Die Fakten zum Flugzeugunglück auf dem Gauligletscher
Das Flugzeug war eine Douglas DC-3 Dakota, eine Militärversion der zivilen DC-3, bzw. für die Amerikaner eine Dakota C-53.
Montag, 18. November 1946: Start in Tulln bei Wien, dem Hauptquartier der amerikanischen Besetzungstruppen, Flug nach München. An Bord 8 Passagiere und 4 Besatzungsmitglieder. (s. Passagier- und Besatzungsliste)
19. November 1946, 11.30 Uhr Abflug, vorgesehen: via Strassburg nach Dijon und dann südwärts entlang dem Rhonetal nach Marseille. Am nächsten Tag sollten sie von Marseille nach Pisa weiterzufliegen. Nach Funkkontakt und Ortung der Dakota durch den Flughafen Strassburg flog der Pilot (die Sicht war schlecht, die Winde waren stark) eine Viertelstunde weiter westwärts und drehte, in der Meinung, er sei über Dijon, nach Süden Richtung Marseille. Der Flugplatz Dijon konnte nicht angepeilt werden; Dijon und viele andere Bodenstationen hatten keine regelmässigen Funkverbindungen, nur jeweils eine Viertelstunde pro Stunde. In Wirklichkeit war die Dakota wahrscheinlich erst in der Umgebung von Zürich, als der Pilot gegen Süden abdrehte. Es herrschte eine starke Strömung, die ihn abtrieb. Als er merkte, dass er in den Bergen war und in Turbulenzen geraten war, wollte er umkehren.
Bruchlandung auf dem Gauligletscher im Berner Oberland, auf 3300 Meter Höhe.14.08 Uhr
19. - 22. November: Funkverbindung, aber falsche Ortung. Amerikanische Flugzeuge, unterstützt von französischen und italienischen Flugzeugen und Rettungskolonnen zu Fuss, suchten im Mont Blanc-Gebiet.
Freitag, 22. November 1946: Beginn der Suche in den Schweizer Alpen durch amerikanische Flugzeuge. Entdeckt wurde die Dakota um ca. 13.30 Uhr von einer Fliegenden Festung B-17 der amerikanischen Armee, an Bord General Tate und General Snavely.
Freitagnachmittag in Meiringen, das nur 13 Kilometer von der Unfallstelle entfernt liegt: Ankunft amerikanischer Offiziere, später von 150 Mann der amerikanischen Gebirgstruppen aus Mailand per Spezialzug. Beginn Aufstellung der Schweizer Rettungskolonne kurz vor 18.00 Uhr, Materialausgabe bis fast Mitternacht im Zeughaus Meiringen, Wartezeit im Hotel Rosenlaui, das ungeheizt, weil bereits eingewintert, war und extra zu diesem Zweck geöffnet wurde. Keine Schlafmöglichkeiten für die bereitstehende Fussmannschaft.
Samstag, 23. November 1946: Abmarsch ab Rosenlaui der 1. Mannschaft von 50 Männern kurz nach 4.00 Uhr morgens, Abmarsch der 2. Staffel von 30 Mann um 7.00 Uhr. Die Männer tragen Rettungsschlitten, Bergutensilien, Proviant für einen Tag. Jeder trägt rund 50 Kilo Material, mit Ausnahme der rund 10 Bergführer. Sie müssen die Spur legen. Sie versinken teilweise bei jedem Schritt bis zu den Schultern, mit den Knien wird der Pfad gedrückt. Ein Bergführer kann jeweils 5 Minuten pfaden, dann übernimmt der nächste. Aufstieg zum Wetterkessel bei Schneefall. Später hört es auf zu schneien.
Um 7.00 beginnt Major Pista Hitz einen ersten Flug mit dem Fieseler Storch und wirft bei der Dakota einen Ueberlebenscontainer ab sowie farbige Tücher und einen Code, damit die Dakota-Passagiere mitteilen können, was sie benötigen. Das funktioniert. Sie wünschen warme Kleider, Wolldecken, Verbandsmaterial und Medikamente. Um 9.00 Uhr beginnt eine «Luftinvasion» durch amerikanische, englische und französische Militärflugzeuge, die wahllos Kisten aus grosser Höhe abwerfen, die zum grössten Teil von den Verunfallten gar nicht erreicht werden können.
Angekommen beim Wetterkessel, um ca. 10.00 Uhr erfahren die Männer, dass die Dakota nicht dort, sondern auf dem Gauligletscher liegt. Nochmals 4 bis 5 Stunden Marsch bzw. Pfadfinden im meterhohen Schnee, nochmals eine Höhe überwinden.
Ankunft der ersten zwei Männer Jost und Reiss, 2 Flugplatzangestellten, die um 7.00 Uhr losmarschiert sind und gegen den Befehl ihre Skier mitgenommen haben, um ca. 14.30 Uhr Ankunft der letzten Männer nach Eindunkeln. (Der Befehl, keine Skis mitzunehmen, hing mit der falschen Standortbestimmung zusammen. Hätte man von Anfang an den richtigen Ort angepeilt, hätte die Rettungskolonne auch eine andere Aufstiegsroute gewählt). Rückkehr ist unmöglich, da zu spät vor allem wegen der Dunkelheit. Alle übernachten bei der Dakota, die meisten graben ein Biwak unter dem linken Dakota-Flügel. Es wird minus 15 Grad kalt. Ueberwachung, damit keine Glieder abfrieren.
Sonntag, 24. November 1946: Um ca. 8.00 Uhr Abmarsch aller 80 Retter und der Verunglückten, von denen 8 Personen auf Schlitten gebunden bzw. gebettet werden. Obwohl die Route zuerst über den Gletscher bergab führt, kommen sie fast nicht voran. Die Schlitten müssen gestossen und gezogen werden. Sie benötigen für einen Kilometer 2 Stunden. Um 10.25 erste Gletscherlandung durch den Fieseler Storch A-97 durch Hauptmann Viktor Hug. Er und Major Hitz haben seit 1944 Schneelandungen getestet und den Fieseler Storch mit Kufen sowie mit Start-Skiern ausgerüstet. Landung auch des zweiten Fieseler Storchs HB-ARU mit Major Hitz, der General Snavely mitbringt, dessen Frau in der Dakota war. Auch General Tate sowie eine Batterie für den Kameramann der Wochenschau, der sich der Fuss-Rettungsmannschaft angeschlossen hatte, wird auf den Gletscher transportiert. Landung auf einem relativ ungefährlichen Stück des Gletschers nahe der Gletscherzunge. Abtransport aller 12 Insassen der Dakota sowie eines Retters mit Erfrierungen.
In Meiringen werden die Dakota-Passagiere von unzähligen amerikanischen Militärs inkl. Lastwagenkolonne, Funkstation, Ambulanz, internationalen Medienvertretern und auch Bundespräsident Kobelt in Empfang genommen.
Diese Rettung war der 1. Alpenrettungsflug der Schweizer Bergrettungs-Fliegerei und ist der Beginn derAlpen-Flugrettung.
Grösste damalige Bergrettungsaktion. Sie war schlecht organisiert. Dank der Bergführer und dank des relativ guten Wetters gab es aber keine Katastrophe. Hätte es wieder zu schneien begonnen und/oder hätten die Fieseler Störche die Dakota-Passagiere nicht ins Tal transportiert, hätte es einige Unfälle geben können. Zudem hätten einige Dakota-Passagiere den Schlitten-Transport viel schwieriger überstanden. Beginn der organisierten Bergrettung. Die abgeworfenen Pakete und Kisten, z.T. 50-Kilo-Kisten, die mit Fallschirmen abgeworfen wurden, enthielten Notmaterial für die Wüste, für den Urwald, für die Berge etc. Es fand sich auch eine Kiste mit Damenstrümpfen. Sie wurden im Sommer nach dem Absturz von Touristen und Schaulustigen aufgestöbert und ins Tal gebracht. Man pflegte die Berggänger, die zum Bahnhof Meiringen zurückkamen, nicht mehr zu fragen "wo warst du". Man fragte "was hast du gefunden". Einige Kisten sind durch die Gletscherspalten ins Eis geraten. Auch sie werden - genauso wie die Dakota - eines Tages aus dem Gletscher kommen.
www.nzz.ch
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