Juni 2021, eine beliebte Metzgerei bei Waging am See im Landkreis Traunstein. Die Schlange an der Fleischtheke ist nur vier Personen kurz. Aber bis endlich der Letzte in der Schlange seine Bestellung für den anstehenden Grillabend aufgehen kann, vergeht eine Ewigkeit. Denn in dieser ländlichen Region gehört es zum guten Ton, dass sich Kunden und Verkäufer lange über die Neuigkeiten aus dem Dorf austauschen. So erfährt man beispielsweise, dass die Kuh vom Huber-Bauern in der Nacht gekalbt hat, bevor man einige lange Minuten später erst seine Steaks und Würstchen aus dem Angebot bestellen kann.
Um es kurz zu machen: Es dauerte wahnsinnig lang, bis die Person am Ende der Warteschlange endlich ihre Bestellung aufgeben konnte. Anfängliche Verwunderung über diesen oberbayerischen Gegentrend zum großstädtischen Smalltalk wich zunächst einer ungeduldigen Verärgerung und schließlich der geistigen Ohnmacht. Nichts anderes als abzuwarten hilft hier. Denn wenn du dich in der Situation beschwerst, kannst du schön ein paar Kilometer zum nächsten Metzger fahren, sofern du abends nicht nur Brot auf den Grill legen willst. Ohne Vorwarnung aber fiel unvermittelt das Stichwort 'alter Skilift' und die Ortsangabe 'Neubichler Alm'. Plötzlich hellwach wurden die folgenden, spärlichen Informationen aufgesogen, die Fleischbestellung platziert und dann nach brauchbarem Handyempfang gesucht.
Den ganzen Tag über fand ich keinen besseren Handyempfang als drei Striche Edge (noch so eine Eigenheit dieser ländlichen Region). In Ermangelung eines Wlan-Zugangs in der Unterkunft wurde das auch nicht besser. So langsam, wie es zuvor in der Wurstthekenschlange vorangegangen war, so langsam verlief nun auch die Suche nach Informationen über einen Skilift an der Neubichler Alm. Irgendwann erste Ergebnisse: Die oberflächliche Google-Suche ergab nichts. Auf den Luftbildern war ein Skihang zumindest denkbar. Und erst die Suche nach alten Ansichtskarten lieferte den Beweis: An der Neubichler Alm gab es einmal Liftbetrieb. Das Ziel für den Nachmittagsausflug war beschlossene Sache.
Der Beweis: Links der Laterne ist eine Seba-Portalstütze zu sehen. Leider ist die Aufnahme undatiert, die Auktion gibt nur den Hinweis "nach 1965".
https://www.delcampe.net/de/sammlerobje ... 82402.html
Ab Piding und der A8 sind es noch rund 5 Kilometer bis zur Neubichler Alm hinauf. In den besten Zeiten dürfte es auf der Zufahrt mit all den Reisebussen recht voll gewesen sein. Kurz vor dem Parkplatz begrüßt einen diese Tafel, die auf die sportliche Vergangenheit und zugleich die aktuellen Besitzverhältnisse hinweist.

Was ist eigentlich die Neubichler Alm? Es handelt sich hierbei um einen großen Hotelkomplex im Berchtesgadener Land in regional-traditioneller Bauweise mit rund 100 Betten, mehreren Gebäuden und Einrichtungen wie Tennis- und Reitplatz, Kegelbahn, Wellnessbereich, Restaurant und großer Terrasse. Die Alm liegt malerisch oberhalb von Piding mit Blick auf Salzburg, das etwa 10 Kilometer entfernt liegt - und ist seit ein paar Jahren geschlossen. Seitdem gibt es ein Hin-und-Her um einen geplanten Neubau mit Erweiterung sowie Besitzerwechsel - zuletzt vor wenigen Tagen, wie die PNP erfahren hat (https://www.pnp.de/lokales/berchtesgade ... 48305.html). Was mit der Alm passiert, scheint in der Region ein heißes Thema zu sein, interessierte mich im Juni 2021 aber nicht allzu sehr - ganz im Gegensatz zum ehemaligen Skihang.
"Hotel und Restaurant bis auf Weiteres geschlossen": Bei weit über 30 Grad in der Sonne hätte ich ein kühles Halbes nur zu gern getrunken.

Von den guten Zeiten zeugt heute noch der riesige Parkplatz am Berg. Dort hatte ich freie Platzwahl. Leider lag alles in der prallen Sonne. Hinten das Haupthaus der Neubichler Alm.

Auf der großen Terrasse der geschlossenen Alm saßen einige argwöhnisch dreinblickende Personen - wohl die damaligen Privatbesitzer. Ich verzichtete auf einen Plausch. Inzwischen habe ich mich an das Archiv der Gemeinde Piding gewandt und Informationen über den Skilift angefragt. Dort war man zwar sehr engagiert, dennoch ist das Ergebnis leider dürftig, da es keine Unterlagen gibt. Denn die politische Gemeinde Högl, auf der die Neubichler Alm steht, wurde 1978 in die Gemeinde Anger integriert und die Verwaltungsakten von Högl übernommen. Um es kurz zu machen, auch in Anger gibt es keine Unterlagen zum Lift. Der nächste Versuch, eine Anfrage an den Rechtsnachfolger des Liftbetreibers, ist bislang - wie erwartet - unbeantwortet geblieben.
Was ich bislang weiß, kurz zusammengefasst:
Der Skilift soll laut Erinnerung einer Archivarin von etwa 1967 bis Mitte der 1970er Jahre in Betrieb gewesen sein. Hersteller der Anlage war Seba, das ist auf den Ansichtskarten eindeutig zu erkennen. Gemessen mit Google Earth war der Skilift rund 270 Meter lang, hatte die Talstation auf etwa 663 Metern Höhe und endete auf etwa 713 Metern neben der Neubichler Alm, die den Lift auch betrieb.
Nun zu den handfesten Dingen. Gleich unterhalb der Alm (die sich hier hinter dem Fotografen befindet) verläuft ein Wanderweg, der den Blick freigibt auf das ehemalige Skigelände - und auch auf das traumhafte Panorama. Links unterhalb liegt der alte Skihang.

Der Zoom zeigt: Die ehemalige Talstationshütte ist noch da. Dorthin sollte es gleich gehen.

Zunächst genoss ich noch den Ausblick. Hier die Sankt Johannes-Kirche, im Hintergrund der Untersberg bei Grödig, Salzburgs Hausberg. Die dortige Pendelbahn ist von hier nicht zu sehen, eventuell aber die Skiabfahrt ab der Bergstation.

Etwas nach links geschwenkt wird der Blick auf Salzburg frei: Rechts der Flughafen, etwas oberhalb die Festung Hohensalzburg und im Hintergrund dominant der Obergaisberg. Gehörte die auffällige Schneise rechts zum ESL Obergaisberg (viewtopic.php?f=32&t=6856&start=25#p4613687)?

Hier der besagte Wanderweg. Links oberhalb die Neubichler Alm, der Skilift kam von rechts entlang der Tannen hinauf.

Ähnlicher Blick aus etwas größerer Distanz.

Auf dem Weg zur Talstation.

Hier dürfte ich in der alten Trasse stehen. Der Lift endete oben gleich rechts der Alm.

Die geräumige Hütte im Tal, an der ich keine offensichtlichen Hinweise auf den Skilift mehr finden konnte. Auch auf das Logo kann ich mir keinen Reim machen.

Leider sind auch auf diesem alten Ansichtskartenmotiv der Talstationshütte keinerlei Details des Lifts erkennbar.
https://www.delcampe.net/static/img_lar ... 71_001.jpg
Falls es an der Anlage einen Seba-typischen Antriebsspannwagen (eine Müller-Lizenz, so einen: https://abload.de/img/dscn7539jtk8i.jpg
) gegeben hat, dürfte der meiner Einschätzung nach rechts neben der Hütte gestanden haben. Der Boden ist auf mehreren Quadratmetern auffällig plan. Möglicherweise ist im Boden auch ein Rest des Betonfundaments zu sehen.


Der alte Skihang etwa von der Kirche Sankt Johannes aus gesehen:
https://unterwegs-petrasblog.de/http:// ... 00x525.jpg
Blick die alte Trasse in Bildmitte hinauf. Nicht schlecht der Hang - nennen wir ihn mal Steilhang. Denn rechts gab es noch ein Umfahrung durch den Wald.

Rechts zweigte die Umfahrung ein.

Hier zu sehen.

Blick von der Umfahrung in Richtung Talstation.

Dort befindet sich dieser Schuppen. Würde mich nicht wundern, wenn er mal einen Ratrac oder ein vergleichbares kleines Modell beherbergt hätte.

Entlang der gemähten Wiese geht es noch ein paar Meter links nach oben, schon sind die Neubichler Alm samt Parkplatz und ehemals auch die Skilift-Bergstation erreicht.

Der Kunststoff erinnert etwas an einen Liftbügel.

Hier muss die Bergstation gestanden haben. Wie auf der gesamten Trasse waren auch hier keinerlei Fundamente zu finden.

Rechts die Alm, ganz hinten Salzburg mit Gaisberg und mittig-links stand irgendwo die Umlenkung.

Etwa vom obigen Standort aus wurde vor vielen Jahrzehnten auch eines der wenigen Ansichtskartenmotive aufgenommen, auf dem der Skilift (hier eindeutig als Seba-Fabrikat zu erkennen) zu sehen ist.
https://www.delcampe.net/de/sammlerobje ... 61995.html
Mich würde es ja schon sehr wundern, wenn man den Lift bereits Mitte der 1970er Jahre nach nur etwa zehn Jahren wieder demontiert hätte. In ihre heutige Form wurde die Neubichler Alm Anfang der 1980er Jahre ausgebaut. Warum hätte man einen bestehenden Skilift bei der Erweiterung eines Berg- und Sporthotels abbauen sollen, sofern er nicht im Weg war?