Rüganer schrieb:
Generell sind deine Ausführungen ja durchaus interessant, und wir sind ja im Utopie-Topic.
Utopisch niedrig sind ja auch die Fahrgastzahlen im verlinkten Video
https://youtu.be/tdXmB_EA2Qo?t=1h2m10s
die Bahnhöfe am Arlberg komplett leer

, da ist ja bei uns in der Provinz mehr los.
Das Video wurde offenbar am 12.11.2014 oder 13.11.2014 gedreht, da der Filmer das Video am 13.11.2014 hochgeladen hat und im Video erzählt, dass bei ihm zu Hause in Wien der Wiener Weihnachtsmarkt nächste Woche beginnt. Schauen wir in den Fahrplan, dann sehen wir, dass der RJ 360, in welchem das Video aufgezeichnet worden ist, in St. Anton am Arlberg um 8.50 Uhr ankommt und um 8.52 Uhr abfährt:
http://www.oebb.at/de/Reiseplanung/Fahrplanauskunft/Fahrplanbilder/Detail_400/kif400_16.pdf
Halten wir fest:
Der 12.11.2014 war ein Mittwoch bzw. der 13.11.2014 war ein Donnerstag. Es sind somit keine Wochenendtagesausflügler zu sehen. Für die Berufstätigen ist die Abfahrt in St. Anton um 8.52 Uhr viel zu spät. Dasselbe gilt für die Schüler, die um diese Uhrzeit schon in der Schule sind. Wie man am Video unschwer erkennen kann, lag am 13.11.2014 weit und breit kein Schnee, sodass logischerweise auch keine Skifahrer zu sehen sind. Auch ist die Wandersaison am 13.11.2014 schon zu Ende. Am 13.11.2014 dürften zudem die Seilbahnen in der Revision gewesen sein. St. Anton hat zudem auch keine Industrie und keine Businesszentren, die für eine verkehrliche Grundlast sorgen. Kein Wunder, dass da auf dem Video auf dem Bahnsteig nichts los ist.
Bezüglich dieses Zeitpunktes ist klar, dass die meisten Fahrgäste im Zug von Innsbruck oder Landeck weiterfahren bis nach Bludenz, Feldkirch oder auch Zürich HB. Aber weil der Fahrplan selbstverständlich auch dann gilt, wenn keiner einsteigen will, hält der Zug dann logischerweise trotzdem in St. Anton.
kaldini schrieb:
St. Anton liegt an einer Fernverkehrsstrecke, das Zillertal ist maximal eine Tourismusstrecke - warum soll man da so viel Geld investieren?
Ganz einfach. Wenn du das Zillertal zwischen Mayrhofen und Hintertux autofrei machst, dann hast du das Fahrgastaufkommen, damit sich eine Eisenbahn volkswirtschaftlich rechnet. Zwischen Täsch und Zermatt läuft das ja auch sehr gut. Von der Struktur her unterscheidet sich St. Anton auch nicht sehr vom touristischen Zillertal zwischen Mayrhofen und Hintertux. St. Anton hat keine Industrie, keine Businesszentren und von der Einwohnerzahl her dürften Finkenberg und Hintertux wahrscheinlich zusammen genauso groß sein, wie St. Anton.
kaldini schrieb:
Der Sportbus fährt von Mayrhofen bis Hintertux 35 Minuten (im Winter). Und der normale Bus muss fahren, da wir es hier mit dreidimensionaler Fläche zu tun haben (im Flachen sind 5 bis 10 Minuten zu Fuss eine akzeptable Zeit bis zur nächsten Haltestelle, wenns rauf und runter geht eher kürzer) - es gibt viele kleine Weiler, die auch einen Anschluss an den ÖPNV brauchen (und nicht nur eine Eisenbahnstation 5km/200hm weit weg). Deshalb ist der Bus in diesem doch eher abgelegenen Tal ideal.
Selbstverständlich sollte die Eisenbahn nicht anstelle des normalen Busses fahren, sondern zusätzlich. Zwischen Wörgl und Kufstein fährt der Bus natürlich auch zusätzlich zur Eisenbahn, da er eine ganz andere Verkehrsfunktion hat. Als ich einmal von der Wildschönau kam und nach München wollte, habe ich mir mal den Gag erlaubt, in Wörgl in den Bus nach Kufstein einzusteigen anstatt in den Eurocity nach München. Normalerweise fährt man von Wörgl in 1:15 Stunden mit dem Eurocity nach München Hbf. Ich hatte aber Zeit und hatte Spass daran, ausnahmsweise einmal mit dem Bus die ganzen Käffer im Inntal wie Langkampfen und Schaftenau abzuklappern. Ungefähr eine 3/4 Stunde hat das gedauert, ehe ich von Wörgl nach Kufstein kam. Klar, mit dem Zug wäre ich in 9 Minuten in Kufstein gewesen. Wer diese Fahrt mal gemacht hat, weiß, warum sich Zug und Bus ergänzen.
Führe die Bahn von Mayrhofen nach Hintertux, dann würde logischerweise lediglich der Schnellbus wegfallen und wenn man es geschickt macht, dann ist zwischen Mayrhofen und Hintertux alles autofrei. Nur noch Anwohner mit Sondergenehmigung kämen dann rein. Wenn die Eisenbahn alle 15 Minuten fährt, dann kann sie leicht das gesamte Verkehrsaufkommen von der Straße übernehmen. Der Bahnhof Hintertuxer Gletscherbahn nähme bei weitem weniger Fläche in Anspruch als der Riesenparkplatz. Mit der Autofreiheit im hinteren Zillertal wäre auch das Problem auf der 169 im vorderen Zillertal gelöst, denn wenn die Leute schon vorher wissen, dass spätestens in Mayrhofen Schluss ist mit der Autofahrerei, dann setzen die sich doch gleich schon in Jenbach in den Zug, wenn günstige Pauschalpreise für die Fahrkarten angeboten werden. Da zudem beim Eisenbahnbetrieb 70% Fixkosten sind, muss die Devise heißen, möglichst viele Autofahrer mit Zuckerbrot und Peitsche zum Umsteigen auf die Bahn zu bewegen.
Zuckerbot = attraktive Bahntarife, lange Betriebszeiten, günstige Taktzeiten, saubere Züge, attraktives Erscheinungsbild der Bahnhöfe, freundliches Zugpersonal.
Peitsche = hohe Parkgebühren, Zugangsbeschränkungen, Straßensperrungen, hohe Benzinpreise.
Im Fachjargon der Verkehrsplaner sagt man dazu Push and Pull.
Push = Zusammendrücken des Marktanteils des motorisierten Individualverkehrs (MIV) durch Restriktionen gegen das Auto
Pull = Auseinanderziehen, also Erhöhen des Marktanteils des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) durch Verbesserung bei der Bahn und beim Linienbus
Aber wie ich schon sagte: Das dauert alles noch seine Zeit, ehe sich diese Erkenntnisse in der Politik durchsetzen. Peu a peu will jetzt auch die ÖVP immer mehr Geld in die Eisenbahn investieren.
Zwar wird die Zillertalbahn noch nicht in den nächsten 10 Jahren bis nach Hintertux fahren, aber für die nächsten 20 Jahre bin ich mir da nicht so sicher. In diversen Eisenbahnforen wurde schon vorgeschlagen noch eine Schippe drauf zu legen und die Zillertalbahn auf Normalspur (1435 mm) umzubauen.
