Ab jetzt müssen alle Telekommunikationsunternehmen speichern, wer wann welche Internetseite aufgerufen hat, was er dort getan hat, an wen er e-Mails schickt und von wem er welche bekommt, wo er mit dem Handy war und mit wem er telefoniert hat, genauso beim Festnetz (besonders toll für anonyme Hilfsdienste, Psychologen, Seelsorger,...). Kurz, es werden jede Menge Details über jede Person gespeichert, für den Fall, dass sie mal verdächtig werden könnte, um dann ganz schnell alles über sie zu wissen. Klingt natürlich erst mal gar nicht so schlimm, schließlich muss man erst mal verdächtig werden. Aber von "wir kopieren mal vorsorglich alles" zu "wir lesen mal vorsorglich alles gründlich durch" ist es nicht weit, und damit das nicht passieren kann, sollte dieser erste Schritt gar nicht erst gemacht werden.
Die Leute, die sagen "Ich hab nichts zu verbergen, das ist schon ok" kann ich langsam nicht mehr ertragen. Ich habe zwar auch nichts zu verbergen, aber ich will auch nicht genötigt sein, irgendwas zu verbergen, will nicht analysiert und in jedem Detail festgehalten werden, "nur für den Fall".
Es war auch klar, dass sich die Musikindustrie gleich da drauf stürzt (oder anders gesagt, die Wirtschaft). Frau Zypries sagte daraufhin zwar, dass das ganze niemals anders als strafrechtlich genutzt werden darf, aber wehe, es kommt doch mal einer an persönliche Daten. Was für Möglichkeiten eröffnen sich für Spammer, wenn sie plötzlich auf dem Silbertablett serviert bekommen, dass ich gern in die Alpen verreise, mich für Astronomie interessiere, am liebsten die Kleidermarke X trage und meine Zahnpasta bei Budni kaufe? Auch wenn nur gespeichert wird, wer wann welche Internetseite anguckt, oder mit wem Schriftverkehr stattfindet, ist es dann nicht schwer, ein bisschen zu puzzeln.
Ganz nebenbei werden damit diverse Grundrechte außer Kraft gesetzt. Das Brief- und Fernmeldegeheimnis als allererstes. Dann: Jeder ist unschuldig, bis das Gegenteil bewiesen wird. Nein. Jetzt ist jeder potentiell ein Terrorist und Kinderschänder. Noch soll ja nur im Bedarfsfall nachgeguckt werden, aber wenn man mal wirklich anfängt, alles präventiv zu untersuchen?
Ich bin ein sehr neugieriger Mensch. Ich könnte zum Beispiel nachlesen, woraus man Plastiksprengstoff macht. Während ich das tu, könnten mir die bösen Selbstmordattentäter einfallen, ich könnte auf die Idee kommen, mal auf der Al-Quaida-Seite nachzuschauen, um mir ein Bild von deren Ideologien zu machen- und huch, schon gibt es bei mir einen Verdacht und man kann mich erst mal "präventiv, nur für den Fall" verhaften. Man stelle sich vor, ich erzähle Freunden per e-Mail von den Sachen, die daraufhin auch mal nachgucken- du meine Güte, eine terroristische Vereinigung hat sich gebildet! Schickt das GSG-9!
Okay, vielleicht ist dieses Horrorszenario ein bisschen übertrieben, aber die mögliche Entwicklung ist sehr beängstigend. Deswegen gehe ich am Montag nach Hamburg auf den Trauermarsch zur Bestattung der von uns gegangenen Privatsphäre. Infos dazu gibts auf
www.vorratsdatenspeicherung.de. Aber Vorsicht, vielleicht werdet ihr gleich für die Lektüre unerwünschten Gedankengutes verknackt.