Krise in der Schweiz
Skigebiet billig abzugeben
Kleine Wintersportorte kämpfen ums Überleben, ein Schweizer Gebiet wurde verkauft - für nur einen Franken.
Von Janek Schmidt
Der Zeitungsartikel hatte den britischen Geschäftsmann Bruno Prior überrascht: "Schweizer Skigebiet abzugeben", hieß es in der englischen Tageszeitung Times.
Was Priors Interesse jedoch wirklich weckte, war der Verkaufspreis: Einen Schweizer Franken sollte das Gebiet Erner Galen kosten, mitsamt vier Liften, zwei Pistenraupen und einer Schneekanone.
Prior ahnte, dass das Angebot mit Schwierigkeiten verbunden sein würde, doch er entschied sich für den Kauf. Bereits 500.000 Franken hat er in dieser Saison investiert, und in wenigen Tagen will er den endgültigen Kaufvertrag unterzeichnen.
Nun hoffen die Einwohner der Gemeinde Ernen im Wallis, dass der Brite die Lifte auch langfristig vor dem Ruin bewahren kann. Denn zu genau wissen sie, wie bedrohlich die Lage vieler kleiner Skigebiete ist.
Seit 1991 ist die Anzahl der Liftbetreiber in der Schweiz um 22 Prozent gesunken. Laut Fulvio Sartori, Vizedirektor des Schweizer Seilbahnverbands, ist dies die Folge von zwei Entwicklungen. Einerseits haben sich mehrere mittlere und große Gebiete zu riesigen Ski-Welten verbunden, wie etwa Davos-Klosters.
Damit sparen sie Kosten, entwickeln gemeinsame Werbeinitiativen und verlangen in manchen Tälern die Preise von Monopolisten. Am anderen Ende der Größenskala leiden jedoch einige kleine Betriebe unter Besucherschwund, machen immer wieder Verluste, viele stehen schließlich zum Verkauf.
Am meisten betroffen sind von diesem Strukturwandel jedoch nicht die kleinsten Skigebiete. "Die haben oft so geringe Kosten, dass sie auch so einen schlechten Winter wie den vor einem Jahr überleben", sagt Sartori. So ist der Anteil der Mini-Liftbetreiber mit einem Jahresumsatz von weniger als 100.000 Schweizer Franken seit dem Jahr 2001 sogar von 42 Prozent auf 47 Prozent gestiegen.
Viel schmerzhafter erwischt hat es dagegen die etwas größeren Gebiete mit einem Umsatz bis zu einer Million Franken. Deren Anteil an allen Liften ist im selben Zeitraum von 35 auf 28 Prozent gesunken. Auch Ernen im Wallis fällt in diese Kategorie. "Wir hatten einfach nicht mehr das Geld, um die nötigen Investitionen zu bezahlen" , sagt der Erner Skiliftbetreiber Heinz Seiler.
Ein positiver Aspekt an Ernen ist seine Höhenlage. Bis auf 2300 Meter reichen die Lifte und liegen damit höher als viele Gebiete, denen aufgrund des Klimawandels die Pleite prophezeit wird. Doch haben Hausberge einen Vorteil, der Ernen fehlt: Viele Skifahrer wohnen in ihrer Nähe.
Um diesem Problem zu begegnen, will Prior in dem 500-Einwohner-Ort nicht nur eine Gondel, sondern auch ein Hotel mit 250 Betten bauen und bis zu 50 Millionen Franken investieren. Dieses Vorhaben wirkt jedoch winzig im Vergleich zu dem Projekt des ägyptischen Investors Samih Sawiris für ein anderes Skigebiet.
Auf dem einstigen Armeegelände in Andermatt plant Sawiris ein Ferienkomplex mit sechs Hotels, bis zu 400 Apartments und einem Golfplatz. Für eine Milliarde Dollar soll dort das größte touristische Projekt der Alpen entstehen.
Während solche Riesenbauten weitere Urlauber von kleineren Gebieten abziehen, hat der gesamte Schweizer Skibetrieb zuletzt ein Ausbleiben von Skifahrern verzeichnet.
Senioren als Rettung
Nachdem in den Skigebieten lange Zeit wenig investiert worden ist, sind die Umsätze der Schweizer Liftbetriebe in den vergangenen fünf Jahren um 17 Prozent gesunken. Nach einem bislang guten Winter und mit dem günstigen Franken sind die Prognosen für diesen Winter besser.
In Deutschland und Österreich ist der Trend positiver. Mit Ausnahme des Winters 2006/2007 steigen Fahrgastzahlen und Umsätze der Seilbahnunternehmen seit Jahren. Zwar seien auch hierzulande manche kleine Betriebe bedroht, sagt der Sprecher des deutschen Seilbahnverbands, Hannes Rechenauer, doch betreffe das eher die ganz kleinen Gebiete.
"Da steht oft nur ein Schlepplift aus den 70er Jahren, für den es keine Ersatzteile mehr gibt." Die Schweizer Seilbahnen müssen zudem die Kürzung von Subventionen verkraften, während Bundesländer wie Oberösterreich neue Investitionsprogramme haben, und deutsche Liftbetreiber seit diesem Jahr nur noch eine Umsatzsteuer von 7 statt 19 Prozent bezahlen.
Unter diesen Umständen werden wohl weitere Schweizer Skigebiete ihre Lifte verkaufen müssen, so wie es das St.Gallener Resort Oberholz-Farner gerade macht.
Einen anderen Ausweg hat hingegen die Erner Nachbargemeinde Visperterminen gefunden: Sie hat Rentner als ehrenamtliche Liftler angeheuert.