Danke, Jan, für deine Ausführungen.
Interessant, dass hier die Fronten ganz schön verhärtet sind, obwohl die Meinungen ja gar nicht so verschieden sind.
Ich greife jetzt einfach mal ein paar Stellen deines Posts heraus.
Jan Tenner schrieb:
Ich habe ja keine Glaskugel und weiß auch nicht, mit welchem Tempo wieviel Normalität zurückkehrt. Ich halte es für den besten Weg, einen Grund Kanon von Maßnahmen aufrechtzuerhalten, bis gewisse Game Changer eintreten. Und alle weiteren Maßnahmen auf den Prüfstand stellen, oban die nicht in die Tonne treten kann bzw wie weit man sich vorwagen kann.
Bei dem Grundkanon sind wir glaube ich grundsätzlich einer Meinung. Man kann sicherlich darüber streiten, was zu dem Kanon gehört. Die Grundmaßnahmen werden uns noch einige Zeit begleiten.
Auch fände ich eine regelmäßige Evaluation und Weiterentwicklung der Maßnahmen wichtig, damit unsinnige Einschränkungen nicht unnötig lange bestehen.
Jan Tenner schrieb:
Ich bin der Ansicht, dass sich die Situation als Gesamtes betrachtet schon sehr gebessert hat, natürlich immerot Aufs und Abs. Jetzt gerade eher mal ein Ab. Die Game Changer hatte ich ja schon erwähnt. Natürlich ist nicht sicher, dass wir die ganz schnell bekommen. Aber solche Sachen wie Impfungen oder effiziente Schnell Tests mit quasi Sofortergebnis sollten doch wenigstens die Chance erhalten, dass man sie entwickelt, bevor man das Handtuch wirft. Ich erwarte nicht, dass man 15 Jahre unverdrossen auf eine Wunderimpfung wartet. Aber die 1-2 Jahre, die jeder Experte als realistisch angesehen hat, dass man so etwas bis dahin entwickeln könnte, solltean mit dem GrundKanon an Maßnahmen schon überstehen können.
Auch hier gebe ich dir grundsätzlich Recht. Von einem Lockdown sind wir weit entfernt und auch Herr Spahn hat ja rückwirkend zugegeben, dass der Lockdown im Frühjahr nicht in der Härte notwendig war.
Ich halte aber die logischerweise wiederkehrenden Wellen für eine große Gefahr, da es hier irgendwann keiner mehr ernst wird, wenn man - wie ja auch jetzt - schon ewig von einer 3., 4., 5., etc. Welle spricht, die dann so wie jetzt die 2. Welle einfach nicht kommen mag.
Wir müssen m.E. weg von "wellenabhängigen" Maßnahmen, zurück auf ein paar Grundmaßnahmen. Es ist aus meiner Sicht nicht zielführend, wenn von mal eine Region Risikogebiet ist, mal nicht, wenn mal eine Aktivität erlaubt ist, mal nicht, etc.
Jan Tenner schrieb:
Wenn die notwendigen Maßnahmen zum Leben mit Corona nicht mehr den Alltag so vieler Leute so beeinflussen wie jetzt. Im übrigen glaube ich nicht, dass ausschließlich Corona das Handeln unserer Oberen bestritt.
Da habe ich ein anderes Gefühl. Aber das soll jetzt nicht zur Debatte stehen.
Ich sehe hier aber die Politiker auch häufig als Getriebene der Medien an. Ich habe mir heute Abend mal im ZDF WISO wieder angetan. So oft, wie dort über Corona geredet wurde, konnte ich gar nicht mehr zählen. Und so geht es ja im Prinzip auf allen Sendern.
Auch wenn die Poltiker ggf. andere Akzente setzen wollten, so ist m.E. der mediale Druck so hoch, dass die gar nicht anders können. Logischerweise möchte ja keiner dafür die Quittung tragen, dass Leute sterben. Ironischerweise wird aber von allen, sowohl bei den Medien, als auch in der Poltik in Kauf genommen, wenn Freiheiten unnötig eingeschränkt werden.
Jan Tenner schrieb:
Wenn er gute Konzept vorlegt, soll er auch kein Quasi-Berufsverbot bekommen. Aber dennoch wird es Sachen geben, die in einer Pandemie-Situation nicht gehen, und dass man Geduld haben muss, bis man wenigstens die theoretische Möglichkeit hatte, die Situation mit Game Changern zu verändern. Gleichzeitig sehe ich die Gesellschaft aber auch in der Pflicht, diese Betroffenen finanziell aufzufangen (das ist aber ein anderes weiterführendes Thema)
Dann hoffen wir mal, dass das die Politik bald genau so sieht. Schließlich würden viele Betriebe ja gerne, dürfen aber wegen pauschalen Verboten nicht. Manchmal werden hier auch die falschen Prioritäten gesetzt. Es scheint ja aktuell z.B. unser größtes Problem zu sein, dass Fußballfans wieder in die Stadien dürfen. Sicherlich ist das ein wichtiger Aspekt, aber insbesondere kleinere Kulturvereine hätten es womöglich nötiger, aber nicht die entsprechende Lobby im Hintergrund.
Unmöglich in diesem Zusammenhang fand ich in Baden-Württemberg, dass Fußballvereine wieder vor den Freiwilligen Feuerwehren üben durften. Es scheint wohl wichtiger zu sein, dass der FC Hintertupfingen seine Form nicht verliert. Feuerwehren braucht ja schließlich keiner.
Ich bin ganz bei dir, dass es an uns allen - in diesem Fall also am Staat liegt - den besonders betroffenen eine Perspektive zu bieten.
Jan Tenner schrieb:
Habe ich nie für richtig erklärt! Nur dass sie eine pragmatische Maßnahme für Politiker ist, die effektiv Handeln und auf Nummer sicher gehen wollen.
Und ich glaube, dass diese Politiker selbst unter diesen Gesichtspunkten überhaupt keine Notwendigkeit für eine 50er-Regel gesehen hätten, wenn wir oder in AT oder sonstwo uns wenigstens einigermaßen konsequent an den Grundkanon der Maßnahmen gehalten hätten.
Diesen Punkt sehe ich dann tatsächlich deutlich anders.
Es braucht sicherlich gewisse Grenzwerte, mit denen wir das Infektionsgeschehen beobachten müssen. Ein einziger Wert, wie die 50er-Grenze sind hier aber aus meiner Sicht denkbar ungeeignet (man könnte ihn ja auch sehr leicht manipulieren, indem man mehr oder weniger testet). Wir müssen aus meiner Sicht eine Bewertungsmatrix aus u.a. Anzahl der Neuinfizierten, aktiven Fällen, freien Krankenhausplätzen, demografischer Struktur der Erkrankten, Anzahl der durchgeführten Tests, Positivrate, Vergleich mit dem Zeitraum, zu dem die Regeln aufgestellt wurden, etc. schaffen und Hand dieser agieren. Dann fließen viel mehr Kriterien ein und wir gewinnen mehr Spielräume und wissen vielleicht besser, wo wir ansetzen können und wo nicht. Für die Zusammenstellung dieser Matrix brauchen wir aber maßgeblich den Imput von Streeck, Drosten, etc. - egal ob man die jetzt mag, oder nicht.
Am wichtigsten ist aber in meinen Augen, dass wir uns auch bei steigenden Zahlen nicht aus der Ruhe bringen lassen, weiterhin den Grundkanon beachten und parallel unser "normales" Leben weiterführen.
Zusammenfassend muss ich positiv feststellen, dass wir nicht so weit auseinander liegen. Man kann sicher diskutieren, welcher Grundkanon sinnvoll ist und welcher nicht, welche Bewertungskriterien richtig sind und welche nicht, aber genau das macht ja auch unsere Gesellschaft aus.
Ich hoffe, dass damit auch teilweise ein paar Differenzen zwischen den beiden Lagern ausgeräumt werden konnten. Schließlich sind ja auch nicht alle Maßnahmengegner "Covidioten" und alle Maßnahmenbefürworter "Gutmenschen" und oftmals liegen die Meinungen gar nicht weit auseinander. Wir wollen doch alle nur Ski fahren
