SCHMIDTS PAUSE
Rennen um die Nachfolge ist eröffnet
Nach dem überraschendem Aus für die "Harald Schmidt Show" sucht der Privatsender Sat.1 nach einem Ersatz für das pausierende Markenzeichen. Der frei gewordene Sendeplatz soll schnell mit einem neuen Late-Night-Format besetzt werden. Die Konkurrenzsender halten sich bedeckt - ebenso wie Schmidt selbst.
Hamburg - Sat.1 steht unter Zugzwang. Der durch den Wegfall der täglichen Schmidt-Show frei gewordene Sendeplatz am späten Abend soll schleunigst mit einer neuen Late-Night-Show gefüllt werden, teilte der Sender am Dienstag mit. An diesem Mittwoch wird das Thema Harald Schmidt auch bei der Aufsichtsratssitzung der ProSiebenSat.1 Media AG erörtert werden, vermuten Beobachter. Einige Aufsichtsratsmitglieder seien irritiert, hieß es in Presseberichten.
Offenbar war vor allem schlechtes Timing dafür verantwortlich, dass Sat.1 im kommenden Jahr auf den Publikumsliebling Harald Schmidt verzichten muss. ProSiebenSat.1-Chef Urs Rohner, der mit dem Entertainer über den Fortbestand der Show verhandelt hatte, feuerte den mit Schmidt befreundeten Sat.1-Programmdirektor Martin Hoffmann, bevor der Vertrag für ein weiteres Jahr "Harald Schmidt Show" unter Dach und Fach war.
Bonito TV in Gefahr?
Doch über die Gründe für die überraschende Ankündigung Schmidts, seine vor allem bei Feuilletonisten beliebte Show auf Eis zu legen, gibt es auch einen Tag danach nichts Erhellendes. Von Harald Schmidts Firma Bonito TV war auch am Dienstag keine Stellungnahme zu erlangen. "Keinen Kommentar zur Situation", sagte seine Managerin Sigrid Korbmacher. Sie wies jedoch darauf hin, dass die Firma Bonito TV mit ihren rund 100 Mitarbeitern bestehen bleibe, weil allein schon das Sat.1-Format "Was guckst Du?" mit Kaya Yanar weiter produziert werde. Trotzdem ist die Zukunft der Firma nicht gesichert, denn für das kleine Comedy-Format werden nur wenige Mitarbeiter gebraucht, an der täglichen Schmidt-Show arbeiteten mit 90 Leuten der Großteil der Belegschaft.
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Auf dem Bonito-Gelände reagierten Mitarbeiter am Dienstag überrascht auf die Entwicklung. Ein Beleuchter meinte: "Dass es zu Ende geht, wusste hier bis gestern niemand. Das ist eine ganz neue Sache." Thomas Schmidt, stellvertretender Geschäftsführer und Producer der "Harald Schmidt Show", sagte zu dem Aus: "Wie - aus? Ist doch Pause, oder?."
Sat.1 widersprach der Mutmaßung, Schmidt sei dem neuen Hauptgesellschafter der ProSiebenSat.1 Media AG, Haim Saban, zu teuer geworden. "Es war definitiv keine Geldfrage", sagte die Sprecherin des Senderverbunds, Katja Pichler. Der Konzern habe nicht versucht, bei Schmidt die Kosten zu drücken. Es habe auch nichts mit der Änderung in der Geschäftsführung zu tun, versicherte Pichler.
Auch Schmidt selbst hält sich ausdauernd bedeckt. Noch nicht einmal in seiner Show am Montagabend, die 1,31 Millionen Zuschauer sahen, verlor er ein Wort in eigener Sache. Selbst von seinem Gast, dem ZDF-"heutejournal"-Anchorman Claus Kleber, ließ sich der Entertainer nicht aus der Reserve locken. Möglich ist, dass sich Schmidt am Sonntagabend bei Günther Jauchs Jahresrückblick "2003! Menschen, Bilder, Emotionen" zu seinem Rückzug äußert. Eingeladen ist Schmidt zur Liveshow, zugesagt hat er indes noch nicht.
Koschwitz könnte kommen
Bei Sat.1 wird derweil eifrig für die Zeit nach Schmidt geplant. Die Entscheidung für eine neue Late-Night-Show sei am späten Montagabend beim Sender gefallen, hieß es bei Sat.1. "Wenn eine in der Fernsehlandschaft einzigartige Sendung über acht Jahre auf einem stabilen Sendeplatz läuft, entstehen bei der Zuschauergruppe ritualisierte Sehgewohnheiten", sagte der neue Geschäftsführer Roger Schawinski am Dienstag. "Genau hieran wollen wir mit unserer neuen Show anknüpfen." Über einen Starttermin machte er noch keine Angaben.
Die neue Sendung soll laut Schawinski wochentags um 23.15 Uhr "originell und witzig das reflektieren, was die Menschen am Tag bewegt hat". Der "Bild"-Zeitung hatte Schawinski gesagt, das neue Format solle "aktueller sein - die wichtigste Person des Tages soll Thema sein oder sogar live in der Show sitzen". Zur Moderatorenfrage machte er keine Angaben. "Ab heute ist das Rennen eröffnet", verkündete der erst am vergangenen Freitag als Geschäftsführer installierte Schweizer. Thomas Koschwitz könnte ein Kandidat sein. Ihn hat Sat.1 ab 2004 eigentlich fürs Frühstücks-TV verpflichtet. Koschwitz moderierte bereits bei RTL eine Nachtshow.
Nach Angaben des Senders wird das Ende der Schmidt-Show keine weiteren Erosionserscheinungen nach sich ziehen: Andere Stars und Moderatoren stünden zum Sender. Allerdings ist in der Branche bekannt, dass auch der Vertrag von Publikumsliebling Kai Pflaume mit der Produktionsfirma Endemol im Juni 2004 ausläuft und zur Verhandlung ansteht. Pflaume moderiert für Sat.1 unter anderem das Castingformat "Star Search", das im kommenden Jahr fortgesetzt werden soll, und den Klassiker "Nur die Liebe zählt".
Die Konkurrenz ist wachsam
Andere Sender äußerten sich am Dienstag äußerst vorsichtig, was ihr Interesse an Schmidt anbelangt. "Wir interessieren uns nicht nur für Harald Schmidt, wenn er nicht zu haben ist", sagte der ARD-Vorsitzende Jobst Plog. Programmdirektor Günter Struve wurde konkreter: "Harald Schmidt ist ein hervorragender Protagonist, aber momentan führen wir keine Gespräche mit ihm." Beim ZDF gibt man sich jovial: "Wenn er Interesse am ZDF hätte, würden wir gerne seine Kreativpause nutzen, um intensive Gespräche mit ihm zu führen", sagte der Sprecher des Mainzer Senders, Alexander Stock. Distanzierter klang die Stellungnahme von RTL: "Diese Frage stellt sich nicht", hieß es lapidar bei dem Kölner Privatsender.
Die Aussicht, dass Schmidt in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zurückkehren könnte, beflügelte am Dienstag auch Politiker. Die Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein, Heide Simonis (SPD), legte ARD und ZDF in der "taz" nahe, dem Entertainer ein Angebot zu machen. Sollte Schmidt jedoch seine angekündigte "Kreativpause" tatsächlich brauchen", so Simonis, dann "sei sie ihm von Herzen gegönnt".
Der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Wolfgang Bosbach, mutmaßt, dass Schmidt keine "Mühe haben wird, einen neuen Sendplatz zu finden". Der CDU-Politiker appellierte an den Late-Night-Talker: "Harald, komm bald wieder!"
Das hoffen auch die Fernsehzuschauer. Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag von "TV Today" rechnet ein knappes Drittel (31 Prozent) der repräsentativ Befragten mit einer baldigen Wiederkehr Schmidts bei einem anderen Sender. Knapp jeder Vierte (23 Prozent) glaube an ein taktisches Manöver des Entertainers. Er werde schon in wenigen Wochen wieder auf Sat.1 zu sehen sein, so die Vermutung. Die meisten (36 Prozent) glauben indes, Schmidt werde aller Wahrscheinlichkeit bei RTL wieder auftauchen.
Quelle:
www.spiegel.de