Das Transitproblem
Ein Referat von Dr. Hanspeter Habersaat vom BAAA (Bundesamt für ausichtslose Aufgaben)
Geschätzte Damen und Herren
Ich ergreife gerne die Gelegenheit, zu einer Frage Stellung zu nehmen, die vor allem unseren Innerschweizer Mitbürgern zunehmend Sorge bereitet, und ich kann Ihnen versichern, wir vom Bundesamt für ausichtslose Aufgaben, wir verstehen diese Sorge.
Zurzeit (1992, Anmerkung GuyD) fahren an jedem Werktag über 2000 schwere Lastwagen die Gotthardautobahn, und man nimmt an, dass sich dieses Volumen bis zum Ende unseres Jahrzehnts, also noch vor der Eröffnung des neuen Eisenbahntunnels, noch einmal verdoppeln wird.
Eine Frage, die wir uns wohl alle stellen, lautet: Was sind denn das für Transporte? Was ist überhaupt der Inhalt dieser täglichen Lastwagenkonvois?
Ich glaube, da steigen wir am besten mit einem Beispiel ein, und zwar mit diesem da. Dies ist, es ist unschwer zu erkennen, eine Kartoffel, und zwar eine deutsche Kartoffel, noch genauer gesagt, eine südbadische Kartoffel aus einem der gewaltigen Äcker zwischen Herbolzheim und Bad Krozingen. Ich zeige sie hier bewusst im Zustand, in dem sie ihren Acker verlässt.
Bevor sie aber in zeitgemässer Form zum Konsumenten kommt, hier in dieser Plastiktasche, muss sie erst einmal gewaschen werden, und hier beginnen die Probleme. Bei dieser Frage nämlich: Wer wäscht diese Kartoffel und zu welchem Preis? Es stellt sich bald einmal heraus, dass sowohl die manuelle wie auch die maschinelle Waschung zu einem Preis führen würde, der dieses gerade für unsere deutschen Nachbarn so wichtige Grundnahrungsmittel in einem unzumutbaren Masse verteuern würde.
Nun existieren aber wenige Autobahnstunden von den Herbolzheimer Äckern entfernt, nämlich in der Lombardei, bedeutende Kartoffelwaschfabriken, die Lombardei ist seit je her eine traditionelle Kartoffelwaschregion. Das schlägt sich bis ins Brauchtum nieder, Sie kennen bestimmt das bekannte Lied „Mamma mia, mi lavi la patata“, und die lombardischen Kartoffelwäscherinnen – es ist seit Menschengedenken ein Frauenberuf – sind bedeutend anspruchsloser in ihren Lohnforderungen, und das hat zur Folge, dass der südbadische Kartoffelproduzent seine Ernte direkt in den Ferntransportlastwagen verlädt, welcher damit in die Lombardei fährt.
Ist die Kartoffel dann nach 14 Tagen gereinigt, desinfiziert und meist auch verpackt, fährt sie wieder mit dem Lastwagen durch den Gotthard zurück direkt auf den Tisch des deutschen Verbrauchers, wo sie zu einem angemessenen Preis dem Verzehr zugeführt wird.
Und dafür, meine Damen und Herren, brauchen wir den Schwerverzehr durch – eh, den Schwerverkehr durch unser Land, denn die Frage, ob es nicht einfacher wäre, lombardische Kartoffelwäscherinnen nach Südbaden zu verpflanzen ist rasch beantwortet.
Schauen Sie sich diese Kartoffel einmal an, meine Damen und Herren, sie braucht keine Mietwohnung, keine Sozialleistungen, keine Altersvorsorge, keinen bezahlten Mutterschaftsurlaub, die kleinen Kartoffeln, welche ihren Keimen entspriessen, brauchen keine Kindergärten und Einschulungsklassen für fremdschalige Kartoffeln, und wenn sie der Scholle entrissen werden, führt das nicht zu Entwurzelungssymptonen und steigender Kartoffelkriminalität. Alles was diese Kartoffel braucht, ist ein winziger Platz in einem 40-Tonnen-Lastwagen nach Italien und ein ebenso winziger Platz in einem Lastwagen zurück nach Deutschland, und diese familiembudgetfreundliche, lombardisch gewaschene südbadische Kartoffel dürfen und wollen wir Schweizer auf die Dauer nicht blockieren.
Das sind die Gesetze, die uns die moderne Marktwirtschaft nun einmal diktiert, und danach hat sich auch der innerschweizerische Nadelwald zu richten, und die Urnerinnen und Urner entlang der Autobahn möchten wir bitten, im Interesse des europäischen Wirtschaftraumes etwas weniger tief durchzuatmen. Denn was sich nach der Silvesternacht 1992 in diesem Wirtschaftsraum abspielen wird, ist eine grandiose Befreiung des Binnenmarktes von allen nationalistischen, partikularistischen und protektionistischen Schranken.
Ich kann Ihnen nur sagen, dass die holländischen Holzwolletomaten ungeduldig auf den Fall der italienischen Tomatenimportkontingentierung warten, um die sizianischen Pelatifabriken heimzusuchen und frisch geschält wieder über den Gotthard nach Holland zurückzukehren, die spanischen Ochsenschwanzproduzenten stehen schon vor den Stierkampfarenen in den Startlöchern, um ganze Sattelschlepper voll Ochsenschwänze quer durch die Schweiz ins Allgäu zu transportieren, wo Zisternenwagen voller Allgäuer Kondensmilch auf das grüne Licht durch die Schweiz nach Spanien warten.
Importbananen aus Westafrika werden sich aus dem Rotterdamer Importhafen nach Süden lenken, Omportbananen aus Brasilien werden sich aus dem Genueser Hafen nach Norden lenken und sich in der Gurtneller (Ort an der Gotthardautobahn, Anmerkung GuyD) Gallerie unter dem Muhen der genkorrigierten Normkühen zuwinken, der Konsument wird sich einer nie gesehenen Nahrungsmittelfülle gegenübersehen, rollende Früchtekörbe werden unterwegs sein, ein permanentes Binnenfestmahl wird auf unseren Transitachsen zubereitet, ein einziger Brüsseler Salat, Ströme von Chianti werden sich aus Italien nach Deutschland ergiessen und Ströme von Weizenbier aus Deutschland nach Italien, und an uns liegt es, meine Damen und Herren, diese Ströme willkommen zu heissen und ihnen, das ist das wichtigste, Kanäle zu schaffen, durch welche sie fliessen können, damit wir nicht in ihnen ertrinken, sondern damit wir zu unser aller Wohl in ihnen mitschwimmwen können, denn eine ander Wahl haben wir überhaupt nicht!
Ich danke Ihnen.
Hinter Hanspeter Habersaat verbirgt sich übrigens der bekannte Schweizer Satiriker, Kaberettist und Autor Franz Hohler.