Dann gebe ich auch mal meinen Senf dazu.
Wenn du mit dem Auto pendelst: Was müsste passieren, um (auch teilweise) auf das Auto zu verzichten?
Ich bin jetzt eine Zeit lang täglich 2x30 km mit dem Auto zur Arbeit gependelt. Letztendlich kostet mich das eher Nerven, Sprit, Verschleiß und Versicherung für eine gewisse Zeitersparnis. (Auto 30-35 min pro Strecke Tür zu Tür, ÖPNV ca. 55 Minuten ohne Verspätung)
Da ich nach Ende meines Studiums nun selbst für sämtliche Kosten abseits der Spritkosten meines Autos aufkommen darf, kommt auch die jährliche Laufleistung für die Versicherungssumme dazu, neben dem Wertverlust. Allein durch die täglichen Fahrten zur Arbeit fahre ich sonst nämlich ca. 14.000 km jährlich, da sind meine diversen Wochenend-Skiausflüge noch nicht einkalkuliert. Das ist es mir mittlerweile nicht mehr wert und ich beiße in den vorerst recht sauren Apfel des ÖPNV-Tickets (Jedermann-Ticket Netz 221 € im Monat, ab nächsten Monat Firmenticket Netz ca. 175 €, ab 1. April Tarifreform VVS und dann 112-121 € je nach Wahl).
Mit dem Auto zur Arbeit bin ich übrigens nur schneller, da ich antizyklisch fahre. Morgens aus Stuttgart raus, nachmittags nach Stuttgart rein. In die Gegenrichtung sieht man jeden Tag ewig lange Staus auf der B14 und nein (@Sauerland_6_CLD), diese kann man nicht durch Schleichwege umfahren. Es gibt keine staufreien Schleichwege hier :lol:
Auch auf meinem täglichen Arbeitsweg ist zu bestimmten Zeiten morgens an einer bestimmten Stelle immer Stau, nämlich am Ausbauende der B14 in Nellmersbach. Das lässt sich tatsächlich über "Schleichwege" bzw. besser gesagt Landstraßen umfahren. Stressfreier ist aber tatsächlich Bahnfahren und daher werde ich meine Autofahrten zur Arbeit erstmal sein lassen, außer ich fahre direkt im Anschluss an den Feierabend in den Urlaub.
Falls du den ÖPNV verwendest: Was müsste besser werden? Könntest du dir vorstellen, auf das Auto zu verzichten?
Am Beispiel Stuttgart kann man einige Dinge konkret erläutern, die dringend verbessert werden müssten. Zuerst kommt da mal das Nadelöhr Innenstadttunnel, wo alle 6 S-Bahn-Linien im 15-Minuten-Takt durch müssen und sich die Verspätungen zu den Hauptverkehrszeiten nur so kumulieren. Um das zu beheben gibt es viele Lösungen, die vermutlich einfachste effektive wäre die Einführung von beidseitigen Bahnsteigen zum schnelleren aus- und einsteigen. Sowas baut man aber selbst bei Stationsneubauten (Siehe S-Bahnhof Stuttgart Mittnachtstraße) nicht
Eine aufwändigere Lösung wäre ein zweiter Innenstadttunnel à la München, das wird aber teuer, riskant und ist politisch bestimmt sowieso nicht durchsetzbar.
Weitere Möglichkeiten sind die Umsetzung der T-Spange im Zuge von Stuttgart 21, die man bisher ja lediglich mit Bauvorbereitungen für eine eventuell zukünftige Umsetzung vorbereitet. Damit ließe sich der Umsteigeverkehr zwischen Feuerbach und Bad Cannstatt über den Hauptbahnhof direkt führen und auch neue S-Bahn-Linien sind denkbar. Und eine relativ leicht realisierbare Lösung, am Besten in Verbindung mit der T-Spange: die Nutzung der Gäubahn für die S-Bahn inklusive Reaktivierung der alten Haltestellen dort, wenn die Regios irgendwann mal durch den fertigen neuen Hauptbahnhof rollen sollten.
Komplett aufs Auto verzichten könnte ich allerdings nicht, da ich es insbesondere für meine Skireisen und für die Fahrt zu meinen Eltern benötige (zumindest noch für eine gewisse Zeit...). Vor der Streckensperrung diverser Abschnitte zwischen Ulm und Lindau gab es nämlich eine direkte IRE-Verbindung Stuttgart-Ulm-Lindau, die lediglich 2 Stunden gebraucht hat. Mit dem Auto kommst du in unter 2:30 h ohne Stau kaum hinterher. Durch die Elektrifizierungs-Bauarbeiten an der Strecke verlängert sich die umleitungsbedingte Fahrtzeit auf 3:40 h bis 4:10 h + Verspätungen. Das ist für die Strecke deutlich zu lang.
Was wünschst du dir von Politik und Gesellschaft?
Ein generelles Umdenken. In Stuttgart sind sehr viele Leute absolut vernarrt in ihr Auto und fahren jeden Weg damit, egal ob es Sinn ergibt oder nicht. Die Parkgebühren hier sind schon sehr hoch, tägliche Staus vorprogrammiert und einen Parkplatz überhaupt erstmal finden ist auch nicht einfach. Trotzdem fahren jeden Tag aufs Neue abertausende von Autos in die Stadt rein. Was bei der Diskussion um Dieselfahrverbote ja gern mal vermischt wird sind Klimaschutz und Gesundheitsschutz. Bei den Fahrverboten geht es aber in erster Linie um den Schutz der Bevölkerung vor Stickoxiden (NOx) und Feinstaub. Erstere werden hauptsächlich von Diesel-Autos produziert, letztere von allen Fahrzeugen. Wer sich fragt was an "dem Bisschen NOx" denn so schädlich sein soll, dem sei gesagt: Damit wurden vor einiger Zeit Menschen vergast, das sollte genug sagen. Das Zeugs ist absolut gesundheitsschädlich, auch kleine Konzentrationen. Und wenn ein Dieselauto an dir als Fußgänger vorbeigefahren ist riechst du das ziemlich deutlich. Dieser stechende Geruch...
In Stuttgart muss der Ausbau von Fahrradwegen endlich vernünftig angegangen werden. Die Radwege am Neckar entlang sind in stark unterschiedlichem Zustand, von vernünftig asphaltiert bis Rüttelpiste mit Schlaglöchern und Schotterweg ist alles dabei. Eine Fahrt in die Innenstadt ist oft lebensgefährlich. Auf Fahrradstraßen laufen dir die Fußgänger ohne zu gucken vor den Lenker, Autofahrer scheren sich dort einen Dreck darum, dass du als Fahrradfahrer bevorrechtigt bist und an Kreuzungen wirst du generell immer übersehen. Ich bin absolut dankbar dafür, dass ich Scheibenbremsen und sehr gute Reflexe habe, ansonsten wäre ich wohl schon mehrfach unverschuldet im Krankenhaus gelandet. Plötzlich aufgehende Autotüren, Linksabbieger aus Seitenstraßen die mal eben noch vor dir reinziehen, weil du als Radfahrer ja sowieso bestimmt langsam fährst (nein, bergab fahre ich tatsächlich 30-40 km/h...), viel zu schmale Radwege wo man sich kaum gefahrlos überholen kann usw., ich könnte die Liste beliebig weiterführen.
Wie sieht für dich die wünschenswerte Großstadt aus? (Fußgängerzone, Autofrei, Rad(schnell)wege, Tunnel für Autos, starker ÖPNV, wie bisher)?
Sämtliche Straßen benötigen einen vom restlichen Verkehr baulich abgetrennten Radweg. Ansonsten wird man als Fahrradfahrer immer das Nachsehen haben, da es im Zweifelsfall nicht hilfreich ist, wenn auf dem Grabstein steht "aber er hatte doch Vorfahrt". Fußgängerwege sind im Innenstadtbereich oft gut ausgebaut, aber es gibt auch Gegenden, wo der Fußgängerweg plötzlich endet oder auf 20 cm verengt wird. Erklär da mal dem Rollstuhlfahrer oder dem Rentner mit Gehwagen, was er nun machen soll. Radschnellwege sind in Stuttgart in gewissen Richtungen durchaus sinnvoll. Am Neckar entlang, durch den Schlossgarten längs des Talkessels etc.
Die auf den Kesselrändern gelegenen Stadtteile sind da schwieriger anzubinden, da sich wohl kaum jemand täglich den Stress antut, die Höhenmeter hochzuradeln.
Damit der ÖPNV in Stuttgart besser angenommen werden soll, müssen die Ticketpreise noch viel weiter runter als mit der Tarifreform auch erst zum 1. April 2019 geplant. Ein 365 € Jahresticket wäre da ein guter Ansatz. Leider sehen die Städte hier im Umland inklusive Stuttgart es nicht ein, ordentlich in den ÖPNV zu investieren, um die günstigen Ticketpreise zu finanzieren. Die Leute verdienen hier ja gut, also können sie ja auch blechen
Die Innenstadt gehört weitgehend Autofrei, eventuell die Anwohner ausgenommen. Pendelverkehr aus dem Umland sollte mit großen P+R Parkplätzen an den S-Bahn-Haltestellen in die S-Bahn gelotst werden, dazu muss aber ein günstiges Kombiticket (auch für Abo-Inhaber) her. Bisher gibt es nur einen einzigen P+R Parkplatz in Stuttgart, der ein solches Ticket anbietet (S-Degerloch), aber auch nur für Tagestickets. Die frei gewordenen Verkehrsflächen kann man dann für einen weiteren Ausbau von Stadtbahnen oder Buslinien nutzen, so wie dies derzeit mit der Buslinie X1 auf der B14 zwischen Leuzeknoten und Innenstadt praktiziert wird. (Je Richtung wurde eine Spur dem Individualverkehr entzogen und als reine Busspur abgetrennt)
Für die nahe Zukunft würde sich auch der Bau der Filderauffahrt anbieten, um die innerstädtische B14 vom Durchgangsverkehr zu entlasten (Stichwort Messstelle Neckartor...). Diese schafft eine Verbindung zwischen Dreieck Neckarpark und wahlweise der B27 bei Degerloch oder der A8 bei Neuhausen auf den Fildern.
Zur Entlastung der Pragstraße (B10) zwischen Rosensteinpark und Wilhelma baut man ja derzeit bereits am neuen B10 Rosensteintunnel, dessen Fertigstellung sich allerdings auch leicht verzögert hat.
Und die Fernreisen: Könntest du dir vorstellen, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zum Skifahren zu gehen? Falls nein, was müsste passieren, dass es attraktiv wäre?
Ich bin bereits einmal von Stuttgart ins Tuxertal mit den Öffis gefahren, das war allerdings ein ziemlicher Krampf. Mit Skisack, Skischuhtasche inkl. Helm, vollgepacktem Rucksack, vollgepackter Rollreisetasche und noch zwei nicht mehr reinpassenden Skijacken in den Zug zu kommen, in München und Jenbach umzusteigen und dabei im Zug noch den halben Gang blockieren zu müssen da es viel zu wenig Gepäckstauraum gibt ist wirklich nicht angenehm.
Dasselbe Spielchen hatte ich auch auf dem Rückweg von einer Skireise, abgeladen wurde man vom Bus am Stuttgarter Flughafen, danach ging es mit der S-Bahn weiter nach Hause. Mit Biegen und Brechen habe ich es heim geschafft, das ist definitiv nicht wiederholungswürdig.
Generell, falls du ein Auto besitzt: Ob und unter welchen Umständen könntest du dir vorstellen, auf ein Auto als Eigentum zu verzichten?
Angenommen, der ÖPNV wäre kostenlos: Würdest du dies in deinem Alltag einbauen?
Dazu bräuchte es deutschlandweit ein vernünftig ausgebautes Schienennetz und das sehe ich nicht ansatzweise kommen. Wir haben viel zu wenig Schnellfahrstrecken, die vorhandenen werden teilweise für den Güter- und Regionalverkehr, hart ausgedrückt, "missbraucht" und manche IC- und sogar ICE-Strecken sind bis heute nur eingleisig (!) ausgebaut und/oder nicht elektrifiziert. Das ist für ein Land wie Deutschland ein Armutszeugnis.
In der Vergangenheit wurden von der Deutschen Bahn reihenweise Nebenstrecken stillgelegt, die man heutzutage oft schmerzlich vermisst. Eine Reaktivierung steht für das staatliche, privatrechtliche Unternehmen aber nur selten auf dem Plan... außer die öffentliche Hand gibt kräftig dazu.
Zum Thema Güterverkehr: in Deutschland wurden in den letzten Jahren massenweise Schienenanschlüsse von Unternehmen stillgelegt, stattdessen setzt man auf Lastwagen. Einer der größten Spediteure Deutschlands, DB Schenker (eine Tochter der Deutschen
Bahn), betreibt eine riesige, wenn nicht die größte, Lastwagenflotte im Land. Trotzdem reden viele Politiker immer noch von der Verkehrsverlagerung von der Straße auf die Schiene, das ist eine Farce.
Um zumindest noch weiter aufs Auto verzichten zu können müsste auch erstmal eine ganz banale Regelung gestrichen werden: im VVS darf man zwischen 6 und 9 Uhr in der S-Bahn und in Regionalverkehrszügen Fahrräder nur mit einem zusätzlichen Kinderticket mitnehmen. Das gibt es maximal als 4er Ticket, es gibt kein Fahrrad-Wochen-, Monats- oder Jahresticket. In der U-Bahn ist die Fahrradmitnahme zwischen 6.00 und 8.30 Uhr sowie zwischen 16.00 und 18.30 Uhr komplett verboten. Dort macht es aufgrund der Auslastung der meisten Strecken durchaus Sinn, in der S-Bahn ist das reine Geldmacherei (da es ja nicht komplett verboten ist) und auf fast allen Linien vollkommen überflüssig. Die Auslastung ist dort eher nachmittags im Feierabendverkehr abschnittsweise so hoch, dass die Fahrradmitnahme erschwert ist. Aber da darf man es kostenlos mitnehmen...