Zunächst: Ich würde sehr gerne mehr Details über dieses Rechenmodell kennen, leider finde ich aber nichts. Wenn du was hast, gerne!
Bisher habe ich somit nur wahrgenommen, dass die Kipppunkte eine entscheidende Rolle spielen sollen. Werden die überschritten, funktioniert die Nachverfolgung nicht mehr und es kommt zu einem exponentiellen Wachstum. Werden sie unterschritten, funktioniert die Nachverfolgung wieder und es gibt eine exponentielle Abnahme.
Diesbezüglich habe ich schon einmal folgendes geschrieben:
Aber selbst dann [wenn die Zahlen niedriger sind] bin ich skeptisch, dass die Kontaktverfolgung wirklich konsequent und verlässlich funktionieren würde. Warum? Es wird immer so dargestellt, als würde der Aufwand bei der Kontaktverfolgung nur durch die Neuinfektionszahlen bestimmt. Was fast nie erwähnt wird, ist, dass die Zahl der Kontakte natürlich auch einen bedeutenden Einfluss hat. Beispiel: aktuell darf ich mich nur mit einer Person außerhalb des Haushalts treffen, also muss auch nur dieser eine Kontakt nachverfolgt werden. Darf ich mich [bei niedrigeren Inzidenzen] aber bspw. mit 10 Personen außerhalb des Haushalts treffen, müssen schon gleich viel mehr Kontakte nachverfolgt werden, plus die nächste Stufe der Kontaktpersonen, das wären dann schon 100. Arbeit, Familie, usw. jetzt mal ungeachtet.
Wenn diese Annahme falsch ist, kannst du mir gerne jetzt widersprechen. In meinen Augen ist sie nur logisch und von enormer Bedeutung, wird in dieser Studie und den Berechnungen aber offenbar weitgehend außen vor gelassen. Damit geht für mich eigentlich schon jede Validität verloren. Und ja, natürlich traue ich mir diese Kritik zu, das mag aus deiner Perspektive "unglaublich selbsbewusst" sein, aber wenn man etwas nachdenkt, kommt da eigentlich jeder drauf.
Und es kommen ja noch weitere erhebliche Unsicherheiten hinzu, die man aber irgendwie in das Modell integrieren muss. Wie hoch ist die Dunkelziffer? Wie hoch ist die Immunität in der Bevölkerung?
Jetzt hat Frau Priesemann vorgeschlagen, mehr zu Testen um die Dunkelziffer zu senken und mehr Fälle tatsächlich zu erkennen. Genau richtig, bin ich sofort mit dabei, birgt mit dem Festhalten an Inzidenzen nur ein Problem: je mehr ich teste, desto mehr Fälle finde ich, und desto länger dauert es dann eben auch auf eine Inzidenz von 10 zu kommen, bzw. desto schneller überschreite ich sie wieder. Dabei ist es für die Nachverfolgung unbestritten besser, 90% der Fälle zu erkennen und eine Inzidenz von 15 zu haben, als nur eine Inzidenz von 10 zu haben und damit nur 50% der Fälle zu erkennen.
Schlussendlich sind für mich die Unsicherheiten einfach zu groß, als dass ich den aufgestellten Rechenmodellen ohne weiteres vertrauen könnte. Du hast es doch letztens mal mit Wettervorhersagen verglichen? Ja, ein guter Vergleich! Bis zum 10.02. werden Niederschlag und Temperatur für Innsbruck von den 30 Rechenmodellen ähnlich vorhergesagt, danach gehen sie komplett auseinander:
https://www.wetterzentrale.de/de/en...n=6&date=2021-02-03&model=gfs&member=ENS&bw=1
Und genau so ist es mit der Berechnung der Inzidenz auch. Kurzzeitig lässt es sich gut vorhersagen, aber irgendwann wird der Einfluss der Unsicherheiten einfach zu groß. Ich frage mich ja, wieso Frau Brinkmann im Spiegel-Artikel nur von einer "überschaubaren Zeit" spricht, in der eine Inzidenz von 10 erreichbar ist und keine konkrete Angabe macht? Einzelne Modellläufe liefern immer eindeutige Ergebnisse, wieso nennt sie sie also nicht klar und deutlich? Das ist für mich höchst unglaubwürdig, denn ohne diese Zahl zu kennen, sind alle Überlegungen hinsichtlich einer weiteren Strategie obsolet.