Cortina mit Umwegen: Rottach-Egern | Juli 2015
Über schön trassierte Bundesstraßen führte mich mein Weg zurück nach Deutschland. Die Wallbergbahn in Rottach-Egern sollte das nächste Ziel sein. Doch zunächst musste ich auf der Suche nach einem Geldautomaten - mir war zwischenzeitlich das Bargeld ausgegangen - einen echten Umweg nehmen und zudem für das Abheben noch eine Gebühr bezahlen. Nun gut, es blieb das einzige wirkliche Ärgernis des Tages. Der Schattenparkplatz an der Talstation konnte die Wogen im Nu wieder glätten und ohne weitere Verzögerungen ging es mit dem Oldtimer von 1950/51 aus dem Hause Pohlig hinauf auf den Wallberg.
2015 waren alte Grenzanlagen noch Relikte einer überwundenen Vergangenheit. Heute meint man wieder Zäune und Mauern bauen zu müssen...
Ortswechsel: Talstation Wallbergbahn. Hier rumpelt und scheppert es noch. Allerdings dürfte die Anlage bald wohl leider mit der letzte deutsche Seilbahn-Dino sein (Pendelbahnen ausgenommen), wenn erstmal Jenner und Kampenwand gefallen sind. Dazu noch die Zwölferhornbahn in Österreich - ich mag gar nicht dran denken…
An der Ausführung der Stützen sowie weiterer Konstruktionsdetails lässt sich noch wunderbar die Abstammung solcher Anlagen für den Personentransport von den deutlich älteren, sogenannten Drahtseilbahnen für den Gütertransport erkennen. Einzig die moderneren CWA-Gondeln stören - aber ich bin ja keiner, der darauf Wert legt, dass auch die letzte Schraube noch original ist.
Ein Augenschmaus, der damals gerade instandgehalten wurde.
In der Bergstation ging sich noch ein kurzer Tratsch mit dem BL aus, der mir sehr freundlich Auskunft zu allerlei Fragen gab. Leider reichte seine Zeit dann nicht mehr für eine ausgiebige Stationsbesichtigung und so ging jeder seiner Wege. Mich führte es ohne Umwege in das aufgelassene Skigebiet, das ich aufgrund starken Nebels bei meinem Erstbesuch noch nicht selbst begangen hatte.
Das feine Skigebiet bestand zu Hochzeiten aus den beiden ESL Setzberg und Kircherlhang sowie dem Phönixlift. Natürlich war dann irgendwann wieder Schluss mit der Skifahrerei und die alten Anlagen wurden bis zum Jahr 2000 entfernt, allerdings hat man die Stationsgebäude sowie jede Menge Fundamente stehen lassen. Die Spurensuche geriet so sehr leicht zum Erfolg. Die Tegernseerstimme hat die Entwicklung des Skisports rund um den Tegernsee
2012 in einem Bericht thematisiert (keine Gewähr für die dort zitierten Zusammenhänge und Jahreszahlen).
Eine Vielzahl von Ansichtskarten dokumentiert das alte Skigebiet und die Anlagen ganz gut:
Überblick Skigebiet,
Überblick 2,
Überblick 3,
Trasse Setzberglift. Zudem gibt es auf der
Homepage der Wallbergbahn eine kleine Chronik mit Fotos.
Die Bergstation des Kircherlhang-ESL beherbergt heute einen Bully und steht unweit der namensgebenden Kapelle sowie der Bergstation der Wallbergbahn. Ich hatte Glück: Brunhilde und Zensi interessierten sich zur Abwechslung mal nicht für den Seilbahn-Touristen.
Die Kircherlhangbahn wurde 1953 errichtet, nachdem man ein Jahr zuvor den ESL auf den gegenüberliegenden Setzberg gebaut hatte - dessen Bergstation ist knapp unterhalb des Gipfels am Wanderweg zu erkennen. Vor einigen Jahren bin ich während meiner Recherchen zum Kölner Hersteller Pohlig auf ein schönes Dokument gestoßen. Darin bedankte sich die damalige Geschäftsführung der Wallbergbahn beim Kölner Drahtseilisten für die wunderbare Einersesselbahn auf den Setzberg. Man war mit der Anlage derart zufrieden, dass die zweite Bahn, nämlich für den Kircherlhang, direkt wieder in Köln bestellt wurde.
Nettes Detail am Rande: Der Bereich um die Kapelle war nachher voll mit Fans der Mönchengladbacher Borussia, die ihr Team mit ins Sommertrainingslager begleiteten. Wäre es nicht so heiß gewesen, hätte ich sicher meinen Schal dabei gehabt und mich dazugesellt.
Zoom in das ehemalige Hauptgebiet: Das Gebäude mit rotem Dach unterhalb der Bildmitte ist die Talstation der Setzbergbahn; die Bergstation ist oben zu erkennen. Rechts daneben verläuft der Setzberglift, der 1990 aufgestellt und wohl zuletzt vom Skiclub Rottach-Egern betrieben wurde (oder wird?). Hinter den Tannenspitzen links versteckt sich die Bergstation des Phönixliftes. Die Talstation der Kircherlhangbahn liegt links ausserhalb des Bildausschnitts.
Wie Brotkrumen weisen die weißen Fundamente der Kircherlhangbahn den Weg zur Talstation. Berta und Resi ließen mich nach wie vor gewähren.
Nochmal der Kircherlhang mit Talstationsgebäude.
Nun ging es zunächst zum Setzberg-ESL, den man bis auf die Stationen sauber abgetragen hat. Von außen erinnert mich das Gebäude wenig an eine alte Sesselbahnstation, sondern mehr an eine Scheune. Vor 65 Jahren war der Baustil auch bei Seilbahnen ein anderer. Zur Bergstation quälte ich mich dann nicht mehr. Eine ausführliche Fotodokumentation hat
vovo bereits 2008 unternommen. Stattdessen ging es nun zum Setzberglift, dessen Talstation links unten hervorlugt.
Bei der Heuss-Kurvenanlage soll es sich um den ehemaligen Kapellenhanglift vom Brauneck handeln, der dann hier oben zunächst als Ersatz des ESL und dann vom Skiclub betrieben wurde. Eine Zeit lang soll es sogar möglich gewesen sein, über einen Kontakt zum Skiclub den Lift auch als nicht-Mitglied fahren zu können. Hier eine Punktekarten lösen: Der Traum eines jeden Lift-Nostalgikers - und im Anschluss dann über die brutale Talabfahrt zurück zum Großstadt-SUV oder die Ski geschultert zurück zur Wallbergbahnbergstation
Eigentlich hätte der Lift bei meinem Besuch schon rückgebaut sein sollen und zwar als
Ausgleichsmaßnahme für die Beschneiung der am Wallberg unterhaltenen Rodelbahn. Wie es aktuell um die Anlage steht, weiss ich nicht.
Dann fehlte nur noch der Phönixlift. Die Bergstation ist noch in uriger Stadl-Optik ausgeführt.
Kurz einen Blick hinein riskiert.
Wie meine Vorgänger, machte auch ich mir nicht die Mühe zum Talstationsbereich abzusteigen. Ein bisschen was soll es ja auch noch für den Nächsten zu entdecken geben.
Stattdessen machte ich mich auf den Weg zurück durch die pralle Sonne zur Wallbergbahn. Die Borussen hatten inzwischen das Weite gesucht.
Eigentlich wollte ich das Motiv zur Abwechslung mal nicht bringen - aber wenn es fehlt, ist man irgendwie nicht am Wallberg gewesen.
Grüß dich, Uli!
Mit der heißen Rumpelkiste fuhr ich wieder hinab.
Sonnenmooslift
Unweit der Wallbergbahn, allerdings abseits der alten Talabfahrt, hat es mal den Sonnenmooslift (Heuss, 1970) gegeben. Da geht allerdings auch nichts mehr.
vovo hat ihn 2008 noch erwischt.