Schusseligkite schrieb:
christopher91 schrieb:
Echt jetzt? Bild?
Auch wenn es die Bild ist, steht da ja nicht irgendein hergeholter Unsinn, den kein anderer von sich geben würde. Der Artikel fasst denke ich schon die Sichtweise von ernstzunehmenden Leuten wie Streeck, Schmidt-Chanasit usw. zusammen, die sie auch in ihrem KBV-Positionspapier vertreten.
Und dieser Sichtweise kann ich einerseits auch einiges abgewinnen, was die Forderung nach einer Strategie angeht (die auch gerne etwas langfristiger sein darf). Zustimmen würde ich dem Vorwurf, dass man aus der ersten Welle samt Lockdown und auch aus dem Sommer viel zu wenig gelernt, und der Forderung, das in Zukunft besser zu machen.
Was ich allerdings falsch und verheerend in der Wirkung finde, ist die Positionierung dieser Sichtweise
gegen den jetzt anstehenden Wellenbrecher-Lockdown. Denn weder Streeck noch Gassen noch ein anderer Protagonist hatten auch nur
irgendeinen sinnvollen Vorschlag zu bieten, wie man jetzt aktuell das exponentielle Infektionsgeschehen und leider auch zu befürchtende exponentielle Wachstum bei schweren Verläufen und Todesfällen eindämmen kann. Wenn man überhaupt keinen Vorschlag hat außer Zukunftsmusik (Schnelltests für Heimisolierung) oder tollen Ampelsystemen, die beim derzeitigen Geschehen auch alle auf "Rot" springen würden, finde ich es unlauter, sich
gegen die Notfallmaßnahmen zu stellen. Das ist destruktiv und erzeugt nur Stimmung gegen das gemeinsame Anpacken der Notfallsituation.
Was die Forderung nach einer langfristigeren Strategie angeht, stimme ich wie gesagt zu. Einige Vorschläge kamen da ja schon, die bestimmt nicht schlecht sind. Andererseits finde ich den Ruf nach der nachhaltigen Strategie auch sehr geheuchelt, zumindest so lange, wie zB im gleichen Atemzug weitere Lockdowns als unmöglich ausgeschlossen werden. Wenn von der Seite schon dazu aufgefordert wird, bestimmte Denk-Tabus wie "auch schwere Verläufe und Todesfälle akzeptieren" fallen zu lassen, dann kann man genauso gut auch dazu auffordern, Denk-Tabus wie "Alle Lockdown-Maßnahmen müssen unterbunden werden" zu revidieren.
Theoretisch kann es nämlich sehr wohl auch eine Strategie sein, wellenförmig bei bestimmten Grenz- und Schwellenwerten (gerne auch nach Ampelsystem) immer wieder kurze aber harte Wellenbrecher-Lockdowns einzuschieben. So eine Strategie müsste dann bspw. auch diskutiert werden können, ohne dass sie von vorne herein niedergeschrien wird. Denn einen sexy Langzeitplan, wie man elegant und ohne Sorgen aus der Corona-Krise kommt, wird es nicht geben, oder wie die Helmholtz-Virologin Melanie Brinkmann gestern bei Maybritt Illner sinngemäß sagte: "Um aus der Pandemien rauszukommen, gibt es nur Scheiß-Wege!"