Von Freude über Skepsis bis zur Ablehnung
Der Botta-Hotelturm in Celerina polarisiert und wird heftig diskutiert
Das am Montagabend in Celerina präsentierte Hotelprojekt von Mario Botta (Bild) polarisiert.
Das am Montagabend in Celerina präsentierte Hotelprojekt von Mario Botta (Bild) polarisiert.
Am vergangenen Montag sind die Medien und die Stimmberechtigten von Celerina über ein geplantes Hotelprojekt auf dem Parkplatz der Bergbahnen informiert worden. Entstehen soll ein bis zu 77 Meter hohes Hotelgebäude mit 17 Stockwerken und 300 Betten, Restaurants, Shoppingmöglichkeiten und einer Wellnessanlage. Weiter vier vierstöckige Häuser mit 15 bis 25 Ferienwohnungen. Die Projektskizze stammt vom bekannten Tessiner Architekten Mario Botta, initiiert worden ist das Vorhaben von der Bergbahnen Engadin St. Moritz AG, die Investitionen werden mit 200 Millionen Franken veranschlagt.
Informationen verdauen
Dass dieses Projekt zu reden geben wird, war abzusehen. Rund 250 Stimmberechtigte von Celerina liessen sich am Montagabend aus erster Hand über das Vorhaben informieren. Dabei war weder grundsätzliche Ablehnung noch vorbehaltlose Zustimmung zu spüren. Es schien, als ob die Celeriner Bevölkerung die Informationen zu diesem Projekt zuerst verdauen müsste. Kritische Fragen gab es zur teilweisen Quersubventionierung des Hotels über Zweitwohnungen. «Solche haben wir mehr als genug», war mehr als einmal zu hören. Auch die erwarteten 100 neuen Arbeitsplätze gaben zu reden. Mehrere Stimmbürger fragten sich, wo diese Leute wohnen sollen und was für Auswirkungen auf die Gemeinde-Infrastruktur zu erwarten sind. Die Frage, warum dieser Hotelturm gerade in Celerina und nicht in St.Moritz geplant ist, wurde ebenfalls aufgeworfen. Auf der anderen Seite liessen sich verschiedene Personen von den Ausführungen und Überlegungen von Architekt Mario Botta zu seinem «Kristall» überzeugen. Auch wurde vom wiedererwachten Pioniergeist gesprochen, der dem Tal den so dringend benötigten Schub im Tourismus verschaffe.
«Mutig und zukunftsweisend»
Der Celeriner Gemeindepräsident Räto Camenisch sieht im Projekt sowohl Vor- wie auch Nachteile. Erfreulich sei, dass nach mehreren Hotelschliessungen endlich wieder warme Betten geschaffen würden. Die 100 zusätzlichen Arbeitspläte und die finanziellen Auswirkungen für die Gemeindekasse beurteilt er ebenfalls positiv. Als störend bewertet er den Umstand, dass für die Finanzierung Zweitwohnungen erstellt werden müssen. Für ihn ist klar, dass diese nur im normalen Rahmen der Kontingente der Gemeinde bewilligt werden. Die im Richtplan vorgesehene Ausnahmeregelung für Projekte im «überwiegend öffentlichen und volkswirtschaftlichen Interesse» soll beim Botta-Projekt nicht zum Tragen kommen. Persönlich gefällt ihm die Architektur und dass mit Mario Botta ein namhafter Architekt hinter dem Projekt stehe, freue ihn. Zufrieden ist er auch, dass die Initianten dem Wunsch des Gemeindevorstandes nach einer Konsultativabstimmung in der Gemeinde entgegengekommen sind. Primär sollten jetzt die Stimmbürger entscheiden, der Vorstand werde aber eine positive Botschaft zur Gemeindeversammlung formulieren, sagte er.
Von einem «mutigen und zukunftsweisenden Projekt» spricht Fredy Streuli, CEO der Destination Engadin St.Moritz. Das Tal dürfe in der Entwicklung nicht stehen bleiben und dieser Hotelneubau könne zum Wachstumsmotor für den Tourismus werden. «Wir von der Destination unterstützen das Projekt sehr», sagt Streuli. Persönlich empfinde er den Botta-Kristall als tollen Landmark. Es gebe auch andere hohe Gebäude im Engadin oder solche, die hoch oben stehen würden.
«Schritt in falsche Richtung»
Sehr skeptisch äussert sich Hanspeter Danuser, St.Moritzer Kurdirektor. Nicht weil der Bau nicht in St.Moritz geplant ist, sondern weil man heute schon über sehr hohe aber schlecht bewirtschaftete Bettenkapazitäten im Tal verfüge. «Das Projekt ist ein Schritt in die falsche Richtung», ist Danuser überzeugt. Wenn man jetzt einfach beginne in die Vertikale zu bauen, sei das eine Entwicklung, die nicht zum Guten des Tals geschehe.
Ähnlich sieht es Claudio Caratsch, Präsident der Stiftung Terrafina. «Das ist eine massive Übertretung aller Dimensionen unserer Baugesetze», ist er überzeugt. Grundsätzlich sei auch er für verdichtetes Bauen, dieses Projekt aber bewege sich sowohl ausserhalb der Kontingentierung wie auch ausserhalb der geltenden Baugesetze. Caratsch möchte über den Kreis bewirken, dass solche Hochbauten generell verboten werden.
«Als Schlag ins Gesicht und zwei Schuhnummern zu gross» bewertet Raimund Rodewald, Geschäftsführer der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz (SL), das Botta-Projekt. Er stört sich am «Stararchitektenkult», wo es nur um Projekte gehe, die sich gegenseitig überbieten wollen. Das Ortsbild von Celerina, das noch einigermassen intakt sei, würde durch dieses Hochhaus stark beeinträchtigt. «Das sind fremdartige urbane Strukturen, die nicht dorthin passen», ist Rodewald überzeugt. Für ihn wäre wichtig, dass jetzt vor Ort eine Grundsatzdiskussion darüber geführt würde, wie zeitgenössische Hotelarchitektur auszusehen habe. Dass das Hotel nicht auf einer grünen Wiese zu stehen komme sei zwar positiv, die Dimensionen des ganzen Projektes aber eindeutig zu gross.
Als nächstes wird die Gemeindeversammlung am 31. März in einer Konsultativabstimmung über die Zukunft des Projektes befinden. Nur wenn diese positiv ausfällt, soll das Bauvorhaben weiterverfolgt werden.
Quelle: Engadiner Post Autor: Reto Stifel
Ort: 7500 St. Moritz
Datum: 28.02.2008
Rubriken: Diverses, Tourismus