Iran
Schnee von gestern
Von Monika Stephan
20. April 2005 Keine laute Musik, keine grölenden Skifahrer, kein Alkohol. Nicht einmal ein kleines Bier, das auf den Tischchen steht. Ein paar junge Leute sitzen nach einem traumhaften Skitag auf breiten Cord-Sofas in der Bar des Hotels und reden. Apres-Ski. Von der Decke hängt eine Lampe, die mal ein Hirschgeweih war, an den Wänden wachsen Glühbirnen aus Gemshörnern.
Was für europäische Verhältnisse langweilig aussieht, ist in Iran fast schon revolutionär. Statt langärmliger Hemden tragen die jungen Männer Polo-Shirts von Ralph Lauren. Die Frauen haben das Kopftuch nurmehr als Schal über die Haare gelegt oder ganz darauf verzichtet. Die nach Ansicht der Mullahs für das männliche Geschlecht so reizvollen Haare der Frauen verschwinden unter Fleece-Mützen. Statt langer Mäntel tragen die Iranerinnen in dieser Saison taillierte Skijacken.
Ein letztes Zeichen anderer Zeiten
Was in den Bergen Irans geduldet wird, ist in Städten noch verboten
Wer in Iran etwas auf sich hält, kommt im Winter in die Skigebiete von Shemshak und Dizin. Rund zwei Autostunden nördlich von Teheran treffen sich die Jungen, Reichen und Schönen der islamischen Republik. Ganz so mondän wie in Garmisch-Partenkirchen, Ischgl oder Adelboden geht es in Shemshak aber nicht zu.
Beim Komfort auf der Piste müssen Abstriche gemacht werden. Statt mit Windschutzhaube und auf einer extrawarmen Sitzauflage geht es im Sessellift auf ein paar ausgeblichenen Holzbrettern den Berg hinauf, vorbei am Metallgerippe zweier Party-Rondelle, wie man sie aus Europa kennt - ein letztes Zeichen anderer Zeiten.
Spaß auf den Pisten
Dafür gibt es aber - sicher! - Schnee bis Mitte April und die Tageskarte für umgerechnet fünf Euro. Wer will, kann sich in Holzbaracken an der Talstation für ein paar Euro die komplette Ski- oder Snowboardausrüstung leihen. Bestes Material: Auch in Iran weiß die Jugend, daß ohne den richtigen Carver Skifahren nur halb soviel Spaß macht.
In den Jahren nach der Revolution galt insbesondere der Wintersport, dem auch der letzte Schah mit großer Begeisterung frönte, als Teufelszeug. In einem Land, in dem es selbst am Flughafen oder in manchem Teehaus nach Geschlechtern getrennte Eingänge gibt, ist verboten, daß nicht verheiratete Pärchen, womöglich noch händchenhaltend, miteinander im Lift fahren. Die Jugend aber - mehr als sechzig Prozent der Iraner sind jünger als fünfundzwanzig Jahre - nimmt sich mehr und mehr ihre Freiheiten und sucht ihren Spaß auf den Pisten.
Schritt für Schritt
Selbst Frauen, die von den Sittenwächtern besonders streng beäugt werden, entdecken den Sport für sich. Die Kopftücher rutschen im Alltag meist weit nach hinten oder werden nur noch leicht angedeutet. Wie bei der Skilehrerin, die am Parkplatz von Shemshak auf Kunden wartet. Eine Kappe trägt sie. Hinten wedelt ein bißchen Stoff über ihre langen Haare; mehr Sonnenschutz als züchtiges Verschleiern.
In den großen Städten richten Mullahs eigene Frauensportzentren mit Schwimmhalle, Volleyball, Badminton oder Tennis ein. "Seit der Revolution wird es Frauen Schritt für Schritt erlaubt, immer mehr Sportarten auszuüben", sagt eine junge Frau aus Teheran. Daß Frauen aber gemeinsam mit Männern Sport machen, sehen die Mullahs nicht gern.
Abseits der Pisten
Auf den Pisten lassen sie sie gewähren. Dort, wo die Gipfel so hoch sind wie in den Alpen, suchen auch Touristen aus dem Ausland inzwischen exotisches Skivergnügen. Im Sommer klettern sie auf die Berge. Weil weder Skigebiete noch Unterkünfte mit europäischem Komfort mithalten können, sind es überwiegend Skibergsteiger, die sich nach Iran wagen. Die weißen Hänge mit ihren Firnspiegeln versprechen abseits der Pisten Skivergnügen der Extraklasse.
Auf den Berg hinauf geht es allerdings nur aus eigener Kraft: mit Skiern an den Füßen in Richtung der Firnhänge, die im Sonnenlicht wie Spiegel blitzen. Ein schwerer Rucksack macht das Gehen ungemütlich. Doch für Maultiere liegt in diesem Jahr auch im Elburs-Gebirge zuviel Schnee. Der dicke Daunenschlafsack und die Isomatte müssen im Rucksack verstaut werden, genauso wie Essen, frische Kleidung und die Lawinenschaufel. Zwei Tage wird die Tour auf die drei Gipfel des Sarakchal dauern, deren höchster 4210 Meter hoch ist.
Bergführer mit staatlichem Diplom
Yoosef und Farhad kennen den Weg und wissen, wo uns Lawinen gefährlich werden könnten. Yoosef, früher Briefmarkenhändler, ist so etwas wie der Koch der Gruppe. Farhad arbeitet als Sportlehrer in Teheran und gehört zu den besten Bergsteigern Irans. Im Himalaja hat er schon Touren unternommen. Auch in Europa war er unterwegs.
Gemeinsam geht es auf die Lajani-Hütte, die auf 3200 Metern hoch über Shemshak liegt. Farhad geht voraus und zeigt den Weg. Arnold, der expeditionserfahrene Bergführer mit staatlichem Diplom, der vor seiner Pensionierung Lehrer war, gibt das Tempo vor. Yoosef quält sich mit den schweren Kochern und einer schlechten Skiausrüstung über die harschig-eisigen Schneeflächen. Er träumt von besseren Skiern. Doch in Iran an Sportgeräte zu kommen ist schwierig.
Die ersten Schwünge in Iran
Schritt für Schritt geht es einen Bergrücken hinauf, immer weiter weg von den fast leeren Pisten. Zwei Stunden oberhalb von Shemshak zeigt sich das eigentliche Ziel aller Bergsportler, die nach Iran reisen: der gut hundert Kilometer entfernte, 5671 Meter hohe, perfekt geformte Vulkankegel des Damavand. Auf einer Felsrippe gegenüber steht die Lajani-Hütte.
Einige hundert Meter wird abgefahren. Die ersten Schwünge in Iran. Doch von Firn, von dem in so vielen Berichten geschwärmt wurde, keine Spur. Damit müssen wir uns in den nächsten Tagen abfinden. Doch eine Gewähr für das richtige Wetter und guten Schnee gibt es auch in den Alpen nicht.
Kaum mehr als eine schlechte Biwakschachtel
Es hätte einmal mehr die Schweiz sein können, oder Südtirol, oder einfach wieder die Münchner Hausberge. Doch diesmal sollte es ein anderer Skiausflug werden. Anders auch deshalb, weil es in Iran nicht diese Art von Berghütten gibt wie in den Alpen: Die Lajani-Hütte ist kaum mehr als eine schlechte Biwakschachtel.
Statt eines kuscheligen Bettenlagers erwartet ihren Besucher ein Betonboden, von dem erst noch der Schnee geschippt werden muß. In der Nacht pfeift der Sturm durch die Mauerritzen und trägt Schneekristalle herein, die im Licht der Taschenlampen glitzern.
Mit Gummistiefeln, Jogginghosen und T-Shirts
Am nächsten Tag geht es dann weiter hinauf zu den Gipfeln des Sarakchal. Bevor die mehr als 1600 Meter lange Abfahrt nach Shemshak ansteht. Im Tal warten Hermann Maier und Alberto Tomba. So stellen sich Ali und Muhammed, zwei Brüder aus Shemshak, vor. Die beiden Jungen freuen sich über die Skifahrer, die die ungewöhnliche Abfahrt abseits der Piste gewagt haben.
Mit Gummistiefeln, Jogginghosen und in T-Shirts waten sie über den schlammigen Weg. Daß die Jungen Ski fahren, kann sich die Familie nicht leisten. Seit der Revolution 1979 sind die sozialen Verhältnisse nicht besser geworden. Das beklagt auch ein junger Mann aus Münster, den wir hier treffen. Nach zwanzig Jahren hat sich der Iraner wieder in seine Heimat gewagt: "Ich bin enttäuscht von den krassen Gegensätzen zwischen Arm und Reich. Früher gab es wenigstens eine breite Mittelschicht."
Geheim, weil streng verboten
Soziale Fragen interessieren in Shemshak aber nicht. Dort wollen die Iraner ihre Freiheit genießen - wenigstens bis 16 Uhr. Dann schließen die Lifte. Statt in Träger auf dem Dach werden die Skier meist kurzerhand ins Seitenfenster geklemmt.
Die Schönen und Reichen treten in ihren Kias und Peugeots den Heimweg nach Teheran an. Vielleicht gibt es dort ja eine Apres-Ski-Party. Einige hundert junge Iraner feiern dann das Leben. Irgendwo, geheim, weil streng verboten. Mit lauter Pop-Musik, Alkohol und Drogen. Nur die Sittenwächter dürfen das nicht wissen.
Skifahren und Bergsteigen in Iran
Aktiv Sport und Kultur verbindet zum Beispiel der DAV Summit Club, die Bergsteigerschule des Deutschen Alpenvereins, in seinen Iran-Angeboten. Im Winter und im Sommer führen staatlich geprüfte Bergführer aus Deutschland kleine Gruppen mit maximal 15 Teilnehmern auf Gipfel des Elburs-Gebirges. Der sportliche Höhepunkt jeder Reise: Der 5671 Meter hohe Gipfel des Damavand.
Termine In die Bergwelt des Elburs geht es in diesem Jahr vom 27. Mai bis 11. Juni und 23. September bis 8. Oktober. Der Preis: 2490 Euro. Skitouren werden wieder im nächsten Jahr angeboten. Mit Skiern an den Füßen geht es vom 4. bis 17. März 2006 auf Gipfel in die Skigebiete von Shemshak und Dizin und zum Damavand (1990 Euro). Zusätzlich kann für 390 Euro ein Anschlußprogramm gebucht werden, das nach Persepolis, Shiraz und Isfahan führt. Dieses Kulturprogramm ist bei einer Sommertour automatisch enthalten.
Informationen DAV Summit Club, Tel. 089/642400, im Netz unter www.dav-summit-club.
Literatur Lust auf eine Reise nach Iran machen Hartmut Niemann und Ludwig Paul in ihrem mehr als 600 Seiten starken Reisehandbuch aus der Reihe Reise-Know-How. Erst kürzlich erschienen, bietet der Band aktuelle Informationen und einen guten Einblick in das Leben der Iraner (450 Seiten, 25 Euro).
Schnee von gestern - Skifahren im Iran
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Jay
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Schnee von gestern - Skifahren im Iran
Ein sehr interessanter Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung:
- michamab
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Toller Artikel, exotische Plätze zum Skifahren reizen mich irgendwie, man sollte auch mal über den Tellerrand hinaus schauen. Zumal die Berge im Iran nicht weniger spektakulär als in den Alpen sind. Hatte letztens auch im Rateforum nach der Gondelbahn auf den Tochal gefragt (http://www.alpinforum.com/forum/viewtopic.php?t=10230), der Hausberg Tehrans, geht dort fast bis 4000m.
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Hier mal die Pistenpläne der beiden größten Skigebiete im Land:
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Quelle: http://www.skifed.ir/
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Toller Artikel. Würde mich auch mal reizen, dort hin zu fahren.
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