Martin_D schrieb:
Angenommen, wir entschließen uns in Deutschland dazu, neue Kernkraftwerke zu bauen.
Mir ist dazu noch was ganz anderes eingefallen.
Vor Jahrzehnten hatte Deutschland noch das Potential, die Lehrstühle, die Absolventen, die Firmen, das Know-How und die Fachkräfte, um Reaktoren für die Zukunft zu entwickeln, die auch nach heutigen Maßstäben "Idiotensicher" wären, deren Abfälle weniger gefährlich wären und deren Halbwertszeit auch deutlich reduziert wäre. Hätte Deutschland vor 30+x Jahren begonnen, solche Reaktoren zu bauen, dann hätten wir heute einen ähnlichen CO2-Footprint wie Frankreich, wir könnten im Winter die Wärmepumpen heiß laufen lassen und unsere Industrie wäre weiter wettbewerbsfähig. Wir würden ohne Wohlstandsverlust und explodierende Kosten bereits heute die Klimaziele erreichen, die wir vermutlich auch in 10 Jahren trotz Wohlstandsverlust noch reissen werden.
Leider ist es anders gekommen und die Atomindustrie ist mit ihrem fahrlässigen Umgang nicht ganz schuldlos daran (Asse, Sellafield). Dennoch gab es bis heute keinen einzigen Supergau, bei dem Materialermüdung eine Rolle gespielt hätte. Tschernobyl, Fukushima und Harrisburg waren die Folge fundamentaler Fehler beim Design, Bedienfehlern und mangelnder Kenntnis des Bedienpersonals über die Reaktortechnik und elementarste Sicherheitseinrichtungen. Einfachste Konzepte zu "fail safe" etwa bei Stromausfall wurden beim Design missachtet. Profitgier spielte vermutlich auch eine Rolle, wie etwa bei Fukushima, bei dessen Bau extra die Steilküste abgetragen wurde, mutmaßlich, um Pumpenleistung zu sparen.
Die oft verspottete deutsche Gründlichkeit und der Hang zu Perfektion fehlten hier. Sie sind meiner Ansicht nach aber unbedingte Voraussetzungen, um eine solche Hochrisiko-Technologie überhaupt betreiben zu können.
Und jetzt sehen wir uns die Gegenwart an. Ich sehe nicht, dass eine durch Bologna geprägte Generation von Hochschulabsolventen dazu noch in der Lage wäre, ein fail-safes AKW zu planen, zu bauen oder zu betreiben. Die Deutsche Gründlichkeit wurde dem "time to market" geopfert. Der Betrug mit den Abschaltevorrichtungen bei großen Automobilkonzernen liefert ein Zeugnis darüber, wie unsere Industrie heute arbeitet. Ein großer amerikanischer Hersteller von Flugzeugen, der vor Jahrzehnten noch für die Qualität und Robustheit seiner Produkte berühmt war, hat unlängst ein Beipiel dafür abgeliefert, mit welchem Ausmaß an grober Fahrlässigkeit und Dummheit heute selbst in sicherheitskritischen Bereichen gearbeitet wird.
Da wird auf der Basis einer völlig in die Jahre gekommenen Konstruktion ein Redesign vorgenommen. Um Kosten für Neuzertifizierung und Schulungen zu vermeiden, wird eine völlig unzureichend dokumentierte Regelung in die Fluglagensteuerung "geklebt", deren Funktion den meisten Piloten unbekannt ist und die sich zu allem Überdruss auch noch durch einen einzigen defekten Sensor aus dem Takt bringen lässt. Und mit geradezu krimineller Energie verschweigt man die massiven Eingriffe in die Steuerung vor den Zulassungsbehörden, nur um Kosten zu sparen.
Die Konzerne, die heute noch AKW bauen, haben sich auch nicht mit Ruhm bekleckert. Termine für die Fertigstellung werden immer wieder verschoben, die Kosten explodieren.
Angesichts dieser veränderten Rahmenbedingungen kann ich mir nur schwer vorstellen, welche Techniker und Ingenieuere heute AKW planen und bauen sollen, die unseren heutigen Anforderungen an die Betriebssicherheit Rechnung tragen würden. Oder welche Manager sich dem Druck von Investoren und Shareholdern widersetzen sollten, um Sicherheit über deren Profite stellen.
Daher sehe ich den Vorstoß der Union zur Wiederbelebung der Kernenergie als Luftnummer an. Wo war denn ein Friedrich Merz, als Frau Merkel vor 14 Jahren ohne Debatte alle vorherigen Beschlüsse zum weiteren Betrieb der Kernkraftwerke aus rein populistischen und wahltaktischen Erwägungen kippte?