wmenn schrieb:
Moment, die 6.65-Standardabweichungen kommen aus der Grafik von Prof. Jacobsen und zeigen das antarktische Meereis.
"Neusser Gletscher" bezog sich auf die Messung der globalen Oberflächentemperatur und die verlinkte Grafik vom "climatereanalyzer" der University of Maine.
OK, da hast du recht, ich dachte, er bezieht sich auf das Meereis. Das habe ich übersehen.
Allerdings ändert das selbstverständlich nichts an der grundlegenden Problematik.
wmenn schrieb:
(...)
Wie in den Kommentaren zu dem Tweet richtigerweise bemängelt wird, gelten die "1 zu 70 Milliarden" genau genommen nur für den Fall einer Normalverteilung. Aus der Grafik kann man das natürlich nicht genau erkennen, man sieht aber klar eine Häufung zwischen +- 1-Sigma, und dass es praktisch keinen Wert außerhalb 3-Sigma gibt. Die Verteilung wird also evtl. keine exakte Normalverteilung sein, aber ihr zumindest ähneln. Ein Wert von 6.65-Sigma ist jedenfalls extrem unwahrscheinlich, das bleibt die Hauptaussage der Grafik.
Man muss dazu aber sagen, dass die dreifache Standardabweichung bereits 0,9973... Wahrscheinlichkeit abdeckt, was bedeutet, dass man bereits in der Größenordnung von 400 Messungen benötigt, um einmal außerhalb der dreifachen Standardabweichung einen Wert zu messen (beidseitig).
Ich erkläre manchmal den Unterscheid zwischen analytischer Wissenschaft und empirischer Wissenschaft an folgendem Beispiel:
Nehmen wir an, wir hätten ein Schachbrett (8 * 8 Felder) und 32 Dominosteine, wobei jeder Dominostein genau zwei unmittelbar angrenzender Schachfelder abdeckt. Es ist klar, dass man nun mit allen 32 Dominosteinen das gesamte Schachbrett abdecken kann.
Nun schneiden wir das linke untere Schachfeld und das rechte obere Schachfeld des Schachbrettes weg, sodass nur noch 62 Felder verbleiben.
Wieviel Möglichkeiten gibt es, die verbleibenden 62 Schachfelder mit 31 Dominosteinen abzudecken?
Der Empiriker geht nun wie folgt vor:
Er macht einen Versuch, der scheitert.
Der nächste Versuch scheitert auch.
Nachdem mehrere hundert Versuche gescheitert sind, sagt der Empiriker, dass es
WAHRSCHEINLICH keine Lösung gibt, weil wir uns jetzt schon außerhalb von der dreifachen Standardabweichung befinden.
Der Empiriker kann es aber
NICHT analytisch beweisen, dass es nicht geht. Der Empiriker weiß es eben nicht sicher.
Jetzt kommt der Analytiker:
Der Analytiker sagt, dass ein 8 * 8 Schachbrett 32 schwarze und 32 weiße Felder hat. Schneidet man das linke untere und das rechte obere Feld weg, dann haben die beiden weggeschnittenen Felder dieselbe Fahrbe, da sie auf derselben Diagonalen liegen, sodass das übbriggebliebene Schachbrett mit 62 Feldern 30 Felder der einen Farbe und 32 Felder der anderen Farbe beinhaltet.
Jeder Dominostein bedeckt aber immer ein Feld der einen Farbe und ein Feld einer anderen Farbe, sodass 31 Dominosteine immer 31 weiße und 31 schwarze Felder bedecken. Damit gibt es keine Lösung, da das verbleibende Schachbrett 30 Felder der einen Farbe und 32 Felder der anderen Farbe enthält.
Das ist ein analytischer Beweis. Es gibt keine Versuche, die Diskussion erübrigt sich, die Sache ist
FÜR IMMER geklärt.
Stellt man sich auf den analytischen Standpunkt, dann ist es tatsächlich so, dass im Sinne der Analytik es tatsächlich nicht bewiesen ist, dass der Mensch die Klimaerwärmung durch den steigenden CO2-Ausstoss verursacht.
Gleichwohl ist es aber dennoch hochgradig verantwortungslos, die empirischen Aussagen zu ignorieren.
Nur wenige Bereiche der Lebenswirklichkeit können auf dem analytischen Niveau entschieden werden. Die meisten Plausibilitätsentscheidungen finden auf empirischer Grundlage statt.
Wenn ich aus dem 5. Stock springe, dann weiß ich mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 3 Sigma, dass ich nicht gesund bleiben werde, wenn ich auf dem Boden aufpralle. Ich weiß es nicht analytisch, denn mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit kann ich tatsächlich einen Sturz aus dem 5. Stock unbeschadet überstehen. Trotzdem wird kaum jemand die Probe auf das Exempel machen nach dem Motto ich weiß es vorher ja nicht sicher, also probiere ich es aus.
All dies ist Standardstoff im Mathematikunterricht in den Klassen 11 - 13. Ich bin immer wieder erschüttert, dass viele Zeitgenossen solche Dinge nicht verstehen.
Natürlich ist es im analytischen Sinn nicht bewiesen, dass die Menschheit für die Klimaerwärmung zuständig ist. Aber der fundamentale Unterscheid zwischen empirischer und analytischer Wissenschaft gehört doch zur Allgemeinbildung.