Arlberg-Irrer schrieb:
3.450,- Euro brutto als Anfangsgehalt?????
Entschuldigung, wenn ich großspurig überkam, das war nicht meine Absicht. Jagst du das mit Lohnsteuerklasse 1 durch einen Brutto-Netto-Rechner, gehst du als Assistenzarzt im Monat mit 1900€ nach Hause. Das ist richtig gutes Geld - ich wirke aber trotzdem sehr wehement dem Klischee-Bild "Arzt=Reich" entgegen (womit ich mich spätestens jetzt als Mediziner geoutet habe

), denn dass trifft auf die wenigsten zu und man darf auch nicht vergessen, dass der Gehaltsanstieg mit zunehmender Berufserfahrung gering ist. Natürlich sind die Mediziner im Vergleich zu anderen Stellen im öffentlichen Dienst gut eingruppiert, aber im internationalen Vergleich sind sie es eben nicht. Im Moment bin ich aber trotzdem der Ansicht, dass Mediziner aus einem anderen Grund auf hohem Niveau jammern: Ich bin im praktischen Jahr und ich weiß jetzt schon mit Sicherheit, dass ich mir 2011 keine Sorgen darum machen muss, ob ich zeitnah eine unbefristete Stelle finden werde. Das ist in der heutigen Zeit doch von unschätzbarem Wert, wenn man weiß, dass man einen Abschluss in einem Mangelfach anstrebt und es mehr offene Stellen als Bewerber gibt. Selbst wenn mein zukünftiger Arbeitgeber nach einem Jahr pleite gehen würde, könnte ich mir sicher sein, in der Nachbarschaft sofort einen neuen zu finden. DAS wissen glaube ich viele meiner Zunft nicht zu schätzen.
Bei der Debatte um Überstunden und Bezahlung geht es übrigens nicht um das Selbstverständnis, Lücken zu füllen. Ist ein Kollege krank, springe ich selbstverständlich ein, läuft die Ambulanz über weil alle glauben sie hätten Schweinegrippe oder stehen belegte Betten schon auf den Stationsfluren weil ein Virus umgeht, bleibe ich selbstverständlich im Haus bis alle versorgt sind und frage vorher nicht erst, ob ich es bezahlt bekomme oder nicht. Der Protest richtet sich gegen das Selbstverständnis, mit dem z.B. Stellenschlüssel berechnet werden, bei denen selbst dann zur Erfüllung des normalen Tagesgeschäftes Plusstunden von allen nötig sind, wenn niemand krank ist und keiner Urlaub hat/auf Fortbildung oder sonstwas ist - den Protest dagegen halte ich für legitim. Abgesehen davon bleibe ich dabei: Für 14€ pro Stunde mehr in der Tasche sehe ich es nicht ein, mir regelmäßig neben den normalen Tagdiensten die Nächte im OP um die Ohren zu schlagen, weil die Einrichtung einer regulären Nachtdienststelle der Klinikleitung zu teuer ist - irgendwann würde ich meine Lebensgefährtin gerne auch mal durch wache Augen sehen wollen. Und keiner möchte, dass ich ihn nach 24 Stunden Dienst noch behandele - ich will das auch nicht.
Ich wünsche jedem Arbeitnehmer in jeder Branche, dass er es so leicht hätte wie die Ärzte im Moment, eine Stelle zu finden und gegen Missstände zu protestieren. Der Widerspruch "Ich mache aber auch X Überstunden" ist verständlich, ändert aber nichts daran, dass ich es grundsätzlich falsch finde, dass DAUER- und REGELHAFT mit 10 bis 20 Plusstunden pro Woche fix kalkuliert wird, weil der Laden sonst nicht laufen würde. (freut mich aber, wenn derjenige es trotz 70 bis 100 Stunden in der Woche noch zu 41 Skitagen in der Saison bringt

). Und nochmal: Es geht mir nicht darum, Freitags um 16:30 Uhr mein Stethoskop mit einem "Oh, Wochenende." fallen zu lassen, ich bin aber gegen regelhaft 220 Stunden im Monat bei 140 Stunden Bezahlung. Ein solches System ist im Grundsatz nicht richtig - egal ob Arzt, Sachbearbeiter, Handwerker oder Ingenieur, ein "war schon immer so" ist keine Rechtfertigung. Ich arbeite gerne, ich arbeite auch mal gerne viel und ich arbeite gerne für ein gutes Team und ich freue mich, wenn meine Arbeit einen klitzekleinen Anteil dazu beiträgt, dass das ganze Haus gut dasteht, aber ich arbeite vor allem, um zu leben, z.B. um genügend Geld übrig zu haben, um einer von den vielen (ich hoffe wenigstens einer von den nicht all zu unbeliebten) deutschen Touristen zu sein, die Winter wie Sommer in die Alpen fliehen.
Und zum ursprünglichen Thema wollte ich auch noch etwas beitragen

Uni und Studium:
Als ich 2001 Abitur gemacht habe, hatte ich einen Durchschnitt von 2,7 - mit der Hälfte hätte es vielleicht für Medizin gereicht

Für ein Auslandsstudium sah ich immer allein schon zu große finanzielle Hürden. Die Alternative: Wartesemester. Ich brauchte 8 davon, also 4 Jahre. Da ich zwei gesunde Arme und Beine und vermutlich auch schon damals einen Kopf oben in der Mitte hatte, habe ich halt Praktika gemacht und vor allem gearbeitet, bis die 4 Jahre um waren und es endlich 2005 los ging. Jetzt bin ich in Regelzeit scheinfrei und so mancher mit 1er-Schnitt blieb auf der Strecke. Man könnte an dieser Stelle trefflich über die Aussagenlosigkeit des deutschen NC diskutieren, auch ich vertrete ehr die Ansicht: Jeden zulassen und gucken, wie viel nach den ersten Semestern noch übrig sind, aber jeder sollte eine Chance bekommen.
Die vollständige universitäre Ausbildung eines Arztes kostet einen sechsstelligen Betrag, Studienplätze sind also teuer und werden mit Millionen von Steuergeldern finanziert. Ich sehe nicht, warum die österreichischen Nachbarn mir mit ihren Steuern einen Studienplatz in Innsbruck finanzieren sollten, nur weil ich ihn Deutschland keinen kriege. Ich gehe also von Deutschland nach Innsbruck, greife eine mit österreichischem Geld finanzierte teure Ausbildung ab, um damit dann wieder in Deutschland zu arbeiten? Ich kann österreichische Universitäten sehr gut verstehen, wenn sie den Anteil von Deutschen und anderen Ausländern begrenzen oder Sonderstudiengebühren erheben.
Liebe Grüße aus dem Ruhrgebiet,
Bastian