meine heutige Galerie auf skiliftftotos.ch - viel Spass! Für jene, die nicht alles angucken mögen, hier ein Mini-BestOf.