baeckerbursch schrieb:
Das sehe ich ganz genau so! Nur dass mit kein ernstzunehmender Politiker bekannt ist, der in den letzten Wochen noch behauptet hat, dass mit einem Impfstoff schlagartig alles gut wird.
Und genau da ist das Problem. Es wird einfach keine langfristige Strategie kommuniziert, sollte es denn überhaupt eine Geben.
Vielleicht ist ihnen (natürlich nach der Bestellung der ganzen Dosen) aufgefallen, das der "Herdenschutz" durch eine Impfung schon bei der Grippe nicht funktioniert.
Eine Gesellschaft kann auf Dauer nicht funktionieren die die Jungen zu Gunsten der Älteren benachteiligt, deshalb wird sich das ganze Theater über kurz ober lang aufhören.
1. Ich vermute, dass es keine langfristige Strategie gibt. Wie denn auch, wenn sich die Faktenlage immer wieder ändert? Natürlich wäre eine langfristige Strategie wünschenswert, aber diese kann meiner Meinung nach nur in "wenn-dann-Beziehungen" ausgedrückt werden, z.B.: "Wenn wir bis xx.xx.xxxx keinen wirksamen Impfstoff finden, dann..." - so etwas würde aber dynamisches Handeln erschweren. Und wenn unsere Politiker dann aufgrund einer veränderten Faktenlage doch anders handeln, haben sie ein massives Glaubwürdigkeitsproblem. Will man sich diesen Schuh wirklich anziehen?
2. Bei der Grippe funktioniert er nicht, bei anderen Krankheiten ziemlich gut. Zum Beispiel Masern gibt es zwar durchaus noch, aber in Deutschland wirklich sehr selten in den den letzten 20 Jahren.
3. Zustimmung zu der Aussage bezüglich der Jungen und der Alten. Wobei ich diese Benachteiligung in einigen Gesellschaftsbereichen auch jetzt schon sehe, z.B. wenn Vermögensbildung durch Arbeit (betrifft eher Jüngere) immer schwieriger wird, und Vermögensvermehrung (betrifft eher Ältere) eher leichter. Des weiteren gibt es in Deutschland den Trend zu immer mehr älteren Menschen, prozentual gesehen (1970 11,1% älter als 67 Jahre, 2017 19% älter als 67 Jahre,
Quelle). Und dieser Trend setzt sich wahrscheinlich fort. Ebenso in der Politik: das Durchschnittsalter im Bundestag betrug mit Stand 2017 49,4 Jahre, in Deutschland als ganzes 44,5 Jahre (2019). Natürlich ist mir klar, dass man erst ab 18 in den Bundestag gewählt werden kann, somit sind diese Zahlen wahrscheinlich vergleichbar. Ich denke aber schon, dass leider viel Politik von Älteren für Ältere gemacht wird (wobei man drüber streiten kann, ob ein Durchschnitt von ca. 45 Jahren "alt" ist

). Auch bei Corona, da wurden die Schulen und Kindergärten geschlossen, und deren Wiederöffnung vielem anderen hinten angestellt. Dafür gab es sicher gute Gründe, aber es gab auch gute Gründe dagegen.
Und um den Bogen zu Ende zu spannen: die Älteren (Risikogruppen) verlangen in Pandemiezeiten von den Jüngeren, dass diese sich einschränken.* Das ist aus Sicht der Älteren auch nachvollziehbar und gesamtgesellschaftlich sicher vertretbar. Denn jedes Leben sollte gleich viel wert sein, egal welches Alter jemand hat. Gleichzeitig muss man aber auch sagen: viele Jüngere wünschen sich auch eine lebenswertere Zukunft, in der wir den Klimawandel begrenzen und allgemein umweltfreundlicher leben. Hierbei geht es durchaus um die Lebensgrundlage der Jüngeren in der Zukunft, und hier sehe ich v.a. in der älteren Generation wenig Bereitschaft, sich ebenfalls einzuschränken. Weder individuell noch auf politischem Wege. Etwas krasser ausgedrückt eine mögliche Aussage von Jüngeren zu den Älteren: "Euch ist unsere Zukunft egal? Dann ist uns Eure Gesundheit egal." Also könnte man doch auch einfach einen Deal machen: die Jüngeren schützen die Älteren in Pandemiezeiten, und die Älteren ermöglichen den Jüngeren eine lebenswerte Zukunft, denn die Älteren haben die Macht...
Wobei ich auch sagen muss: ich sehe das Ganze nicht so pessimistisch, es tut sich schon etwas in Richtung Klimagerechtigkeit, zwar zu langsam für meinen Geschmack, aber auch hier muss man ja einen möglichst großen Teil der Bevölkerung "mitnehmen". Etwas mehr Mut würde ich mir aber wirklich wünschen, auch wenn ich mich selbst aktuell weder zu den Jüngeren noch zu den Älteren zähle, sondern irgendwo dazwischen.
* Zusatz-Edit (Danke JanTenner vielmals für den Hinweis): mein Gedanke war, dass die Jüngeren sich mehr einschränken müssen als es womöglich aus rein egoistischer Sichtweise nötig wäre, da es in der Gruppe der Jüngeren weniger schwere Verläufe und Todesfälle gibt. Dennoch kann das Virus selbstverständlich auch sehr schwere Krankheitsverläufe bei manchen Jüngeren verursachen und ist deshalb nicht zu unterschätzen.