Schusseligkite schrieb:
Ich versuche gerade, meine Vorbehalte abzubauen. Meine basieren aber auch nur auf so einem diffusen Gefühl von „uhhh, Überwachung“.
Verständlich, denn es wird kommerziell auch jede Menge getrackt, ohne zuvor dein informiertes Einverständnis einzuholen (wer mag schon die Schwurbel-Erklärungen durcharbeiten, zumal sie in entscheidenden Punkten oft Desinformation enthalten).
Schusseligkite schrieb:
Aber rein rational ist das wohl Unfug, solange ich nicht mal eine Idee habe wer mich warum bei was überwachen sollte.
Tatsächlich sehe ich die größere Gefahr der gigantischen Sammlungen persönlicher Daten darin, dass sie genutzt werden, um uns zunehmend zielgerichteter zu manipulieren. Das meiste Geld verdient in dem Spiel, wer unsere Aufmerksamkeit so kanalisiert, dass er am besten an geschalteter Werbung verdienen kann. Was wir sehen, entscheiden wir nur in engen Grenzen. Algorithmen sortieren Suchergebnisse und News-Feeds. Sie tun dies letztlich nur scheinbar "für uns", immer jedoch im Interesse der jeweiligen Plattform-Betreiber. Solange sie das subtil genug tun, denken wir, wir hätten noch die Kontrolle...
Schusseligkite schrieb:
Dazu kommt: Ich nutze einen Fitness-Tracker, facebook, zahle so gut wie immer mit Karte und kaufe viel online.
Schlimmer kann es mit so einer App doch auch nicht werden, oder?
Mit so einer App nicht, da müsstest du dir schon etwas Bösartiges installieren, das dann z.B. Mikrofon und Videokamera übernimmt. Denn praktisch hast du dich jetzt schon ziemlich ausgeliefert. Problematisch sind kommerzielle Tracking-Mechanismen vor allem, weil sie immer mehr persönliche Daten von dir miteinander verbinden. Auch ohne explizite Angabe von Namen, etc. genügt oft eine erstaunlich geringe Menge von scheinbar harmlosen Einzeldaten, um dann doch eine einzelne Person identifizieren zu können. Das eigentliche Ziel ist aber deine Manipulation, um dich zunächst zum Werbekonsum und letztlich zum Kauf zu verleiten.
Mal zum Vergleich: Ich habe nach langer Android-Nutzung auf iPhones gewechselt, obwohl ich Apples Luxus-Politik nicht mag, weil iOS eine wesentlich bessere Kontrolle der Privatsphäre ermöglicht. Facebook nutze ich auschließlich zum Einsehen von Veranstaltungs-Ankündigungen in einem anonymen Browser-Fenster, weshalb FB von mir kaum etwas weiß (ist manchmal lustig, wenn sie verzweifelt versuchen, Anzeigen gezielter zu platzieren). Gadgets (wie Fitnesstracker), die mit China telefonieren, kommen für mich nicht in Frage. Mein Internetzugang (im Fest- und Mobilnetz) läuft über professionelle Zugangssysteme, die nicht nur einen zuverlässigen Angriffsschutz bieten, sondern auch das meiste Tracking unterbinden. Natürlich bleibt ein Rest, ohne den die Nutzung vieler Angebote schlicht unmöglich oder zumindest extrem umständlich wäre.
3303 schrieb:
Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) plädiert für eine Verpflichtung, die derzeit freiwillige „Stopp Corona“-App des Roten Kreuzes zu nutzen. „Wenn evident ist, dass wir die Menschen schützen können und jeder Kontakt festhalten wird, dann sage ich dazu Ja“, sagte er laut Vorausmeldung im Nachrichtenmagazin „profil“.
Hab' ich mir kurz angesehen. Die "Stopp Corona" App scheint datenschutzseitig grottig konzipiert (zentrale Datensammlung in unbekanntem Umfang) und erfordert blindes Vertrauen in die Betreiber und in deren Kompetenz, die Daten auch zuverlässig zu schützen:
4.1 Betrieb und Wartung der Stopp Corona App (einschl. Backend)
Die Entwicklung, den Betrieb und die Wartung der Software haben wir an einen
zuverlässigen Partner ausgelagert: Accenture GmbH, Börsegebäude, Schottenring 16, 1010
Wien.
Accenture besorgt unter Heranziehung weiterer, einzeln genehmigter Dienstleister das
Hosting und den technischen Betrieb der App und des Servers (“Backend”) sowie die
Wartung im Störungsfall und die technische Datensicherheit.
4.2 Hosting der Dienste: Microsoft Azure Cloud
Microsoft Österreich GmbH, Am Euro Platz 3/Eingang B, A-1120 Wien
[...]
Die Server-Infrastruktur der "Stopp Corona" App wäre ein ideales Angriffsziel. Ich wäre nicht überrascht, wenn wir hier demnächst ein Datenleck erster Güte erleben. Wie wäre eine Liste der Handynummern aller Infizierten?
Übrigens nur so als Tipp: Praktikabler Schutz der eigenen Privatsphäre geht nicht allein über Technik und Prozesse. Ein gewisses Grundvertrauen ist bereits erforderlich, um überhaupt ein Smartphone einzuschalten. Gute Überlegungen sind aus meiner Sicht immer: Wer bringt was in Umlauf? Wie verdienen die ihr Geld? Inwieweit stimmen ihre Interessen mit meinen überein?