Gegen eine «Europaparkisierung»
Der Heimatschutz kritisiert, dass die Erhaltung des alten Sessellifts auf den Weissenstein nicht näher geprüft wurde. Denn: Ihn zu renovieren wäre visionär, sagt Philipp Gressly, der Präsident der Sektion Solothurn.
Interview: martin kaiser
«Die 16-minütige Fahrt mit dem nostalgischen Sessellift über 30 filigrane Masten ist ein ähnlich emotionales Erlebnis wie die Reise in einem Dampfzug»: Woher stammt dieser Satz?
Philipp Gressly (lacht): Aus einer Pressemitteilung des Schweizerischen Heimatschutzes.
Muss man die Nostalgie-Sache immer so auf die Spitze treiben?
Auf rein emotionaler Basis ist das unsere Motivation, ja. Die Frage ist doch auch, ob sich der alte Sessellift auf den Weissenstein marketingmässig nicht versilbern liesse. Genau diese Frage wollen wir zur Diskussion stellen. Doppelt motivierend ist, dass viele andere Leute unsere Gedanken teilen.
Viele andere aber nicht.
Es ist unser Schicksal als Verband, der sich für Werte einsetzt, die als solche vielleicht noch nicht erkannt wurden, dass wir mit unseren Anliegen oft alleine dastehen. Wir haben in dieser Sache auch Bauchargumente, für andere sind das eher Rechnungsspiele.
Sie lehnen die Pläne der Seilbahn Weissenstein AG ab. Warum?
Das stimmt so nicht. Wir haben im Rahmen einer ers- ten Vernehmlassung unseren Standpunkt eingebracht. Plakativ fordern wir den Erhalt der alten Bahn. Dahinter steht primär die Forderung, dass diese Variante noch eingehender geprüft wird.
Aber die Seilbahn Weissenstein AG kommt doch zum Schluss, dass die Renovation der alten Bahn 7 bis 7,5 Mio. Franken kosten würde.
Gestützt auf die Informationen, die wir haben, ist dieser Betrag nicht genügend transparent. Unsere Anliegen richten sich aber nicht direkt an die AG, sondern an den Kanton, der die Steuerungsgruppe leitet.
Wieso muss die alte Seilbahn um jeden Preis erhalten werden?
Weil wir der Meinung sind, dass die Seilbahn ein wertvolles Zeitdokument ist. Der Heimatschutz hat sich grundsätzlicher mit der Frage befasst, ob eine alte Bergbahn ein schützenswertes Denkmal sein kann. Die Bahn auf den Weissenstein ist zudem die letzte ihrer Art, die allenfalls erhalten werden kann. Und nun ist sie die erste Anlage, bei der der Heimatschutz diese Thematik zur Diskussion stellt.
Grundsätzlich: Was hiesse es für den Heimatschutz, wenn die alte Seilbahn verschwände?
Wir sind noch weit davon entfernt, Fundamentalopposition zu äussern. Uns geht es nun darum, Fragen zu stellen und unsere Mitwirkung anzubieten.
Welche Fragen stellen sich?
Zum Beispiel die der Finanzierung. Weiter die der langfristigen Tragfähigkeit beider Varianten. Aber auch die, ob die neue Bahn mit all den geplanten Annex-Nutzungen wirklich rentiert. Nach unserer Meinung gibt es auch für die alte Bahn einen wirtschaftlichen und touristischen Erhaltungsspielraum. Und dieser ist bisher zu wenig abgeklärt worden.
Aber diese Rechnung ist ja gemacht worden.
Wir sind, Stand heute, nicht restlos davon überzeugt, dass die Renovation der alten Bahn wirklich nur eine Konzession für fünf Jahre ermöglichen wird. Die Zahlen, wie sie im Raum stehen, scheinen uns recht vage.
Aber eine neue Bahn samt längerer Konzession kostete nur unwesentlich mehr als die Renovation der alten Bahn. Zudem würde sie den Spielraum auf dem Berg wesentlich erhöhen.
Das sind Annahmen. Und ich hoffe, dass sie stimmen, sollte die neue Bahn tatsächlich gebaut werden. Nur: Wir sind nicht davon überzeugt. Die Variante Neu rechnet mit einer Frequenzzunahme von 25 bis 50 Prozent. Ich bin nicht überzeugt, dass es gelingt, dies aufs ganze Jahr gesehen hinzubekommen. Und sogar wenn es gelänge, wäre der Kostendeckungsgrad bei um die 70 Prozent - genau gleich hoch wie heute also.
Die Seilbahn Weissenstein AG sagt, der Berg rentiere nur mit neuer Bahn und mehr Freizeitangeboten. Sie sehen das anders.
Die Logik der AG, wenn ich sie richtig verstanden habe, ist die: Wir brauchen eine neue Bahn, weil die alte zeitlich keine Perspektive hat. Damit sie dann auch rentiert, brauchen wir mehr Frequenz - also bauen wir noch eine Rodelbahn und eine Tubing-Anlage. Die Ursprungsidee aber war nicht die, den Berg attraktiver zu machen, sondern die Frage: Wie bringen wir mehr Leute auf die Bahn.
Eben zum Beispiel mit zusätz- lichen Freizeitangeboten.
Ja. Da setzen wir aber ein Fragezeichen. Wieso soll ein historisch wertvolles Erlebnis, also die alte Seilbahn, durch ein künstliches Retorten-Erlebnis auf dem Berg ersetzt werden? Für uns ist die Bahn als solche erhaltenswert.
Sie sind kein Freund des geplanten Freizeitparks auf dem Berg.
Nein. Er wird räumlich zwar begrenzt sein, bedeutet aber einen deutlichen Eingriff in die Landschaft. Und hier lohnt es sich zu fragen, ob das nötig ist. Zudem ist dies ja nicht das primäre Ziel, sondern leitet sich von der Rentabilität der Bahn ab.
Was wäre denn die Lösung für den Weissenstein aus der Sicht des Heimatschutzes?
Es gibt klare Vorgaben: Das Kurhaus und die anderen Betriebe auf dem Berg müssen überleben, das sind Sachzwänge, die auch wir verstehen. Das ist ja auch mit ein Grund, weshalb die neue Bahn nötig sein soll. Wir aber fragen: Geht es nicht auch anders, beispielsweise mit geregelten Fahrtmodellen auf den Berg. Und ein Stück weit sind wir auch konservativ: Der Berg, wie er ist, ist schön, ein Naherholungsgebiet, und braucht keine «Europaparkisierung».
Wer kämpft eigentlich gegen die Seilbahn-Pläne - der Heimatschutz Schweiz oder die Solothurner Sektion?
Den Lead hat der Schweizer Heimatschutz, wir stehen aber gemeinsam hinter dem Anliegen.
Wie viel kann der Heimatschutz in dieser Sache bewirken?
Einiges, hoffe ich. Uns ist aber bewusst, dass bereits sehr viel in Richtung Variante Neu gelaufen ist. Wir haben erst spät zum Projekt Stellung beziehen können. Und es braucht gute Argumente, um jetzt noch auf die Variante Alt umzuschwenken. Unsere Position ist also keine einfache.
Im schlimmsten Fall droht den Solothurnern ein Berg ohne Bahn, sagt die Seilbahn Weissenstein AG. Wie sehen Sie das?
Hier muss ich der AG ein Kränzchen winden: Es zeugt von Verantwortungsbewusstsein, dass man sich bereits sehr früh mit allen möglichen Szenarien für den Weissenstein auseinandergesetzt hat. Grundsätzlich muss man die Sache zum jetzigen Zeitpunkt aber als das nehmen, was sie ist: Eine Vernehmlassung. Wir sind weit von der Frage entfernt, ob wir das Verbandsbeschwerderecht wahrnehmen, wie auch schon behauptet wurde. Und: Wenn am Ende alles schief laufen sollte, dann trifft sicher nicht uns die Verantwortung, nur weil wir die Frage nach dem Erhalt der alten Bahn aufgegriffen und zur Diskussion gestellt haben.
Unter welchen Bedingungen könnten Sie sich mit der Variante Neu anfreunden?
Wenn sie die einzige Lösung wäre. Wir würden sicher nicht etwas «Gutes» verhindern, wenn dies alle eigentlich wollen.
Also braucht der Weissenstein eine Bahn.
Ich persönlich würde es sehr bedauern, wenn es keine Bahn mehr gäbe, auch aus ökologischer Sicht. Im Moment stellt sich aber eine andere Frage, die, welche Bahn wir brauchen. Die AG sagt, die Leute, die den Sessellift vor 60 Jahren bauten, seien Visionäre gewesen; jetzt eine neue Bahn zu bauen, das sei auch visionär. Wir sagen: Es ist nicht visionär, eine neue Bahn zu bauen, die es sonst überall gibt. Visionär wäre, die alte Bahn langfristig als historische Attraktion zu erhalten.