Am künftig größten Damm der Welt arbeiten 27.000 Menschen Tag und Nacht, davon 40 Prozent Frauen. 1994 wurde die Baustelle rund um das Fischerdorf Sandouping eröffnet. Knapp 200 Meter hoch und 2.300 Meter lang wird der Stauwall sein – eine neue gigantische „chinesische Mauer“.
Zuerst sprengten Spezialisten vom Militär das Felsgestein. 30 Millionen Tonnen Erde, Fels und Geröll wurden abgetragen und als Baumaterial für die Staumauer genutzt. Es entstand mit rund 16 Quadratkilometern die größte Baustelle der Welt, etwa so groß wie 3.000 Fußballfelder.
In der ersten Bauphase des eigentlichen Dammes errichteten die Arbeiter die Seitenteile der Staumauer mit einer Höhe von 185 Metern. Zur Zeit bauen die Konstrukteure an der größten Schleuse der Welt: Sie ist zwei Kilometer lang und überwindet in fünf Etappen die 115 Meter Höhenunterschied zwischen Fluss und Stausee. Daneben entsteht ein Schiffshebewerk, mit dem Schiffe von bis zu 3.000 Tonnen innerhalb von 30 Minuten gehoben oder gesenkt werden können.
Zwei Kraftwerke sollen in den Damm eingebunden werden: Nach den Plänen der chinesischen Regierung sollen sie soviel Strom erzeugen, wie zehn Atomkraftwerke zusammen – und damit ein Zehntel des Energiebedarfs von ganz China decken.
Das erste Kraftwerk ist so gut wie fertig, es soll schon in diesem Jahr in Betrieb genommen werden. Läuft alles nach Plan, ist der komplette Damm im Jahr 2009 fertiggestellt.
Bald wird der Yangtse-Staudamm die ganze Region radikal verändern. Sein Stausee soll einmal von Sandouping bis nach Chongqing reichen: 660 Kilometer lang, länger als die Strecke München-Berlin. „Land unter“ bedeutet das für die Landschaft rechts und links des Flusses. Städte und Dörfer werden in den Fluten versinken. Knapp zwei Millionen Menschen müssen umgesiedelt werden.
Schon heute hinterlässt der Stausee seine Spuren: Mehr als 1.000 Geisterdörfer säumen inzwischen seine zukünftigen Ufer. Am Ende werden 19 Städte, darunter elf Millionenstädte, den Fluten ganz oder teilweise zum Opfer gefallen sein. Damit sie keine Gefahr für die Schifffahrt bilden, lässt die Regierung in den betroffenen Ortschaften alle hohen Gebäude sprengen. Bei 175 Metern soll der Wasserpegel des Stausees liegen.
Eine Aufgabe des künstlichen Gewässers wird es sein, die jährlichen verheerenden Überschwemmungen am Yangtse zu verhindern. Kritiker bezweifeln allerdings den Erfolg: Denn oft entstehen die Hochwasser durch starke Regenfälle unterhalb des Damm-Standorts. Doch zusammen mit den Studentenprotesten wurde auch die aufkommende Umweltbewegung in China mundtot gemacht. Ministerpräsident Li Peng, selbst Wasserbauingenieur, hat den Staudamm sogar zur Chefsache erklärt.
Wasserbauingenieure aus den verschiedensten Ländern warnen davor, dass der Staudamm genau das bewirken könnte, was er eigentlich verhindern soll – nämlich Überschwemmungen. Folgendes Szenario könnte eintreten: Der Yangtse transportiert sehr viel Sand. Auch im Stausee wird dieser sich ablagern, doch hier haben die Ingenieure eine Lösung gefunden: Bei Bedarf können Flutungstore im Damm geöffnet werden, wodurch der Schlamm flussabwärts gespült wird. Der Oberlauf des Yangtse dagegen könnte wegen der geringeren Fließgeschwindigkeit versanden, die Wassertiefe könnte sich im Laufe der Zeit immer mehr verringern. Bei großen Regenfällen würde der See schnell über seine Ufer steigen und eine Flut auslösen.
Die tiefen Schluchten am Yangtse sind unter anderem durch Erdbeben entstanden. Kritiker befürchten, diese Beben könnten jederzeit wieder auftreten. Im Falle besonders starker Erschütterungen bestünde sogar die Gefahr, dass sie die Staumauer des größten Stausees der Welt zum Einsturz brächten. Dann würde eine Flutwelle rund ein Viertel des Landes unter sich begraben und damit eine Katastrophe verursachen, die verheerender wäre als alle bisher bekannten Hochwasserfluten.
Zudem könnte an die Stelle des vielfältigen und lebendigen Ökosystems des Yangtse ein weitgehend totes Gewässer treten. Da nämlich im Stausee das Wasser kaum umgewälzt wird, eventuell Anwohner sogar noch ihre Abwässer hineinleiten, besteht die Gefahr, dass das Gewässer ökologisch umkippt. Der Artenreichtum dieser zentralchinesischen Region würde stark dezimiert.
Doch die Bauingenieure glauben, alle Probleme im Griff zu haben. In sechs Jahren wollen sie das gigantische Stauwerk in Betrieb nehmen.