Na ja, bei der geringen Anrisshöhe, ist das auch eher ein nettes Anschaungsobjekt. 15 cm dicker, und das wär wohl schon nicht mehr so spaßig gewesen. Übrigens deutet die erstaunlich geringe Auslösegeschwindeigekeit für mich auch auf einen sehr flachen Hang gerade im Grenzbereich hin. Die wohl eher geringe Hangsteilheit und die Tatsache, dass anscheinen wenig Neuschnee vorhanden war, dürften wohl auch der Grund gewesen sein, warum der Kameramann hier nicht mit Gefahr rechnete (meine Spekulation).
Interessant ist aber etwas ganz anderes: der Skifahrer löst das Brett quasi aus der Mitte fern aus. Man sieht die untere und seitlich linke Anrisskante viele Meter entfernt und beim Schwenk am Ende die obere und rechte Anrisskante ebenfalls. Der Hang hat also gehalten, als der Skifahrer ihn befuhr, aber nicht mehr, als dieser weiter unten einmal den Initialbruch ausgelöst hatte. Dies zeigt anschaulich zwei Dinge: erstens die Tücke was Schneebretter angeht. Zweitens sieht man hier ein bisschen, wie so ein Schneebrett funktioniert.
Grundsätzlich hinterlässt jeder Schneefall und jede Windverfrachtung eine Schneeschicht im Hang, so ein Hang ist also schichtweise aufgebaut. Die interessante Frage ist immer: was kann mehr Kräfte ab: die Verbindung zwischen den einzelnen Schichten (basales Schubmodul) oder die Schicht in sich selbst (Druckmodul (talseitig) / Zugmodul (bergseitig)). Solange die Verbindung der Schneeschichten stabiler ist als die einzelne Schneeschicht an sich (und das ist der Normalfall), passiert bei Belastung quasi gar nichts: die Schneedeck reißt einfach an der belasteten Stelle ein.
Ist aber die einzelne Schneeschicht stabiler (auf Zug und Druck) als ihre Verbindung zur Schicht darunter, gibt es eine Kettenreaktion: das von der unteren Schicht getrennte Schneestück der oberen Schicht, wird logischerweise jetzt nicht mehr von der unteren getragen und hängt quasi am Schnee rund herum. Da dieser ebenfalls innerhalb der Schicht stabiler ist als an der Schichtgrenze, reißt auch hier die obere Schicht von der unteren ab... und das ist das Disaster. Damit wird das freihängende Stück nämlich nochmals größer und damit auch die Kräfte auf den Schnee rundherum und die Kettenreaktion läuft. Innerhalb von Bruchteilen von Sekunden löst sich die obere Schicht von den unteren und zwar solange, bis der sich ausbreitende schichtparallele Bruch irgendwann einen Hangbereich erreicht, wo die obere Schneeschicht wieder instabiler ist, als die Verbindung beider Schichten. In diesem Augenblick setzt sich der Bruch nicht mehr entlang des Hanges fort, sondern bricht durch die obere Schicht an die Schneeoberfläche. Der darunter liegende losgelöste Teil der oberen Schneeschicht gleitet jetzt auf der unteren Schnee schicht ab_ das Brett geht ab.
Man unterscheidet dabei die drei Phasen: Initialbruch (das erste Stück obere Schneeschicht löst sich von der unteren), Bruchfortpflanzung (unterirdisch löst sich die obere Schicht immer weiter von der unteren) und den Abgang des Brettes.
Dieses besondere Verhalten erklärt, warum ein Schifahrer ein Schneebrett auslösen kann, in dessen Zentrum er steht (wo also Hangteile über ihm mit abgeheren, die er kurz vorher noch "sicher" befahren hat. Erst das mit dem Initialbruch "frei aufhängte" Schneestück unterhalb entwickelt nämlich Kräfte, die groß genug sind, auch den oberen Hangteil von der unteren Schneeschicht zu lösen, das Gewicht des Schifahrers reicht vorher allein nicht aus. So kann ein ganzer Hang Lawinengefährdet sein und abgehen, und dennoch gibt es nur wenige Hotspots, von denen aus man ihn tatsächlich auch auslösen kann. Dies führt dazu, dass man im Zentrum des abgehenden Hanges stehenden kann (wie unser Kandidat hier) und ist ebenfalls der Grund, warum vorhandene einzelne Spuren, nicht im geringsten eine Aussage über die Stabilitätsverhältnisse treffen können.
Ich bild mir übrigens ein, dass man ganz am Anfang beim Schwingen an den Ski (Einsinktiefe etc.) erkennt, wie der Schnee deutlich gepackt ist - ein untrügliches Zeichen für das Vorhandensein eines Schneebretts (was natürlich nicht bedeutet, dass der Hang dann tatsächlich abrutscht). Solche Hänge sind wohl alle Tiefschneefans schon zu Hunderten gefahren. (das Dumme ist auch, dass im scheinbar lockeren Pulverschnee Schneebretter lauern können ...).
Ohne Dir zu widersprechen sei noch angemerkt, dass ein paar Stunden nach einem Schneefall / stärkerem Wind, ja irgendwo quasi jeder Hang von der Kompaktheit des Schnees tagelang ein Schneebrett ist. Dass der ganz große Teil trotzdem völlig harmlos ist, hängt meines Erachtens nicht so sehr von der mangelnden Gepresstheit des Schnees ab, sondern viel mehr vom Mangel an Gleitschichten bzw. ausreichender Verbindung zwischen den Schneeschichten. Umgekehrt kann man dann auch im Frühwinter bei entsprechenden Bedingungen (geringe Schneedecke, kalte, sternenklare Nächte -> dicke Reifschicht als Gleitschicht) nach dem nächsten Schneefall beobachten, wie dann bei Warnstufe 4 auch wirklich jeder noch so lächerliche Minihang abgeht, sofern er nur steil genug ist. Die Gleitschicht macht den kleinen, aber alles entscheidenden Unterschied.