Alpenkoenig
Fichtelberg (1214,6m)
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[URL=https://www.fm4.at]www.fm4.at[/URL] schrieb:... so war das auch gestern der Fall, als der vormalige Rad-Halbgott Jan Ullrich unter dem Druck der gegen ihn vorgebrachten Doping-Untersuchungen seinen Rücktritt erklärte.
Ullrich war schutzlos, ohne Beistand, ohne Beratung, ohne Management, ohne Pressesprecher, ohne den Schutz eines Teams oder eines Verbands und machte den entsetzlichen Fehler sich offen so zu benehmen, wie es ihm seine Natur vorgab.
Erstmals.
Das Gemetzel, das er dadurch an sich selbst anrichtete, war blutig und grausig anzusehen.
Zuerst gab Ulle, der fleischgewordene naive Held, eine tumbe Adaption des Franz Biberkopf, ein Ossi aus dem Bilderbuch, in einem 37-minütigen Rundumschlag seinen Rücktritt bekannt. In diesem Monolog zerschnitt er furiengleich alle Fäden, die ihn noch mit Medien und Partner verbanden, brach seine Sozialkontakte zur Branche ab, und verwahrte sich gegen jede Kritik und jeden Vorwurf der Unrechtmäßigkeit - ohne auch nur den Hauch eines Belegs anzusprechen.
Ullrich zog sich auf die letzte Ebene des Selbstbetrugs zurück, den formalen Einspruch. Die in spanischen Doping-Labors gefundenen Blutbeutel mit seinem Namen drauf - das wäre nichts. Die Berichte über diese Razzia seien illegitim weitergegeben worden - also ist der Übermittler der Nachricht der Bösewicht, nicht die Täter, das System Doping im Radsport und der kleine drin gefangene Wurschtl, nämlich Ullrich selber.
In dieser immer enger werdenden Welt der Verschwörung agierte Ullrich bei dieser PK so, wie jemand, der direkt und ehrlich ist, reagieren muss, egal ob Mensch oder Tier.
Ullrichs Blick hatte viel von einem in die Enge getriebenen Tier, das sich auf allerengstem Raum gegen übermächtige Angreifer bewähren muss und das nur unter Aufbringung von übermenschlichen Kräften kann. Dazu gehören extreme Konzentration und natürlich das Verdrängen jeglicher negativer Gedanken, man muss alles diesem Kampf unterordnen. Tiere in solchen Fallen-Situationen beißen sich schon einmal einen Teil des Körpers selber ab um freizukommen.
Und Jan Ullrich verließ diese Pressekonferenz als Torso.
Das Allerschlimmste sollte aber noch folgen. Ullrich hatte sich für einen Medien-Auftritt, für eine TV-Sendung entschieden, für Reinhold Beckmann.
Beckmann ist einer der beiden jaulenden Mäuler in der Mini-Laokoon-Gruppe des doppelköpfigen Grauens der Promi-Einschleimerei, des genüßlich zelebrierten Anteilnahme-Voyeurismus, das Ullrich, ganz Tor, ganz Biberkopf, bislang in seinen Untiefen nicht durchschaut hatte (etwas, das er mit der Mehrheitsbevölkerung teilt).
An diesem Abend wußte er aber innerhalb von wenigen Minuten woran er war: Ullrich duzte Beckmann, der ihm anlässlich der in den letzten Jahren dutzendweise erfolgten Schleimspur-Medien-Auftritte selbstverständlich das distanzlose Du-Wort angeboten hatte, diese Eintrittskarte in die Ekel-Grauzone des Infotainments, des distanzlosen Hofberichterstattungs-Journalismus.
Nur: Beckmann siezte zurück.
Nicht, dass er sich traute, die Doping-Frage direkt zu stellen oder die zahllosen angedeuteten Ungereimtheiten zu verknüpfen (da blieb er bei einem populistisch heischendem "Ja, aber das ergibt doch in der Öffentlichkeit ein Bild, das Ihnen nicht recht sein kann ..."), er entzog Ullrich das Du der Jubel-Zeiten um sich mit einem kritischen Sie plötzlich, abrupt und Beckmann-ungewohnt auf eine vage Gegenseite zu schlagen.
Eine widerliche und feige Entscheidung, bei der man sich fragt, inwieweit da der (österreichische) Redaktionsleiter Markus Peichl involviert war. Ich fürchte stark.
Ullrichs seelisch entzundene Augen glühten noch eine Spur waidwunder, als er diesen logischen, aber von ihm sträflich naiverweise unvermuteten Verrat begriff. Er engte seine Rückzugs-Möglichkeiten noch mehr ein, zog sich nicht einmal mehr auf die Christoph Daum-Position des plappernden Herumgeredes zurück, sondern war sekundenweise überhaupt nicht imstande etwas zu sagen.
Selbst die Ausrede, dass seine Anwälte ihm verboten hätten über den spanischen Fall zu sprechen, da er ja gerichtsanhängig sei, kamen mit quälend-schmerzhafter Verzögerung, und es gusenbauerte auf Ulrichs Oberlippe.
Die selbst zwischen Beckmanns waschweiber-modulierter Stimmlage halbwegs deutlich erkennbare Frage warum er sich denn nicht in eine Beweis-Offensive mittels DNA-Test begebe, wenn er, wie behauptet, komplett unschuldig wäre, hinterließ ihn genauso ratlos. Er verstand sie nicht.
Ullrich war tatsächlich imstande, alles auszublenden, was ihm in seinen Karrierejahren an Doping-Selbstverständlichkeiten untergekommen war (inklusive der eigenen Sperren und nachgewiesenen Delikte) - nur so konnte er sich als Opfer fühlen und selber die Frage nach der Undurchschaubarkeit dieses Systems stellen.
Da hat sich einer selber lobotomiert, wie das Tier in der Falle eben nicht den Fuß, sondern die Erinnerung abgebissen ...
Ansonsten kann ich mich nur mehr k2ks treffenden Kommentar anschließen.
