Die soziale Realität der überwiegenden Mehrheit der russischen Bevölkerung ist alles andere als rosig. Eine im September 2005 erschienene Studie über den Lebensstandard in Russland zwischen 1991 und 2004[ 1 ] zeigt deutlich, dass sich die Situation der ArbeiterInnen und Bauern/Bäuerinnen seit der Einführung des kapitalistischen Wirtschaftsystems nicht verbessert sondern in den meisten Bereichen verschlechtert hat. So sind die durchschnittlichen realen Einkommen im Jahr 2004 um 30% niedriger als jene des Jahres 1991, also noch vor der Liberalisierung der Güter- und Dienstleistungspreise. Besonders betroffen sind die RentnerInnen, die heute mit einer Pension, die 64% des Wertes von 1991 beträgt, auskommen müssen.
Diese Zahlen zeigen zwar eine deutliche Differenz an, sagen aber an sich noch nichts über das reale Lebensniveau der russischen Bevölkerung aus. Dafür ist es notwendig, in Betracht zu ziehen, welche Auswirkung dieser Einkommensunterschied auf die Konsum- und insbesondere die Ernährungsgewohnheiten hat. Die genannte Studie weist darauf hin, dass der Nahrungsmittelkonsum stark zurückgegangen ist. Verzichtet wird in erhöhtem Maße auf Waren wie Fleisch, Milchprodukte, Eier und Zucker bzw. Süßwaren; aber auch Kartoffeln und Gemüse werden weniger verbraucht. Es liegt auf der Hand, dass dieser Verzicht Auswirkungen auf die Qualität der Ernährung der Bevölkerung hat. Im Jahr 2003 blieb mit Ausnahme von Brot bei allen wichtigen Lebensmitteln der Konsum unter der von der russischen medizinischen Akademie erstellten Ernährungsnorm. So hat sich zwischen 1991 und 2000 der Konsum von Milchprodukten annähernd halbiert, was in Bezug auf die genannte Ernährungsnorm nur 54% ausmacht.
Ein weiterer Faktor für das Elend der russischen Bevölkerung sind die verschiedenen Strategien mit denen angesichts der geringen Einkommen das Überleben gesichert wird. Eine Studie, die sich speziell mit der Armut in Russland beschäftigt [ 2 ], hat beispielsweise erfasst, dass im Jahr 2003 5,3% der Haushalte Einnahmen aus einer zweiten Arbeitsstelle beziehen. In doppelt so vielen Haushalten garantiert eine informelle Lohnarbeit das Überleben. 30% sind von Zuwendungen in Form von Naturalien oder Geldmitteln von Freunden oder Verwandten abhängig, während beinahe die Hälfte aller Haushalte ihr Überleben durch Subsistenzwirtschaft (Produktion für den Eigenbedarf) sichert. Auf dem Land steigt der Prozentsatz der Menschen, die einen Teil ihrer Ernährung durch den Anbau von Kartoffeln und Gemüse gewährleisten, sogar auf 80%.
Diese letzten Indizien zeigen deutlich, dass der Staat unfähig ist, auch nur das nackte Überleben der großen Mehrheit der russischen Bevölkerung zu gewährleisten. War die Abhängigkeit von der Subsistenzwirtschaft während dem Bestehen der Sowjetunion eine sich durchgängig haltende Lebensrealität und somit eindeutiges Zeichen für die Unfähigkeit der stalinistischen Bürokratie, so ist dieser Indikator heute noch alarmierender. Standen die Menschen in den 1980er Jahren oft noch in Schlangen vor halbleeren Geschäften, so stehen sie heute vor überquellenden Regalen mit Waren, die sie sich nicht leisten können.
Zwar ist die industrielle Produktion zwischen 1999 und 2004 um 40% gewachsen um somit gerade einmal wieder den Wert von 1992 zu erreichen (in diesem Zeitraum hatte die großflächige Zerstörung der post-sowjetischen Wirtschaft begonnen), aber die Arbeiter- Innen und Bauern/Bäuerinnen haben mitnichten davon profitiert. Während sich auf die ärmsten 20% der Bevölkerung 4% der gesamten Einkommen verteilen, sichern sich die reichsten 20% mehr als die Hälfte (52%). Diese zweite Gruppe lebt mit 1000 bis 2000 Dollar monatlich während die erste Gruppe mit weniger als 85 Dollar auskommen muss. (Allerdings ist der Reichtum der russischen OligarchInnen bekanntlich nach oben beinahe unbegrenzt) Diese Ungleichheit wurde durch die Einführung eines Einheitssteuersystems („Flat Tax“) naturgemäß noch verstärkt: der Beitrag der Reichsten zum Gesamtsteueraufkommen fiel in Folge auf 25%.
Vor dem Hintergrund dieser alarmierenden Fakten ist klar, dass der russische Staatsapparat von Seiten der Bevölkerung nicht als unparteiischer Schiedsrichter im Walten des „freien Marktes“ angesehen wird. Nur 1% der befragten Personen glauben, dass die ärmste Bevölkerungsschicht durch die Regierungspolitik unterstützt wird. Dagegen machen sich mehr als die Hälfte der Befragten keine Illusionen über die Bevorteilung der „Reichen“ (53%) und der „Mächtigen“ (54%).